Samstag, 25. Juni 2022

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Matthias Dell
Und jährlich grüßt die DDR

Zuverlässig wird in den Medien jedes Jahr über den Mauerfall berichtet, der im November seinen 30. Jahrestag hat. Viele Redaktionen kramen dafür allerdings leider die immer gleichen, altbackenen Bilder und Ideen heraus, findet Kolumnist Matthias Dell. Dabei müsste es so nicht sein.

Von Matthias Dell | 12.06.2019

Denkmal zum Tag der Maueröffnung am 11.11.1989 zwischen Stapelburg und Eckertal, ehemalige innerdeutsche Grenze, Sachsen-Anhalt, Deutschland, Europa
Denkmal zum Tag der Maueröffnung am 11.11.1989 zwischen Stapelburg und Eckertal, ehemalige innerdeutsche Grenze, Sachsen-Anhalt (dpa / imageBROKER / Gabriele Hanke)
Diese Kolumne kommt vermutlich zu spät. Zu spät für das Fernsehprogramm im Herbst, für Planung und Produktion von Beiträgen zu 30 Jahren Mauerfall. Aber sie kommt eh nur dann zu spät, wenn man davon ausgeht, dass diese Kolumne irgendeinen Einfluss haben könnte. Auf Fernsehredaktionen, die sich überlegen, was im Herbst aus Anlass des Jubiläums gesendet werden soll.
Meine Befürchtung ist: Es wird das produziert werden, was immer schon produziert worden ist. Erinnerungsstücke, Dokumentationen, fiktionale Filme, die vom Ende der DDR erzählen. Und das auf die immer gleiche Weise: Da gab es das repressive System, in dem System gab es Widerstandskämpfer, und am Ende kam die Freiheit.
Immer gleiche altbackene Berichterstattung
Dabei ist ja unübersehbar, dass die Geschichte an diesem Punkt nicht endet. Dass seitdem nicht alles gut ist zwischen Ost und West. Und das hat auch damit zu tun, wie im Fernsehen die DDR erinnert wird. Nämlich in dem Dualismus von Repression und Widerstand. Natürlich gab es in der DDR Repression und es gab auch Widerstand, aber wenn man alles nur durch diesen Dualismus betrachtet, wird das Verständnis von DDR extrem reduziert.
Das sieht man schon daran, dass es nie mehr mutige DDR-Bürger gegeben hat als in den Filmen, die nach dem Ende der DDR über sie gedreht worden sind. In solchen Momenten ist zu merken, wie leicht es sich der Westen macht. Und wie wenig er sich selbst reflektiert, wenn er über die DDR berichtet.
Blindheit des Westens gegenüber sich selbst
Ein erschütterndes Beispiel für die Blindheit des Westens gegenüber sich selbst steht seit letzter Woche in der ZDF-Mediathek: ein 45-minütiger Film über das "Fernsehen in der DDR" von Matthias Hoferichter und Andreas Vennewald. Zwei Namen, die man sich nicht merken muss, denn eigentlich ist dieses Stück Fernsehen der Rede nicht wert.
Der Film interessiert sich für nichts, er sagt alles, was man schon weiß, und erzählt, natürlich, von Repression und Widerstand, und darüber hinaus vom Drolligen und Putzigen. Die Sendung "Der schwarze Kanal" war Propaganda, der Nachrichtensprecher hat in der Probe einmal einen, naja, kritischen Witz gemacht und danach fast Ärger gekriegt, aber diese Unterhaltungssendung mit dem nackten Reporter am FKK-Strand, die war doch lustig.
Das Absurde an der Dokumentation ist: Sie blickt von oben runter auf anderes Fernsehen – und ist dabei als Fernsehen selbst totaler Müll. Technisch und intellektuell, ein abgenutztes Standard-Format ohne Eigensinn und Inspiration. Als würde sich eine Fast-Food-Kette über ein Restaurant mokieren, das keine High-End-Kulinarik anbietet.
Berichtsgegenstand ernstnehmen
Dabei gäbe es so viel zu entdecken, selbst über das Fernsehen in der DDR. Oder auch über das Fernsehen im Westen aus der Zeit, als es die DDR noch gab. Wie dort damals berichtet wurde, als die Geschichte noch nicht gewonnen war. Aber dafür müsste man einmal ins Archiv gehen, man müsste seinen Gegenstand ernstnehmen und über sich selbst nachdenken. Man müsste das Archivmaterial länger anschauen und länger zeigen, als sich damit zu begnügen, fünf Sekunden vom "Sandmann" vorzuführen und die dramatische Sprecherinnenstimme sagen zu lassen, dass Walter Ulbricht auch einen Spitzbart hatte.
Warum, liebes ZDF, machst du das nicht? Es wäre dein Auftrag. Und noch nicht zu spät.