Dass diese nun schon zum 32. Mal stattfindende Veranstaltung im internationalen Messekalender einen besonderen Platz einnimmt (sie ist mit 675 Ausstellern aus 42 Ländern die größte und vielfältigste ihrer Art), hat unter anderem historische Gründe: In Genf residiert die für die Wahrung von Patent- und Urheberrechten gleichermaßen zuständige "Weltorganisation für geistiges Eigentum". Beides, das Patentrecht wie das Urheberrecht, hat seinen Ursprung im Zeitalter der Aufklärung; die Naturrechtsphilosophie des 18. Jahrhunderts enthielt nämlich den kühnen Gedanken, dass der schöpferische Mensch ein besonderes Recht an seinen Schöpfungen habe und dass der Staat es schützen müsse. Das gilt für technische Schöpfungen genauso wie für literarische, und diese juristisch-administrative Nachbarschaft von Dichtern und Erfindern ist kein Zufall. Denn die subtile Dialektik des tüftlerischen Suchens und Findens hat viel mit dem poetischen Prozess gemein. So wie der Dichter ein Gedicht erfindet, so richtet der Erfinder seine Phantasie aufs Gegenständliche; er ist ein Dinge-Dichter, seine Poesie manifestiert sich in Patenten. Die Genfer Erfindermesse ist folglich eine Art Slam-Festival der Festkörperphysik.
Der elektronische Wasserhahn, der zusammenklappbare Hochsitz, der Kotzbeutel zum Umhängen, die Buchseitenspreizspange, das Gardinenaufhängesystem – der Katalog der 1000 präsentierten Neuheiten ist ein Buch von ungeschriebenen Geschichten. Denn selbstverständlich ahnt der Leser hinter der sachlichen Beschreibung jeder einzelnen Erfindung das private Malheur und die private Wut, denen der Innovationsimpuls jeweils entsprang. Innovation beruht schließlich auf Negation; der Erfinder findet sich nicht ab mit dem, was er vorfindet, er stellt die geballte Realität der Welt mit seiner Phantasie in Frage. Weder die Meere noch das All sind einem richtigen Erfinder zu fremd oder zu fern, um sich an ihnen Änderungen auszudenken.
Woher nimmt der Erfinder diese Kraft zum Widerstand? Durch die abendländische Philosophie zieht sich die Vorstellung von der Zweistämmigkeit allen Wissens: die Vorstellung, dass es eine göttliche Quelle der Offenbarung und ein menschliches Vermögen der Erkenntnis gebe. Die Ideen des Erfinders stellen wenigstens zu einem Teil dieses göttliche Inspirationswissen dar, das erst durch seine patentamtliche Überlieferung in den Schatz des menschlichen Erfahrungswissens eingeht. Der technische Fortschritt schlechthin, in seiner unberechenbaren Umständlichkeit, erscheint eher als Offenbarung denn als geplante Errungenschaft. Dies gilt zumindest für den klassischen Erfinder, der immer noch nicht ausgestorben ist, obwohl ein Großteil aller Innovationen heute aus den Forschungsabteilungen der Industrie stammt – 65 Prozent sind es auf der Genfer Messe.
Im Gegensatz zu der industriell organisierten Herbeiführung des Fortschritts, ist die Tätigkeit des klassischen Erfinders sehr frei von wissenschaftlichem Methodenzwang. Es gibt für ihn keine andere berufliche Qualifikation außer der nachträglichen durch das Gelingen. Im Grunde ist die Methodik bloß der Mut des Dilettanten. Aber dies ermöglicht größere Entwicklungssprünge, und durch dieses Moment der Plötzlichkeit verkörpert der Erfinder ein ganz bestimmtes Fortschritts-Prinzip – nicht das evolutionäre, sondern das revolutionäre. Er betreibt statt der scholastischen eine intuitive, imaginative Wissenschaft, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass sie keine Grenzen zwischen Fachgebieten kennt. Die feinsinnige Klassifizierung, die der Katalog der Genfer Messe vornimmt – von A für Mechanik, Motoren, Maschinen und Metallurgie bis V für Umweltschutz und Energie – hat insofern schon parodistische Züge.
Die haushaltliche Basis, ja die Küchenhaftigkeit des originären Drauflos-Erfindens bedeutet von vornherein, dass selbst ganz nichtsnutzigen Neuerungen etwas überwältigend Umfassendes anhaftet. Natur und Technik beispielsweise erscheinen dem Erfinder keineswegs als Antipoden, vielmehr ist für ihn die Technik nichts anderes als eine Erscheinungsform der Natur. Jedenfalls versucht der Erfinder, diese Kluft zu überbrücken, indem er Entsprechungen herstellt und Parallelaktionen ersinnt. Zum Beispiel ahmt er Organisches durch Mechanisches nach. Allerdings gehen da auch Illusion und Wirklichkeit leicht ineinander über. Selbst Kategorien wie Nutzen und Ästhetik werden unscharf und vermischen sich, und der Unterschied zwischen Verwicklung und Vereinfachung ist längst nicht mehr klar. Denn einerseits soll der technische Prozess ja dazu dienen, die Welt irgendwie einfacher zu machen, leichter handhabbar, weniger anstrengend, andererseits jedoch wird sie dadurch immer aufwendiger, komplizierter und anfälliger für Ausfälle, so dass am Ende Beschwernis und Erleichterung zusammenfließen.
Am abgründigsten ist aber das Verhältnis von Entwicklung und Zerstörung, das den Fortschritt im allgemeinen kennzeichnet. Der erfinderische Kampf mit der Materie bringt nämlich seit Urzeiten auch Rüstzeug für den Kampf der Menschen gegeneinander hervor. Häufig ist der Krieg der Vater des Gedankens: Waffen gehören von jeher zu den ausgeklügeltsten Erfindungen, für die kein Weg zu lang und nichts zu teuer ist. Wie viele Teile unserer zivilen Ausstattung entstammen nicht dem militärischen Bereich – von der Teflonpfanne bis zum Computerchip?
Doch so problematisch die Verwendung mancher Dinge ist, man kann vom Erfinder nicht verlangen, dies schon im Blick zu haben. Er ist im Augenblick seiner Inspiration indifferent gegenüber Fortschritt und Desaster, genauso wie gegenüber Nützlich- und Nutzlosigkeit. Darin besteht der Tribut seiner Universalität.