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StartseiteDeutschland heuteMathias Brodkorb - vom Philosophen zum Finanzminister 02.01.2017

Mecklenburg-Vorpommern Mathias Brodkorb - vom Philosophen zum Finanzminister

Mathias Brodkorb hat schon einige Altersrekorde aufgestellt: Einst war er der jüngste Landtagsabgeordnete im Schweriner Landtag und später einer der jüngsten Minister, den Mecklenburg-Vorpommern je hatte. Seit kurzem ist er Finanzminister. Freunde wie Gegenspieler meinen: Dieser Sozialdemokrat zeigt etwas, das in der SPD rar gesät ist: großes politisches Talent.

Von Silke Hasselmann

Der Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD).  (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Der Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD). (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
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Schwerin, letzte Dezemberwoche.  

"Es geht los"!  

Das Büro des Finanzministers füllt sich mit 40, 50 tassenbewehrten Beamten. Mathias Brodkorb hat extra seinen Urlaub unterbrochen, um zwei Kessel Glühwein für alle Kollegen anzusetzen, die zwischen den Feiertagen Dienst schieben.  

"Hier ist der Mann mit der großen Glühweinstrecke (Lachen). Da wird das dann ein bisschen zackiger laufen …" 

Erst gut zwei Monate zuvor – am letzten Tag der Koalitionsverhandlungen mit der CDU – hatte ihm der alte und neue SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering den Finanzministerposten angetragen. Sehr zu Überraschung von Mathias Brodkorb, der gerade erst schweren Herzens Sellerings Wunsch akzeptiert hatte, aus dem Kabinett auszuscheiden und sich im Parlament als SPD-Fraktionschef klug mit dem großen Landtagswahlsieger AfD auseinanderzusetzen. Auch wenn es anderslautende Gerüchte gegeben habe, so der 39-Jährige: Seine Lebensplanung sah eigentlich vor, vorerst Kultus-, Bildungs- und Wissenschaftsminister zu bleiben.  

"Das ist auch das Themenfeld, das mir aufgrund meiner akademischen Ausbildung am nächsten liegt. Ist bei Philosophie und Altgriechisch ja auch nicht so ganz abwegig. Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass das das Themenfeld ist, das am Ende gesellschaftlich am wichtigsten ist. Wo die schönen Dinge auch passieren, während alle anderen Bereiche doch eher dienende Funktionen haben und nicht so sehr gesellschaftsgestaltende Komponenten".

Zukünftiger Ministerpräsident? 

Der Rostocker hat dafür ein Bild. Als Bildungsminister hatte er Schnee in seinem Tal liegen und konnte daraus etwas bauen – einen Schneemann oder andere Figuren. Als Finanzminister sitze er an der Schneekanone. Selber etwas formen? Ist nicht. Allerdings könne er mitbestimmen, welches Tal wie viel Schnee wofür bekomme. Das geht nicht ohne Streit, zumal Brodkorb als Finanzminister den 2006 eingeschlagenen Kurs der soliden Haushaltsführung ohne Neuverschuldung fortsetzen soll. Welche Eigenschaften dafür besonders wichtig sind?  

"Strategisches Überlegen. Strukturiertes Denken. Auch eine bestimmte charakterliche Grundhaltung, eine gewisse Härte. Auch die Bereitschaft, heute mal Nein zu sagen und das auszuhalten."  

Dass er das kann, hat der gebürtige Rostocker bewiesen - ob Hochschul- oder Theaterreform, ob Inklusion, Heimatförderprogramm oder in Haushaltsverhandlungen. Brodkorb ist ein ungeduldiger Aktenfresser mit einem Faible für Zahlenkolonnen und Statistiken. Der Mann, der ein Wirtschaftsabitur abgelegt und sich im Rostocker Universitätsstudium viel mit Logik und Mathematikphilosophie beschäftigt hat, verfügt zudem über das Talent, strategische Ziele und unbequeme Entscheidungen verständlich begründen zu können.  

Zurück im Ministerbüro mit direktem Blick auf die Staatskanzlei. Mathias Brodkorb weiß natürlich um die Vermutungen, er solle oder wolle zu einem Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt aufgebaut werden. Das kommentiert er nicht, sondern wedelt mit dem Smartphone vor der heiteren Kollegenmenge, um einen besonderen Gruß zu filmen.  

Brodkorb: "Heute ist ein wichtiger Tag: Wir müssen noch einer Dame gedenken, die heute Geburtstag hat."  

Eine Mitarbeiterin: "Ja. Ihre Vorgängerin."  

Brodkorb: "Die Finanzministerin Polzin a. D. Es geht los!"   

Alle singen: "Happy Birthday to you..." 

Am meisten geprägt haben ihn Marx, Platon, Aristoteles

Man kann sich den feingliedrigen Träger eines 'Henriquatre', also eines Rund-um-den-Mund-Bartes, gut als bücherbewehrten Dauergast in einem Kaffeehaus oder in einem rauchgeschwängerten Debattierzirkel vorstellen. Das mit dem Rauchen und den Büchern kommt jedenfalls hin. Und sonst? 

Hat Mathias Brodkorb mit 17 Jahren die Philosophie entdeckt, Marx gelesen und sich der "Kommunistischen Plattform" der PDS angeschlossen. Während des Studiums entfernt er sich von Marx und nähert sich der Sozialdemokratie bis hin zum Parteiwechsel, obwohl: 

"Am meisten geprägt haben mich Marx, Platon, Aristoteles. Wenn Sie mich fragen nach Willy Brandt, Helmut Schmidt oder so - das muss ich alles verneinen. Das waren die drei, die mich am stärksten geprägt haben." 

Geprägt hat ihn sicher auch die Ausreise aus der DDR im Jahr 1987, als er zu seinem in Österreich lebenden Vater zieht. Zurück in Rostock fünf Jahre später findet er einen anderen Staat und ein neues Bundesland namens Mecklenburg-Vorpommern vor. Dort wird Mathias Brodkorb mit 25 Jahren jüngster Landtagsabgeordneter und 2011 mit nur 34 Jahren Kabinettsmitglied. (*)

Mittlerweile hat der Vater einer Tochter große und kleine "Schneemänner" gebaut in der Hoffnung, dass sie nicht dahinschmelzen. Das "Plattinum" zum Beispiel - die deutschlandweit einzige Möglichkeit, Niederdeutsch als Abiturfach zu wählen. Auch Mathias Brodkorb würde so gern Plattdütsch schnacken. Aber das kann er nicht.  

"Ich komme aus Rostock, und in meiner Familie wurde ganz viel Plattdeutsch gesprochen. Auch von meiner Großmutter. Und in dem Moment, in dem ich sie mir hätte aneignen können, bin ich nach Österreich gegangen. Da war ich so acht, neun Jahre alt."  

Er fällt in einen österreichischen Dialekt. Diese Art von Platt könne er reden. "Aber dös nutzt nix. Do versteht's mi koaner."

(*) Anmerkung der Redaktion: Im Audio sowie in einer früheren Version des Textes hieß es, Mathias Brodkorb sei 2011 mit 31 Jahren Kabinettsmitglied geworden. Im Audio hieß es zudem fälschlicherweise, Mathias Brodkorb sei zweifacher Familienvater. Wir bedauern diese Fehler und bitten um Entschuldigung.

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