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Startseite@mediasresEin bisschen weniger Facebook02.07.2018

Medien in Sozialen NetzwerkenEin bisschen weniger Facebook

Medienhäuser nutzen Facebook nicht nur, um eigene Inhalte zu verbreiten - viele sehen das Netzwerk inzwischen auch als Konkurrenten auf dem Werbemarkt. Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender wollen zurückhaltender werden. Der NDR macht jetzt einen ersten kleinen Schritt.

Von Stefan Fries

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Ein Mann blickt auf einen Bildschirm, auf dem in verschiedenen Formen "Delete Facebook" angezeigt wird. (imago/ Nasir Kachroo)
Einige Medienhäuser wollen ihre Präsenz auf Facebook einschränken. (imago/ Nasir Kachroo)
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38 Fanseiten hat der Norddeutsche Rundfunk auf Facebook - von der Tagesschau über die Fernseh- und Radioprogramme bis hin zum Satiremagazin "extra 3". NDR-Intendant Lutz Marmor findet es wichtig, dass sein Sender auf Facebook vertreten ist.

"Wir haben einen Auftrag, unsere Nachrichten beispielsweise auch zu verbreiten. Und Facebook ist ja auch ein Verbreitungsweg, das ist schon ganz wichtig. Wir wollen ja keine Geschäfte da machen, sondern wir wollen das, was wir tun, guten Journalismus, unter möglichst viele Leute bringen, und da ist nun mal Facebook ein Medium, an dem man nicht komplett vorbeigehen kann - derzeit zumindest."

NDR: Facebook - potenzieller Konkurrent für klassische Medien

Marmor sieht aber auch Probleme, zum Beispiel beim Datenschutz - und weil Facebook ein potenzieller Konkurrent klassischer Medien ist. In den USA beginnt das Unternehmen gerade damit, sich von Fernsehsendern wie CNN und Fox News spezielle Nachrichtensendungen produzieren zu lassen. So etwas hält Marmor mittelfristig auch in Deutschland für möglich. Er will auch deshalb, dass der NDR zumindest nicht noch Werbung für Facebook macht. Auf der Jahrestagung der Journalistenvereinigung "Netzwerk Recherche" in Hamburg kündigte Marmor Konsequenzen an.

"Da, wo es geht, wo wir nicht ganz kritische Masse verlieren, werden wir unsere Aktivitäten auf Facebook reduzieren. Wir werden zum Beispiel im Radio nicht mehr auf Facebook hinweisen. Wohl haben wir noch Facebook-Auftritte beispielsweise. Wir prüfen auch im Fernsehen, das zu reduzieren. Und das ist jetzt ein erster Schritt."

Der Schritt tut allerdings niemandem so richtig weh. Der NDR behält seine Reichweite auch über Facebook, das Netzwerk mit dem NDR wiederum ein renommiertes Medium. Eine Signalwirkung könnte davon dennoch ausgehen, denn bisher bewerben öffentlich-rechtliche Sender ihre Präsenz bei Facebook in Radio und Fernsehen, schließlich ist es für sie auch zur Kontaktpflege mit den Nutzern wichtig. Nach ein paar Monaten will der NDR Bilanz ziehen, ob noch weitere Schritte folgen.

Verlage: Facebook - riesiger Akteur in der politischen Kommunikation

Für Verlage ist die Beziehung zu Facebook noch schwieriger, etwa für "Gruner+Jahr" in Hamburg, in dem zum Beispiel "Stern", "Brigitte" und "Geo" erscheinen. Vorstandschefin Julia Jäkel möchte nicht mal von einer Partnerschaft mit Facebook sprechen.

"Einerseits ist es natürlich Distributeur von Reichweite für uns - mit abnehmender Bedeutung. Es ist, und das dominiert sicherlich unsere Beziehung, harter Wettbewerber um Anzeigengelder, Werbegelder. Und drittens - und das ist wahrscheinlicher der Aspekt, der mich am meisten sorgt - ist es ein riesiger Akteur in unserem soziopolitischen Umfeld in der Gestaltung von politischer Kommunikation heute. Und zwar zu einem Ausmaß, dass es wirklich unsere Gesellschaft verändert, beeinflusst. Und das leider meistens nicht zum Guten."

Facebook will qualitativ hochwertigen Inhalten mehr Raum einräumen

Facebook-Manager Guido Bülow verteidigte in Hamburg sein Unternehmen. Es sehe seine gesellschaftliche Verantwortung und habe bereits viel gegen Desinformation und Hetze getan. Bülow lehnte es aber ab, Accounts zu sperren, die so etwas systematisch verbreiteten.

"Wir löschen prinzipiell keine Inhalte. Wir reduzieren aber die Sichtbarkeit so weit, dass man sich schon sehr, sehr viel Mühe geben muss, die Inhalte zu finden."

Stattdessen, sagt Bülow, wolle Facebook Inhalten mehr Raum einräumen, die qualitativ hochwertig seien.

"Das sind Inhalte, denen die Menschen vertrauen, die aus lokalen Communitys kommen, die informativ sind. Und davon profitieren Verlage, davon profitieren auch Rundfunksender."

Medien und Facebook: komplexes Zusammenspiel

Davon sind die Redaktionen bisher nicht überzeugt. "Gruner+Jahr", der NDR und weitere Medien klagen darüber, dass ihre Reichweiten deutlich eingebrochen seien, nachdem Facebook deren Inhalte den Nutzern nicht mehr so stark in die Timelines spült wie bisher.

Trotzdem glaubt auch "Gruner+Jahr"-Chefin Jäkel, dass ihre Medien nicht auf Facebook verzichten können. Sie spricht von einem komplexen Zusammenspiel.

"Ich kann nicht von heute auf morgen sagen, wir haben mit denen nichts mehr zu tun. Das ist illusorisch, dafür sind unsere Geschäfte zu kompliziert, dafür ist unser Miteinander zu abhängig voneinander. Aber, was mir wichtig ist, ist wirklich, dass die großen Plattformen und Facebook an vorderster Stelle versteht, dass sie sich auch als Partner verhalten müssen."

Facebook-Manager Bülow verweist darauf, dass sich sein Unternehmen gewandelt habe, es jetzt neue Chancen und Möglichkeiten für Medien gebe, Geschichten zu erzählen und damit auch zusätzliche Reichweite zu bekommen. Auch deshalb will er nicht, dass Medien ihre Inhalte abziehen.

"Ich glaube, der Schaden wäre auf beiden Seiten - sowohl auf der einen Seite, was die Reichweiten und der Traffic für die Verlage angehen würde - als auch natürlich, dass die Inhalte bei uns auf der Plattform fehlen würden, keine Frage."

Trotz aller Beteuerungen: Das Verhältnis zwischen Facebook und den Medien bleibt kompliziert.

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