Rettungsversuche in der Ostsee
Medienpsychologe Schwab: Gestrandeter Wal "Timmy" wird vermenschlicht

Seit mehreren Wochen sorgt ein in der Ostsee gestrandeter Buckelwal für große Aufmerksamkeit in den Medien und in Sozialen Netzwerken. Der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg sieht gleich mehrere Gründe dafür.

    Retter bespritzen den Buckelwal vor der Insel Poel mit Wasser. Für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal soll der neue Rettungsversuch heute beginnen. Umgesetzt werden soll das Konzept von einer privaten Initiative.
    Rettungsaktion für den getrandeten Buckelwal vor der Insel Poel. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
    In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sagte Schwab, der Wal sei - anders als beispielsweise Ameisen oder Schnecken - ein Sympathieträger. Viele Menschen würden deshalb eine emotionale Bindung zu dem Tier entwickeln und ihm auch besondere Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Intelligenz zuschreiben.
    Dadurch, dass man dem Wal einen Namen gegeben habe - in Medien meist "Timmy", in Sozialen Netzwerken in der Regel "Hope" - treibe man zudem die Vermenschlichung des Wals weiter voran. Das Tier diene als Projektionsfläche für Umweltbewusstsein, Schuldgefühle gegenüber der Natur und der Sehnsucht nach Heldengeschichten; viele Menschen würden daher auf die Rettung des in ihren Augen unschuldigen Wals hoffen.

    Je negativer und absurder, desto besser verbreitet sich eine Botschaft

    Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner von der FH Münster erklärt die mediale Aufmerksamkeit auch damit, dass das menschliche Gehirn über Emotionen funktioniere. Auf ein Einzelschicksal zu reagieren falle leichter; vor allem wenn man es wie eine Art Serie mit immer neuen Fortsetzungen verfolgen könne.
    Zudem neigt der Mensch Urner zufolge dazu, gerade dem Negativen und Absurden viel Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Tragen komme dabei ein uraltes evolutionäres Erbe: Einst konnte es den Tod bedeuten, eine negative Nachricht - etwa das Anrücken eines Säbelzahntigers - zu verpassen. Entsprechend fokussiert sei das Gehirn auf solche Botschaften. Je negativer und absurder eine Social-Media-Botschaft sei, desto besser verbreite sie sich.
    Der Buckelwal war längere Zeit außerhalb seines angestammten Lebensraums umhergeirrt und liegt inzwischen seit mehreren Wochen vor der Insel Poel an der mecklenburg-vorpommerschen Küste. Es gibt weiter den Versuch von privaten Helfern, das Tier wieder in tiefere Gewässer zu bringen.
    Diese Nachricht wurde am 25.04.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.