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StartseiteUmwelt und VerbraucherMedikamentenrückstände belasten Abwasser23.01.2012

Medikamentenrückstände belasten Abwasser

Reinigungsstufen der Klärwerke reichen nicht aus

Die meisten deutschen Klärwerke filtern das Abwasser in drei Stufen, um es von Verunreinigungen zu befreien. Im Abwasser nachweisen lassen sich trotz dieser Filterung 100 Arzneimittel. Eine vierte Reinigungsstufe soll Abhilfe schaffen.

Von Annette Eversberg

In Klärwerken werden nicht alle Stoffe restlos herausgefiltert. (AP)
In Klärwerken werden nicht alle Stoffe restlos herausgefiltert. (AP)

Dem Abwasser macht vor allem der Wirkmechanismus von Medikamenten zu schaffen. Dr. Hans-Jürgen Pluta ist Fachgebietsleiter für den Bereich der Abwasserentsorgung im Umweltbundesamt in Berlin.

"Bei den Arzneimitteln oder den Therapeutika oder Hormonen ist das große Problem, dass sie gezielt hergestellt werden, um in kleinen Konzentrationen große Wirkung zu entfalten. Wenn Sie darüber nachdenken, bei einer Erkältung brauchen Sie nur kleinste Mengen einzunehmen, um die Erkältung loszuwerden. Das heißt, winzige Mengen dieser Stoffe reichen völlig aus, um Änderungen in der Physiologie und dem Hormonhaushalt der Organismen, hier in unserem Fall bei Arzneimitteln beim Menschen oder auch bei Tieren zu bewirken."

Im Abwasser nachweisen lassen sich etwa 100 von insgesamt 3000 Arzneimitteln. Sie können, so Professor Christof Wetter, Spezialist für Abwassertechnik an der Fachhochschule Münster, die Klärwerke ungehindert passieren.

"Weil die bisherigen Klärsysteme nicht darauf ausgelegt sind. Das heißt, wir haben zunächst mal nur die mechanische Abwasserreinigung, dann die biologische Abwasserreinigung mit Ziel auf die Eliminierung von Kohlenstoffverbindungen, dann die dritte Reinigungsstufe mit der Eliminierung von Stickstoff- und Phosphorverbindungen, und diese bisherigen üblichen Verfahren führen nicht dazu, dass Medikamente vollständig eliminiert werden."

Diskutiert wird derzeit, ob man die Klärwerke mit einer vierten Reinigungsstufe ausrüsten soll. Mit Hilfe von Sauerstoff können die Arzneimittelreste abgebaut werden. Besonderes Interesse gilt allerdings einem zweiten Verfahren, bei dem Aktivkohle zugesetzt wird, erläutert Christof Wetter.

"Man hat Pulveraktivkohle mit einer sehr großen Oberfläche, und die restlichen Bestandteile, die wir im Abwasser finden, das sind sicher dann auch noch Kohlenstoffverbindungen oder andere Verbindungen, die adsorbieren an diese Aktivkohle, also sind feinste Teilchen, die dann aus dem Wasser rausgeholt werden."

Die Reste werden verbrannt, indem man den Verbrennungsprozess zur Energiegewinnung nutzt. Die Einführung einer vierten Reinigungsstufe wird auch vom Umweltbundesamt befürwortet.

"Man muss auch bedenken, dass wir das gereinigte Abwasser auch in unsere Fließgewässer einleiten. In der Regel haben wir an unseren Fließgewässern nicht nur eine Kläranlage, sondern mehrere. Das heißt, im Laufe der fließenden Welle summieren sich die Konzentrationen der gesamten Abwasseranlagen in den Bereichen. Wir haben dann ganz sicher Schwierigkeiten in den größeren Flusssystemen, auch in anderen Ländern, wie der Schweiz, durch Aufkonzentrierungen von gefährlichen Stoffen."

Martin Weyand vom Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft lehnt für den BDEW eine vierte Reinigungsstufe ab.

"Erst einmal muss man sagen, dass bei dieser Angelegenheit auf der Grundlage des Verursacher- und Vorsorgeprinzips an der Quelle der Belastung angesetzt werden muss, statt eine nachträgliche Reparatur im Wasserwerk oder im Klärwerk vorzunehmen."

Martin Weyand warnt vor steigenden Kosten für die Verbraucher von bis zu 30 Cent pro Kubikmeter Abwasser und fordert deshalb:

"Dass man bei den Röntgenkontrastmitteln und Arzneimitteln Maßnahmen bei dem Indirekteinleiter, wie zum Beispiel den Krankenhäusern und Spezialkliniken, durchführt. Wir fordern deshalb eine Umweltrisikobewertung für Human- und Tierarzneimittel im Rahmen des Zulassungsverfahrens."
Dafür müssten die Wirkstoffmechanismen von Arzneimitteln verändert werden. Hans-Jürgen Pluta vom Umweltbundesamt zur Idee grüner Arzneimittel.

"Das ist eine Möglichkeit. Das wird aber sicherlich nicht bei allen Substanzen gehen."

In Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen sind bereits - so Hans-Jürgen Pluta - Pilotprojekte für eine vierte Reinigungsstufe angelaufen.

"Es ist ja so, dass man natürlich eine ganze Reihe von Forschungsergebnissen hat, jetzt aber mal prüfen muss, ob die großtechnisch umgesetzt werden können. Und das ist im Moment der Schwerpunkt der Aktivitäten in den verschiedenen Ländern und der Klärwerksbetreiber."

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