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StartseiteForschung aktuellTodesfall in Frankreich18.01.2016

MedikamentenstudieTodesfall in Frankreich

Die Details sind noch unklar, aber eines steht fest: In Frankreich ist ein Teilnehmer im Rahmen einer Medikamentenstudie gestorben, fünf weitere Menschen liegen im Krankenhaus mit schweren Hirnschädigungen. Sie alle haben mit über 70 weiteren Personen an einer sogenannten Phase-eins-Studie für ein neues Schmerzmittel teilgenommen.

Volkart Wildermuth im Gespräch mit Uli Blumenthal

Blutbestandteile von Studienteilnehmern werden im Labor untersucht. (dpa/picture-alliance/Waltraud Grubitzsch)
Die Behörden und der Französische Gesundheitsminister hat bestätigt, dass es Tierversuche zur Sicherheit gab, bei denen aber nichts auffiel. (dpa/picture-alliance/Waltraud Grubitzsch)

Uli Blumenthal: Erst einmal, um welches Medikament ging es überhaupt?

Volkart Wildermuth: Es handelt sich um einen Wirkstoff der Firma Bial-Portele aus Portugal. Er hat noch keinen richtigen Namen und läuft unter dem Kürzel BIA 10-2474. Er blockiert das Enzym FAAH im Gehirn, das eine ganze Gruppe von Substanzen abbaut. Einer davon ist Anandamid, sozusagen eine Art körpereigenes Schmerzmittel, das mit dem Wirkstoff von Cannabis verwand ist. Die Idee war: Wenn Anandamid nicht abgebaut wird, dann bleibt es länger wirksam und kann so Schmerzen effektiver dämpfen. Über die Substanz ist wenig bekannt, es gibt einen Patentantrag, aber es finden sich keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Auch auf der Webseite der Firma habe ich nur den Namen der Substanz und das mögliche Anwendungsfeld gefunden, nämlich Neurologische und psychiatrische Störungen.

Blumenthal: Trotzdem hat es ja diese Phase Eins Studie in Frankreich gegeben. Ist die Substanz denn vorher getestet worden?

Wildermuth: Ganz sicher, sonst wird so eine Studie gar nicht genehmigt. Das prüfen die Behörden und der Französische Gesundheitsminister hat auch bestätigt, dass es Tierversuche zur Sicherheit gab, bei denen aber nichts auffiel. Die Studie wurde von der Firma Biotrial durchgeführt, die ist sozusagen ein Dienstleister für Pharmafirmen, und macht viele solcher Studien. Auch die haben kein Interesse, ihre Probanden zu gefährden und würde ein Medikament, bei dem sich Probleme abgezeichnet hätte, sicher nicht einsetzen. Es gibt auch schon fünf anderer Wirkstoffe, die auf dasselbe Enzym im Gehirn zielen. Die waren gut verträglich und sind inzwischen auch schon weiteren Prüfung. Eine Phase zwei Studie mit mehr als 70 Teilnehmern hat keinerlei Probleme gezeigt, allerdings wurden die Gelenkschmerzen auch nicht viel besser.

Blumenthal: Also die Substanz sah erst einmal sicher aus. Was ist jetzt in Frankreich passiert?

Wildermuth: Biotrial hat im Juli von den französischen Behörden grünes Licht für die Phase eins Studie bekommen. Es wurden 128 erwachsene gesunde Männer und Frauen angeworben, die sich so etwas Geld verdient haben. Die Studie hatte mehrere Stufen, in denen jeweils höhere Dosen eingesetzt wurden. Bei den ersten 90 Teilnehmern ging alles gut. Im Januar erhielten dann sechs Männer nicht nur eine, sondern mehrere Dosen von BIA 10 2474. Am zehnte Januar kam dann einer der Teilnehmer ins Krankenhaus in Rennes, die Ärzte dachten erst er hätte einen Schlaganfall erlitten. Sein Zustand verschlechterte sich schnell, er ist inzwischen verstorben. Die Studie wurde dann sofort abgebrochen, aber vier weitere Teilnehmer entwickeln Blutungen im Gehirn, sie werden im Krankenhaus behandelt, aber es ist zweifelhaft, ob sie wieder vollständig genesen können. Der letzte Teilnehmer der Studie ist gesund, aber ist zur Beobachtung in der Klinik.

Blumenthal: Nun kam es ja erst 2006 zu schweren Nebenwirkungen bei einer Phase eins Studie in London. Wie kann es sein, dass eine Substanz im Tierversuch verträglich ist, aber den Menschen trotzdem schädigt?

Wildermuth: Ganz offensichtlich lassen sich Probleme nicht ausschließen. Deshalb reichen ja Tierversuche nicht aus und müssen Medikamente irgendwann an Menschen erprobt werden. In London ging es um den Antikörper TGN 1412 der bei Autoimmunkrankheiten helfen sollte. Passiert ist dann genau das Gegenteil eine völlig aus dem Ruder gelaufene Entzündungsreaktion, die sechs Teilnehmer auf die Intensivstation brachte und ihre Gesundheit dauerhaft schädigte. Im Nachhinein hat man rekonstruiert, dass der Bindungsort dieses Antikörpers beim Menschen etwas anders aufgebaut ist, als etwa bei Affen. Statt nur zu blockieren hat er diese Moleküle vernetzt und damit die lebensgefährliche Reaktion ausgelöst. Was genau das Problem bei BIA 10 2474 ist, werden sicher erst langwierige Untersuchungen zeigen. Klar ist bislang nur, dass die Einzeldosen offenbar gut vertragen wurden, die Probleme entwickelten sich erst, als die Personen mehre Dosen erhielten. Es könnte also daran liegen, dass der Wirkstoff sich anreichert und dadurch andere Reaktionen auslöst, vielleicht auch an ganz anderen Wirkorten. Eine andere Möglichkeit wären giftige Verunreinigungen in einer Charge. Aber bislang sind das alles nur Spekulationen.

Blumenthal: Wie häufig sind denn solche schweren Probleme und Todesfälle bei Phase eins Studien?

Wildermuth: In Deutschland laufen jedes Jahr ungefähr 250 Phase 1 Studien, sie sind also Alltag in der Medizin, zu einem Todesfall ist es hier aber noch nie gekommen. Die Vereinigung der Britischen Pharmazeutischen Industrie hat 2012 alle verfügbaren Daten analysiert. Danach entwickeln 0,02 Prozent der Teilnehmer ernste Nebenwirkungen. Ernst bedeutet in diesem Fall, dass mindestens eine Nacht in der Klinik erforderlich war, aber die meisten dieser Nebenwirkungen lassen sich behandeln. Neben den sechs Patienten die dauerhaft durch den Londoner Antikörper geschädigt wurden, aber es seit den 1950igern drei Todesfälle und einige Male ist auch ein gefährliches Virus aktiviert worden. Also Phase eins Studien verlaufen in der überwiegenden Zahl der Fälle völlig problemlos, schwere Nebenwirkungen und Todesfälle sind sehr selten. Es gibt im Grunde auch keine Alternative zu diesen Studien, denn ohne die gäbe es keine neuen Medikamente.

Blumenthal: Was heißt das jetzt für den Wirkstoff?

Wildermuth: Es ist unwahrscheinlich, dass BIA 10 – 2474 je auf den Markt kommen wird. Für ein Schmerzmittel sind Nebenwirkungen dieser Größenordnung einfach nicht tolerierbar, zumal es ja mit Sicherheit häufiger eingenommen werden müsste. Einzige Ausnahme, wenn sich herausstellt, dass die Ursache nicht im Wirkstoff, sondern in einer Verunreinigung liegt. Aber das herauszubekommen, wird Monate dauern. Die anderen FAAH Hemmer haben ja keine Probleme verursacht, aber ich vermute, ihr Image könnte doch Schaden genommen haben.

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