Freitag, 30. September 2022

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Medizin
Historische Gemälde zeigen Verbreitung von Krankheiten

Noch immer ist es nicht gelungen, Lepra aus der Welt zu schaffen. Dabei ist die Krankheit nicht besonders ansteckend und die Bakterien verändern sich nur extrem langsam. Um zu verstehen, warum sich die Lepra trotzdem gehalten hat, schauen Schweizer Forscher auch auf historische Quellen – zum Beispiel auf Gemälde.

Von Jennifer Rieger | 01.08.2016

    Eine Künstlerin mit Hut in Rückenansicht vor einer Staffelei in einem Garten
    Gar nicht selten geben historische Gemälde Hinweise auf die frühere Verbreitung und Ausprägungen verschiedener Krankheiten. (imago/CHROMORANGE)
    Man muss schon etwas genauer hinschauen, bis man ihn gefunden hat: In der unteren rechten Ecke des Triptychons sitzt ein Mann mit einer Glocke in der Hand, in ein rotes Tuch gehüllt. Neben ihm liegt ein Gehstab.
    "Es ist ein Gemälde von Bernard van Orley," Das Jüngste Gericht". Die Glocke war ein Zeichen dafür, dass ein Leprakranker in die Stadt kam. Außerdem hat der Mann auffällige Veränderungen im Gesicht. Zum Beispiel seine Nase ist stark deformiert, ebenso die Knochen und Gelenke, vor allem in den Händen und Beinen. In diesem Fall können wir sehr sicher sein, dass es sich um einen Leprafall handelt."
    Francesco Galassi von der Universität Zürich ist Experte für Paläopathologie, eine junge Forschungsdisziplin, die sich mit den Krankheiten vergangener Epochen beschäftigt. Galassi und seine Kollegen am Institut für Evolutionäre Medizin verwenden verschiedene Methoden, um die historische Entwicklung von Erkrankungen wie Lepra nachzuvollziehen – unter anderem untersuchen sie die Darstellung von Krankheiten auf Gemälden.
    Lepra ist eine der ältesten bekannten Krankheiten
    "Die beste Epoche für die retrospektive Diagnose in der Kunst ist zweifellos die Renaissance, weil der Mensch zu dieser Zeit wieder in den Fokus rückte. Menschen wurden extrem genau dargestellt, im Vergleich zu späteren und früheren Epochen. Besonders in den Bildern flämischer und italienischer Maler tauchen in dieser Periode viele Krankheiten auf, auch wenn die Künstler sie vielleicht nicht als Pathologien wahrgenommen haben."
    In solchen Gemälden haben Galassi und seine Kollegen Beschwerden wie Kleinwüchsigkeit, die Gefäßentzündung Morbus Horton und eben Lepra gefunden. Lepra ist eine der ältesten bekannten Krankheiten und entsprechend gut dokumentiert. Knochenfunde aus Nordindien und Pakistan und historische Texte aus dem heutigen Irak deuten darauf hin, dass die Erreger Mycobacterium leprae und Mycobacterium lepromatosis die Menschheit bereits ca. 3.000 Jahre vor Christus heimgesucht haben. Aufschlüsse über die Epidemiologie der Krankheit im Laufe der Jahrtausende können Gemälde allein freilich nicht bieten.
    "Aber wenn wir verschiedene Hinweise kombinieren, zum Beispiel aus der Kunst, aus historischen Archiven und von paläopathologischem Material, also Spuren von Lepra an Knochen, wenn wir all diese Beweise zusammenfügen, dann können wir die epidemiologische Entwicklung einer Krankheit wie Lepra rekonstruieren."
    Bei Lepra müsse man allerdings vorsichtig sein, so Francesco Galassi. Auf Albrecht Dürers Gemälde "Hiob und seine Frau" ist Hiob mit krankhaften Veränderungen der Haut dargestellt, die auf Lepra hindeuten könnten – doch sie könnten auch ein Symptom für Syphilis sein.
    Ein Vorteil der Analyse von Gemälden: im Gegensatz zu Skeletten zeigen sie auch krankhafte Veränderungen des weichen Gewebes – und das erlaubt zum Teil eine differenziertere Diagnose. Ohne die Hinweise aus Kunst ließe sich von manchen Krankheitsbildern nicht mit Sicherheit nachweisen, dass es sie vor mehreren hundert Jahren schon gab. Gemälde wie Caravaggios "Judith köpft Holofernes" zeigen zum Beispiel, dass man Struma, also eine Vergrößerung der Schilddrüse, schon im 16. Jahrhundert kannte.
    Doch wozu sollten wir uns überhaupt mit Krankheiten der Vergangenheit auseinandersetzen? Frank Rühli, Gründer und Leiter des Instituts für Evolutionäre Medizin:
    "Je mehr wir wissen über die Entwicklung von den Erregern, wie schnell sie sich verändern, wie sich beispielsweise Umweltveränderungen, soziale Veränderungen, Migrationsbewegungen, wie sich das niederschlägt in den Infektionskrankheiten in der Vergangenheit, das kann uns eben auch helfen, die heutige Situation besser zu verstehen."
    Und dieses Wissen kann nicht nur dabei helfen, heutige Leprafälle zu verstehen und zu kontrollieren – sie lässt sich möglicherweise auch auf moderne Krankheiten anwenden, wie zum Beispiel HIV/Aids
    Außerdem sei die evolutionäre Medizin ein Mittel, das Wissen über Krankheiten zu bewahren, die selten geworden sind, fügt Rühlis Kollege Thomas Böni hinzu:
    "Unsere Großväter wussten wesentlich mehr über die klinischen Zeichen der Tuberkulose wie wir. Und es ist auch wichtig, dass ein gewisses Wissen erhalten bleibt, weil es ist möglich, dass wir wieder damit konfrontiert werden."