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StartseiteForschung aktuellMaßgeschneiderte Viren gegen resistente Bakterien 09.05.2019

MedizinMaßgeschneiderte Viren gegen resistente Bakterien

Bakterien mit Phagen, mit bakterienfressenden Viren zu bekämpfen - das klingt nach einer guten Idee. Wie wirksam eine solche Therapie tatsächlich ist, ist nach wie vor umstritten. Jetzt haben Forscher für eine schwerstkranke Patientin Phagen erstmals gentechnisch maßgeschneidert - und offenbar mit Erfolg eingesetzt.

Von Christine Westerhaus

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Computergrafik von Bakteriophagen (imago/Science Photo Library)
Computergrafik von Bakteriophagen (imago/Science Photo Library)
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Schon seit ihrer Geburt leidet die jetzt behandelte Patientin an Mukoviszidose. Bei dieser erblichen Krankheit ist der Schleim in den Bronchien besonders zähflüssig. Die Folge ist chronischer Husten, bei vielen Patienten kommt es zu schweren Lungenentzündungen. Um das Leben der 15-Jährigen zu retten, musste ihr eine Lunge transplantiert werden. Zwar hat sie diese Operation gut überstanden. Doch eine schwere Infektion mit einem antibiotikaresistenten Bakterium führte dazu, dass die Operationswunde nicht verheilte. Ein lebensbedrohlicher Zustand, meint Graham Hatfull von der Pittsburgh University, einer der Autoren des heute im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten Papers:

"Die Patientin hatte sich schon vor der Lungentransplantation mit dem Erreger Mycobacterium abscessus infiziert. Nach der Operation hat sich die Infektion über den gesamten Körper verteilt. Diese Bakterien sind nur sehr schwer zu behandeln, weil sie gegen die meisten Antibiotika resistent sind. Und so werden sie unkontrollierbar."

Cocktail aus drei verschiedenen Bakteriophagen

Infektionen mit diesem antibiotikaresistenten Bakterienstamm sind vor allem für Menschen gefährlich, deren Immunsystem nach einer Transplantation mit Medikamenten unterdrückt werden muss. Um das Leben der Patientin zu retten, behandelten die Forscher das Mädchen mit einem Cocktail aus drei verschiedenen Bakteriophagen. Diese Viren sind darauf spezialisiert, Bakterien zu befallen und sich in ihnen zu vermehren. Dabei sterben die Bakterien ab. Der Bakteriophagen-Cocktail zeigte Wirkung: Nach einem Monat besserte sich der Zustand des Mädchens deutlich: Die roten Pusteln auf ihrer Haut bildeten sich zurück, die Operationswunde verheilte zusehends. Offenbar haben die Bakteriophagen ihren Job erledigt. Doch was mit ihnen dann im Körper geschah, ist unklar, sagt Graham Hatfull:

"Im Fall dieser Patientin haben wir ganze Bakteriophagen, also Viren injiziert. Zwar haben wir keine Nebenwirkungen beobachtet. Aber trotzdem gibt es noch viel, was wir über die Bakteriophagen lernen müssen. Wie sie sich im Körper verteilen, was mit ihrer Erbsubstanz geschieht, wie sie wieder aus dem Körper ausgeschieden werden. All das wissen wir bislang nicht. Und um es besser zu verstehen, brauchen wir Experimente in Tiermodellen und klinische Studien."

Keine schnelle Alternative zu Antibiotika

Schon jetzt ist aber klar: Antibiotika wird die Therapie mit Bakteriophagen vorerst nicht ersetzen können. Denn die Suche nach den passenden Bakterienkillern ist ziemlich mühsam.

"Es hat sich herausgestellt, dass es gar nicht so leicht ist, die passenden Bakteriophagen für den Bakterienstamm zu finden, mit dem die Patientin infiziert war. Wir haben hier bei uns an der Universität von Pittsburgh in einer Sammlung von Bakteriophagen nach passenden Kandidaten geschaut. Und auch einen gefunden. Aber wirklich nur einen. Es gab weitere, aber diese mussten wir zunächst mit genetischen und technischen Methoden anpassen, damit sie für diesen Bakterienstamm funktionieren."

Risiken einer Phagen-Injektion vorerst unklar

Gentechnisch veränderte Viren in einen Menschen zu injizieren ruft jedoch Bedenken hervor. Und Bakterien können auch gegen Bakteriophagen resistent werden. Auf der anderen Seite hat diese Therapie aber viele Vorteile, meint Graham Hatfull:
 
"Bakteriophagen haben den großen Vorteil, dass sie sehr spezifisch wirken. Sie infizieren wirklich exakt nur den Bakterienstamm, den wir abtöten wollen und verschonen die Mikroben im Darm und die Körperzellen. Auf der anderen Seite sind Bakteriophagen aber so spezifisch, dass sie wirklich nur für einen ganz bestimmten Bakterienstamm funktionieren, mit dem ein Patient infiziert ist. Ich denke zwar, dass wir diese Herausforderung meistern werden. Aber das ist derzeit noch die große Einschränkung dieser Therapie."

Momentan müssen die Forscher für jeden einzelnen Patienten eine maßgeschneiderte Bakteriophagen-Therapie entwickeln. Der Aufwand ist also groß. Zu groß für eher harmlose Krankheiten. Doch für lebensbedrohliche Infektionen mit multiresistenten Bakterien kann er sich lohnen.

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