Donnerstag, 01. Dezember 2022

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"Meere als Menschheitserbe"

Das bestehende UNO-Seerechtsabkommen sei eine Grundlage, reiche aber bei Weitem nicht aus, sagt Reinhold Leinfleder. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) wolle mit der Vision, dass die Meere allen gehörten, an die Verantwortung der Menschen appellieren.

Reinhold Leinfelder im Gespräch mit Britta Fecke | 05.06.2013

    Britta Fecke: Überfischt, übersäuert, eutrophiert, heißt überdüngt, zu warm, zu ausgebleicht, zu viel Plastikmüll, zu viel Rohöl. All das sind die Schlagworte, wenn wir an dieser Stelle über den Zustand der Meere berichten – leider. In dieser Woche am Samstag begeht die UN den Tag des Meeres, nicht nur, um die Gewässer zu feiern, sondern vor allem, um Maßnahmen zum Schutz der Ozeane zu fordern. Denn es gibt zwar verschiedene, auch völkerrechtliche Verträge, die die Meere vor Verschmutzung und Ausbeutung bewahren sollen, doch sie greifen entweder zu kurz, oder werden nicht konsequent genug umgesetzt.

    In diesen Minuten stellt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen, kurz WBGU, sein Gutachten vor mit dem Titel "Welt im Wandel – Menschheitserbe Meer". Bundesumweltminister Peter Altmaier und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka nehmen die Ergebnisse entgegen. Ich habe kurz vor der Sendung mit Professor Dr. Reinhold Leinfelder gesprochen. Er ist Geologe und Geobiologe am Institut für Geologische Wissenschaften der Freien Universität Berlin und war als Beiratsmitglied des WGBU an der Erstellung dieses Gutachtens beteiligt.

    Ich wollte von Reinhold Leinfelder wissen, warum das bestehende UN-Seerechtsübereinkommen, immerhin ein weitreichender internationaler Vertrag zum Schutz der Meere, nicht ausreicht.

    Reinhold Leinfelder: Wir sind froh, dass wir diesen Vertrag haben, denn er ist schon die Grundlage, um hier aufzubauen. Aber er reicht bei Weitem nicht aus. Wir wollten ein ganz neues Konzept, im Prinzip eine neue Denkweise einführen und sagen, das was in diesem Vertrag schon drinsteckt, nämlich dass ein Teil des Meeres allen gehört, das wollen wir ausweiten auf so gut, wie die gesamten Meere, also die Meere als Menschheitserbe ansehen.

    Fecke: Was beinhaltet dieser Begriff, der ja ein bisschen schwammig klingt, Meere als Menschheitserbe?

    Leinfelder: Er soll sagen: Die Meere, die wir ja kräftig nutzen, die wir aber auch als Abfallhalde missbrauchen, die gehören allen. Eigentum verpflichtet aber auch. Das bedeutet, wir haben hier eine ganz große Verantwortung dabei. Wir können sie gemeinsam nutzen, der Nutzen muss aber zum Nutzen aller sein und wir müssen das, was dieser Nutzen auch mit sich bringt, die Verantwortung, auch die Pflege, das Denken, was wir da alles anstellen, das müssen wir auch gemeinsam im Prinzip finanzieren.

    Fecke: Sie haben es gerade schon ganz kurz angesprochen: Wir nutzen es, aber es ist quasi eine Müllhalde geworden. Wir sprechen von Überdüngung, wir sprechen von Leckagen, von Öl-Leckagen, aber auch von Plastikmüll, der sich dort gesammelt hat. Was würden Sie sagen, was bedroht welche Zonen am meisten?

    Leinfelder: Eigentlich kann man nur sagen, das Zusammenspiel aller Bedrohungen ist das große Problem. Wir haben da zum einen natürlich den Klimawandel, der aber nicht nur zu einer Erwärmung der Meere, sondern auch zum Meeresspiegel-Anstieg und insbesondere auch zu einer Versauerung führt. Wir haben aber dann als ganz, ganz großes Problem auch die enorme Überfischung. Aber dazu kommen auch dann noch Überdüngungen und sonstige Schadstoffeinleitungen. All dieses Zusammenspielen macht die Probleme. Die Probleme haben wir dort am stärksten, wo wir mit die stärkste Überfischung haben. Das ist im Atlantik in einem guten Teil, im Nordost-Atlantik, das ist im Mittelmeer ganz stark, 80 Prozent Überfischung, aber im Prinzip auch weltweit. Wir haben dann die Probleme, die sich insbesondere aus dem Zusammenspiel all dieser Faktoren ergeben, etwa in den Korallenriffen, damit mehr in den tropischen Bereichen extrem stark. Es gibt sozusagen kaum einen Bereich der Meere mehr, der nicht vom Menschen schon irgendwie bedroht ist oder zumindest negativ beeinflusst ist.

    Fecke: Wenn Sie den Klimawandel ansprechen, dann sind Sie sehr schnell bei den Korallenriffen. Hat der noch anderen Einfluss außer beim Abschmelzen der Polkappen auf den Meeresrhythmus?

    Leinfelder: Wir bekommen durch den Klimawandel auch die Versauerung der Meere. Das bedeutet, dass die Organismen nun weniger Karbonat abscheiden können, weniger Kalk in ihr Skelett einbauen können, sich da schwertun. Das bedeutet auch, dass sich die Planktonsituation hier sehr stark umbauen wird, und nachdem wir das Plankton sozusagen an der allerersten Stelle der Nahrungskette haben – das ist ja in den Meeren doch relativ anders als auf dem Land; wir haben das pflanzliche Plankton als Hauptproduzent und alles andere ernährt sich indirekt davon, weil dieses Plankton gefressen wird und die Organismen wieder gefressen werden und so weiter -, wenn wir dort Schädigung an dieser zentralen Stelle bekommen, hat das Auswirkungen auch ganz stark auf den Fischfang und überhaupt auf die Ökosysteme.

    Fecke: Sie sagten ja, es hängt systemisch alles zusammen. Die Eutrophierung, die Überdüngung der Meere, die spielt dem nicht zufällig positiv entgegen.

    Leinfelder: Ich will Ihnen da mal ein Beispiel sagen. Korallenriffe, die können alles Mögliche aushalten. Das ist wie so ein Mobile: Wenn Sie da mal ein bisschen pusten, dann wackelt das und es pendelt sich wieder ein. Wenn also eine vorübergehende Störung da ist, etwa ein Hurrikan, oder auch mal eine Klimaspitze, ein besonders heißes Jahr, dann leiden die Korallen darunter, erholen sich aber wieder. Wenn aber nun die Überdüngung dazukommt, erholen sie sich deshalb nicht, weil alles von Algen überwuchert wird. Das könnte auch wieder bereinigt werden, wenn noch genügend Fische da sind. Die haben wir aber weggefischt, sodass nun auch schon kurzfristige Störungen in manchen Bereichen sehr, sehr nachhaltige schädliche Effekte haben.

    Fecke: Die Fischereireform der EU wird gerade beschlossen. Es geht auch um den Rückwurf, es geht aber auch mal wieder um die Quote. Sie sagten schon: 80 Prozent im Mittelmeer sind überfischt. Sehen Sie, wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken, überhaupt irgendeine Erholung eines Fischbestandes, irgendeine Verbesserung aufgrund des Quotensystems zum Beispiel?

    Leinfelder: Es gibt Fortschritte. Das, was die Wissenschaft empfiehlt, an maximaler Entnahme von Fisch, das wurde früher um über 50 Prozent überschritten. Das ist besser geworden. Wir sind immer noch höher bei den Fischfangquoten, als die Wissenschaft empfiehlt, aber etwa um zehn, zwölf Prozent höher. Das ist hier besser geworden. Es gibt auch andere positive Beispiele: Etwa war die Heringsfischerei komplett zusammengebrochen in der Nordsee. Man hat dann Ruhe gegeben und die Heringsbestände haben sich wieder erholt. Bei dem Kabeljau im Nordost-Atlantik war man zu spät dran, da hat sich nichts mehr wieder erholt. Also es gibt Fortschritte. Es ist ein großer Fortschritt, dass man an den Rückfang herangehen möchte. Das Einfachste ist allerdings, doch die Regelungen, die man schon hat, nun einfach effizienter auch umzusetzen und zu kontrollieren und auch mit Sanktionen zu belegen gegebenenfalls.

    Fecke: Das wäre jetzt noch mal meine Nachfrage. Welche Lösungsansätze zum Schutz der Meere schlagen Sie vor?

    Leinfelder: Wir haben eine ganz große Vision vorgeschlagen, den überwiegenden Bereich der Meere als Menschheitserbe zu betrachten und dies nun auch völkerrechtlich entsprechend zu regeln. Wir wissen, dass das eine Vision ist. Visionen können manchmal schnell umgesetzt werden, denken wir etwa an den Atomausstieg. Manchmal dauert es auch sehr, sehr lange. Deswegen haben wir gleichzeitig noch einen Stufenplan vorgeschlagen, bei dem wir im Wesentlichen eigentlich sagen, wir müssen stärker das umsetzen, was wir schon haben. Wir brauchen so etwas wie einen Welt-Ozeanrat, so ähnlich wie wir es fürs Klima haben. Wir könnten einen Prozess auf UN-Ebene nun einleiten, der ähnlich wie der Rio-Prozess nun für die Meere wäre. Aber wir müssen insbesondere Sanktionen einführen, wir müssen stärker kontrollieren, wir brauchen mehr Monitoring, dass wir wirklich wissen, was so los ist. Und es kommt ganz, ganz stark auch auf den Verbraucher an. Wir sollten die Rahmenbedingungen, auch die Standardisierungen für Zertifizierungen, umweltverträglich gefangener Fisch etc., natürlich ganz stark voranbringen und sollten vor allem alles das an Subventionen abschaffen und schließen, was zu dieser weiteren Überfischung insbesondere auch führt.

    Fecke: Es gibt ja eine UN-völkerrechtliche Verpflichtung, wenn es um das Klima geht, aber auch dort kommt man eigentlich nicht weiter. Was macht Sie so hoffnungsfroh, dass das bei einem UN-Vertrag für die Meere besser wäre?

    Leinfelder: Wir hatten in unserem letzten großen Gutachten, welches um die große Transformation geht, da hatten wir das auch genannt, einen Gesellschaftsvertrag vorgeschlagen zur Nachhaltigkeit, und den müssen wir nun auch in die Meere umsetzen. Das bedeutet: Ja, wir können uns nicht allein auf die Politik, auf das von oben verlassen, wir dürfen da nicht aufhören, hier auch nachzuhaken und auch voranzupreschen und anzumahnen, dass das, was schon beschlossen ist, nun wirklich auch umgesetzt wird. Aber wir brauchen wirklich eine breite Koalition von Wissenschaft, von Bildung, von der Gesamtgesellschaft, von innovativen Firmen, die nun vorangehen, die auch auf zwischenstaatlicher Ebene und auf regionaler Ebene nun wirklich mit guten Beispielen vorangehen, vormachen, wie es gehen kann. Ich bin schon der Meinung, dass auch bei den Meeren die Bevölkerung, die Gesellschaft in vielen Bereichen weiter ist als die Politik, und hier dieses Wechselspiel, das Anschieben durch so eine breite gesellschaftliche Strömung in Richtung Politik, gibt mir doch immerhin noch einige Hoffnung, dass wir da kräftig vorankommen.

    Fecke: Der WBGU stellt zur Stunde das Gutachten zum Schutz der Meere vor. Ich sprach mit Professor Reinhold Leinfelder über die möglichen Maßnahmen.


    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.