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Meeresbiologie
Mysteriöses Seestern-Sterben an der Pazifikküste

Es begann im Juni 2013: Entlang der Pazifikküste Nordamerikas sterben Seesterne in Massen, niemand weiß warum. Das Siechtum ist so auffallend, dass es im Englischen einen eigenen Namen bekommen hat: Sea Star Wasting Disease. Die Krankheit flammt seit den 70ern immer wieder auf, doch das aktuelle Massensterben gibt neue Rätsel auf.

Von Dagmar Röhrlich | 19.03.2014
    In den vergangenen Jahren ging es den Seesternen an der Pazifikküste Nordamerikas gut, und sie vermehrten sich stark. Das ist nun vorbei: Seit Juni 2013 entdecken Taucher immer wieder Massen an sterbenden oder toten Seesternen und ebenfalls verräterisch geformte, weiße Bakterienmatten, erzählt Melissa Miner. Sie ist Ökologin an der University of California in Santa Cruz. Die sogenannte "Sea Star Wasting Disease" ist erneut ausgebrochen:
    "Diese Krankheit beschreibt ganz allgemein die Symptome: Weiches, weißes Gewebe breitet sich aus, die Tiere fallen in sich zusammen, verlieren einen Arm nach dem anderen. Irgendetwas frisst sich durch ihre Körper. Dass so etwas in einer gesunden Population bei einzelnen Individuen geschieht, ist normal. Aber hier haben wir es mit viel größeren Dimensionen zu tun."
    Massensterben bis nach Alaska
    Derzeit siechen Massen an Seesternen zwischen dem kalifornischen San Diego bis hinauf nach Sitka in Alaska dahin. Auch an der Atlantikküste Nordamerikas könnten erste Fälle aufgetreten sein. An sich sind Massensterben dieser Art nicht neu. Seit 40 Jahren werden sie immer wieder an der kalifornischen Pazifikküste beobachtet.
    "Bislang waren solche Ereignisse mit El-Niño-Jahren verbunden, wenn das Wasser ungewöhnlich warm war. Während der Wintermonate kamen sie dann von selbst zum Stillstand. Das jetzt ist anders: Zum einen ist das Wasser nicht ungewöhnlich warm. Im Gegenteil: Es ist kalt, und das Massensterben ging während des Winters unvermindert weiter. Außerdem trifft das Phänomen nicht einen Küstenabschnitt, sondern reicht viel weiter, als wir es je gesehen haben."
    Die verschiedenen Seestern-Arten reagieren dabei ganz unterschiedlich, erklärt Melissa Miner. Bei manchen Arten entwickeln sich die Symptome binnen Stunden, und die Tiere sterben dann innerhalb weniger Tage:
    "Zu diesen Arten gehört der Sonnenblumen-Seestern. Bis zum vergangenen Sommer waren die Bestände beispielsweise vor Vancouver gewaltig. Nun sind sie zusammengebrochen. Manche Exemplare von Ocker-Seesternen scheinen hingegen der Krankheit mehr entgegensetzen zu können. Vielleicht, weil das Außenskelett des Ocker-Seesterns härter ist. Wir vermuten, dass einzelne Exemplare die Erkrankung überleben."
    Rätselraten über die Ursachen
    Was die Seuche auslöst, ist unklar. Überhaupt weiß man nur sehr wenig darüber, was eigentlich Seesterne krank macht. Also prüfen Forschergruppen derzeit in den betroffenen Gebieten den Salzgehalt des Meerwassers, den Sauerstoff- und Nährstoffgehalt, die Abwässer und auch die Viren- und Bakterienfracht. In der Presse geriet sogar der radioaktive Fallout von Fukushima Daiichi in Verdacht. Aber der hat Kalifornien noch nicht erreicht, und vor Kanada wird pro Kubikmeter Wasser ein Becquerel radioaktives Cäsiums gemessen - ein Zehntausendstel des Grenzwertes für Trinkwasser, sagt Miner:
    "Außerdem träfe Strahlung nicht nur Seesterne, sondern auch andere Tiere. Wir glauben vielmehr, dass Krankheitserreger oder Umwelteinflüsse die Seesterne schwächen, sodass sie empfänglich für die Infektionen werden, an denen sie dann letztendlich verenden. Diese Infektionen sind also nicht notwendigerweise die Ursache der Erkrankung."
    Pathologen fielen in Gewebeproben Hinweise auf Entzündungsreaktionen auf, ebenso Bakterien und Viren, die in gesunden Seesternen nicht vorkommen. Aber noch sei alles offen, erklärt Melissa Miner. Es könnte sogar sein, dass Überpopulationen zusammenbrechen. Daran jedoch glauben die Forscher nicht so recht angesichts der Ausdehnung des Phänomens über Tausende von Kilometern hinweg. Unklar sind auch die ökologischen Folgen des großräumigen Massensterbens. Seesterne sind in der Gezeitenzone die Topräuber, kontrollieren den Muschelbestand. Und in manche Gebiete, die früher einmal von der Seuche betroffen waren, sind die Seesterne nie zurückgekehrt.
    Video
    Das kanadische Vancouver-Aquarium hat das siebenstündige Siechtum eines Seesterns im Zeitraffer gefilmt und auf YouTube veröffentlicht: