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StartseiteForschung aktuellMeereszensus: Das Verhalten der Meeresbewohner20.09.2010

Meereszensus: Das Verhalten der Meeresbewohner

Nach zehn Jahren geht das TOPP-Projekt zu Ende

Für uns Menschen sieht ein Ozean ziemlich gleichförmig aus: blau oder grau, mehr oder weniger hohe Wellen - und das war es auch schon. Meeresbewohner sind da ganz anderer Ansicht. Für sie gibt es dort ebenso fette Weiden wie karge Wüsten.

Von Dagmar Röhrlich

Mit aufgeklebten Sendern schwimmen Seeelefanten durch die Meere und versorgen Wissenschaftler mit Daten. (Martin Biuw)
Mit aufgeklebten Sendern schwimmen Seeelefanten durch die Meere und versorgen Wissenschaftler mit Daten. (Martin Biuw)

Mit großem Aufwand haben Forscher des TOPP-Projektes (Tagging of Pacific Predators) viele Hundert Raubtiere im nördlichen Pazifik mit Sensorpaketen bestückt, um ihr Verhalten unter Wasser kennenzulernen und so die verborgenen Landschaften der Meere zu entschlüsseln. Das Projekt gehört zum Zensus des marinen Lebens, der Anfang Oktober zu Ende geht.

Kalifornien, Highway Number 1, nördlich des Küstenorts Cambria, der letzte Sonntag im Februar. Auf der Küstenstraße rauscht der Ausflugsverkehr an einer Kolonie von See-Elefanten vorbei. Den Tieren sind die Autos egal, auch die Touristen, die ein paar Meter von ihnen entfernt am Zaun stehen und die Kameras zücken. Die See-Elefanten haben Besseres zutun, denn es ist Paarungszeit: Der kolossale Strandchef hat alle Rivalen vertrieben und paart sich hin und wieder mit einem der viel kleineren Weibchen. Ansonsten hält man Siesta.

"Mit See-Elefanten ist das Arbeiten ziemlich leicht, weil wir einfach zu ihnen hingehen, sie betäuben und dann unser Sensorpaket aufkleben können."

Dan Costa von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz ist dankbar für die Toleranz der riesigen Robben. In den vergangenen Jahren hat er mit seinen Kollegen für den Zensus des marinen Lebens Dutzenden Tieren im nördlichen Pazifik Sensoren angelegt, um ihr Verhalten im Meer kennenzulernen.

"Wir haben fast 4000 dieser sogenannten Tags angebracht und 23 verschiedene Arten damit verfolgt. Bei den Thunfischen waren es Hunderte von Tags, von den Nördlichen See-Elefanten haben wir über 200 Datensätze und von Blauwalen fast 100. Wenn man so viele Daten hat, kann man mit einiger Zuverlässigkeit Verhaltensmuster erkennen."

So haben die Sensoren beispielsweise verraten, wo die Nördlichen See-Elefanten wann was machen - und warum. Danach betrachten die Riesen den gesamten Nordpazifik als ihr ureigenes Territorium: Sie folgen nährstoffreichen Meeresströmungen oder halten sich an der Front zu den arktischen Wassermassen auf - Zonen, in denen es viel zu Fressen gibt. Randy Kochevar von der Stanford University:

"Dabei legen sie unglaubliche Strecken zurück, von Kalifornien bis zu den Alëuten und dann den ganzen Weg zurück. Dabei tauchen sie 50 oder 60 Mal am Tag."

Bei diesen Tauchgängen jagen sie nach ihrer Lieblingsbeute: Kalmare, alle möglichen Tiefseefische oder nordpazifische Seehechte haben die Forscher aus den Mägen der See-Elefanten gepumpt. Dan Costa:

"Wir kennen Tauchgänge, die fast zwei Stunden gedauert haben, und die tiefsten gingen in 1700 Meter Tiefe. Typischerweise bleiben die Tiere aber 20 Minuten unter Wasser und kommen dann für zwei bis drei Minuten an die Oberfläche."

Mit diesem Lebensstil verbringen die See-Elefanten den Großteil des Jahres. Rund neun Monate schwimmen sie herum, tauchen auf und ab und schlafen sogar, während sie tauchen.

"Sie machen kurze Nickerchen in einer Tiefe von 400 Metern. Das ist viel sicherer als an der Oberfläche, denn da suchen Weiße Haie oder Killerwale nach Beute. Wenn man irgendwo im Wasserkörper bis in 400 Meter Tiefe schläft, ist man viel schwerer zu finden."

Doch auch Haie wissen durchaus, wie sie an einen fetten Robbenhappen kommen können.

"Die Haie stellen es schlau an: Sie kommen einfach dahin, wo die See-Elefanten so konzentriert sind wie sonst nirgends: zu den Stränden, an denen sie sich fortpflanzen und ihre Jungen gebären."

Hier am Strand verschwenden die See-Elefanten keinen Gedanken an diese Gefahr. Auf die meisten Touristen wirken sie vor allem behäbig. Dan Costa sieht sie jedoch mit anderen Augen an:

"Wenn man sie am Strand einfach nur herumliegen sieht und dann an diese unglaublichen Leistungen beim Tauchen denkt, dann hat man plötzlich sehr viel mehr Respekt vor ihnen."


Lesen Sie mehr zum Zensus des Marinen Lebens und zur Biodiversität auf unserer Übersichtsseite.

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