Donnerstag, 23.05.2019
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteUmwelt und VerbraucherMehr Sicherheit06.03.2007

Mehr Sicherheit

Die Ziele der EU-Chemikalienverordnung REACH

Alltagsprodukte enthalten eine Vielzahl von Stoffen, die bislang noch nicht gründlich auf ihre Gefahren für Mensch und Umwelt geprüft wurden. Das soll anders werden. Die EU hat eine neue Chemikalienverordnung beschlossen. REACH tritt im Juni in Kraft.

Von Ralph Ahrens

Ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigungsbetriebe sortiert Elektroschrott. (AP)
Ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigungsbetriebe sortiert Elektroschrott. (AP)

Die EU will mit REACH, der Verordnung zur Anmeldung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien, Mensch und Umwelt besser vor gefährlichen Stoffen schützen. Sie nimmt dazu die Industrie in die Pflicht. Hersteller und Importeure von Chemikalien müssen in den nächsten elf Jahren öffentlich belegen, wie gefährlich ihre Stoffe sind. Das ist neu. Denn bis jetzt dürfen Firmen viele tausend Substanzen einsetzen, die nicht systematisch auf ihre Eigenschaften und Risiken untersucht worden sind. Die deutsche Wirtschaft steht hinter dieser neuen Politik. Gerd Romanowski vom Verband der Chemischen Industrie:

"Der Hersteller ist für die Sicherheit seiner Produkte verantwortlich und nicht die Behörde. Und der Hersteller muss seine Produkte so gestalten, dass sie sicher verwendbar über den Lebensweg sind. Und diesen Paradigmenwechsel wird REACH jetzt bewirken. Das haben wir von Anfang an unterstützt und sehen das auch als einen der innovativen Aspekte von REACH an."

Im nächsten Jahr müssen Chemiefirmen daher all jene Stoffe benennen, von denen sie weiterhin mehr als eine Tonne jährlich herstellen wollen. Und bis 2018 müssen sie die Risiken dieser vermutlich rund 30.000 Stoffe schrittweise bewerten. Dies, das systematische Sammeln von Daten über chemische Stoffe, bildet das Gerüst der neuen Politik. Gerd Romanowski:

"Die Behörden werden in Zukunft wissen, welche Stoffe in Europa produziert werden, welche nach Europa importiert werden, welche Eigenschaften diese Produkte haben, für welche Verwendungen sie vorgesehen sind und welche Expositionen von ihnen ausgehen. Das wird also schon die Informationslage bei den Behörden verbessern, und damit bringt REACH auch gewisse Fortschritte in Sicherheit und Umweltschutz."

Möglicherweise werden viele tausend Chemikalien unter REACH erstmals als gefährlich erkannt und benannt. Und dies Wissen nützt. Denn ist bekannt, dass ein Stoff etwa Fische gefährdet oder bei Menschen eine Allergie oder Krebs auslösen kann, lassen sich Schutzmaßnahmen treffen. Nicht nur das, betont Patricia Cameron vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland:

"Die Datenbank, die daraus entsteht, ermöglicht jedem, der ein Endprodukt herstellt und sich Chemikalien dafür zusammenkauft, eben auch, nach ungefährlicheren Chemikalien zu suchen und eben entsprechend dann auch seinen Zulieferer unter Druck zu setzen beziehungsweise auch zu wechseln, wenn er keine Alternative anbietet."

Zudem soll unter REACH schrittweise der Einsatz von mehr als 1000 besonders besorgniserregenden, also etwa krebserregenden Stoffe, behördlich geprüft werden. Und

"es gibt eine Substitutionspflicht, zumindest für diejenigen, die Dauergifte sind, also die schwer abbaubar sind und sich im menschlichen Körper anreichern, was sehr positiv ist. Das heißt, es müssen auf jeden Fall ungefährlichere Stoffe in Betracht gezogen werden. Und es wird auf jeden Fall einen Druck geben, eben diese auch vom Markt zu nehmen."

Das klingt alles gut. Unklar ist aber, wie gut REACH in der Praxis funktionieren wird, also wie schnell sich Erfolge einstellen werden. Öffentlicher Druck kann hier helfen, meint Patricia Cameron. Damit solche Dauergifte, zu denen etwa bromierte Chemikalien zählen, die in Elektronikartikeln als Flammschutzmittel eingesetzt werden, möglichst rasch ersetzt werden, hofft sie auf die Neugierde und das Interesse vieler Bürger. Denn die neue Chemikalienverordnung gibt jedem das Recht, in einem Geschäft zu erfragen und zu erfahren, ob ein Produkt solch langlebige Dauergifte enthält:

"Zu befürchten ist, dass der Händler das in den meisten Fällen nicht wissen wird. Aber es wird natürlich den Händler aufmerksam machen. und dieser wird sozusagen an seinen Zulieferer herangehen und wird das nächste Mal vielleicht sagen, 'hier. mein Kunde möchte das nicht, hast Du nicht etwas anderes'. Und so letztlich entsteht eine Aufmerksamkeit und auch ein Druck auf den Hersteller."

Schrittweise kann so also der Gehalt gefährlicher Stoffe auch in Verbraucherprodukten wie Lacken, Kleidern oder im Spielzeug sinken. Dieses Mehr an Sicherheit kostet Geld: Chemiefirmen müssen wahrscheinlich EU-weit rund drei Milliarden Euro für das Testen ihrer Stoffe ausgeben. Weitere Kosten entstehen, wenn etwa eine Firma einen neuen Lack entwickeln muss, weil eine Chemiefirma aufgrund von REACH einen Inhaltsstoff nicht mehr herstellt. Dennoch: Die neue Chemikalienverordnung werde sich volkswirtschaftlich rechnen, glaubt Andreas Troge, Präsident vom Umweltbundesamt in Dessau:

"Allein im Arbeitsschutzbereich lassen sich durch die europäische Chemikalienpolitik 30 Milliarden Euro bis 2030 sparen, im Gesundheitsschutz etwa 5 Milliarden bis 2020. Zur Umwelt haben wir noch gar keine Angaben. Das heißt, die Rendite der Politik an sich ist deutlich positiv."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk