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Mehr Tornados als erwartet

Meteorologie. - Der europäische Sommer ist - normalerweise - nicht nur eine Zeit großer Hitze, sondern auch starker Gewitter. Die Gewitterwolken können auch rotierende Windschläuche erzeugen, die bis zum Boden reichen: Tornados. Inzwischen sammelt die Europäische Unwetterdatenbank ESWD diese Ereignisse. Es zeigt sich: Tornados in Europa kommen häufiger vor als man früher dachte.

Von Volker Mrasek | 11.07.2007

"Gerade mal eine Minute hatte der Tornado gewütet. Doch die Bilanz erschreckend. ... Zahlreiche Dächer abgedeckt, Autos zerstört, Bäume entwurzelt ... Schwere Verwüstungen in einem Umkreis von zwei Kilometern ..."

Verheerende Tornados gibt es auch im Herzen Europas. Zuletzt - Mitte Januar - wurden Orte in Brandenburg und Sachsen-Anhalt von richtig starken Windhosen heimgesucht. Vermutlich zählten sie zur Kategorie F3. Das heißt: Die Tornados wirbelten mit Geschwindigkeiten von 320 Kilometern pro Stunde und mehr. Augenzeugen:

"Die Mauer, 20 Meter lang, 1,80 Meter hoch, hat's einfach umgedrückt." - "Im Schlafzimmer ist ein Dachziegel quer durch das Zimmer geflogen. Und an der gegenüberliegenden Tür steckt er in der Tür drin."

Berichte wie diesen hat vermutlich jeder schon mal in den Nachrichten mitbekommen. Doch:

"Wenn Ihnen jemand die Frage stellt: Wie viele Tornados gibt es pro Jahr in ganz Europa? Was antworten Sie dann?"

Vor wenigen Jahren hätte auch Nikolai Dotzek noch eher raten müssen. Da begann der Meteorologe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erst damit, eine Art Tornado-Melderegister aufzubauen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Inzwischen sind Dotzek und einige Mitstreiter noch einen Schritt weiter. Nun gibt es sogar eine europaweite Datenbank, in die laufend Wetterextreme eingespeist werden:

"Starke Sturmereignisse. Oder eben im Gewitterbereich vor allen Dingen Schwergewitter, die dann Sturmböen, Tornados oder Hagel- und Starkregenereignisse und Überschwemmungen produzieren können. Die Datenbank deckt wirklich ganz Europa ab, von den Kanarischen Inseln bis zum Ural."

Einsehen lässt sich die gesamteuropäische Unwetterbilanz ganz bequem im Internet, auf der Seite der European Severe Weather Database unter eswd.eu:

"Auf dieser zentralen Schnittstelle im Internet können Sie Regionen auswählen, Zeiträume auswählen, Phänomene auswählen und die Anfrage abschicken. Und wenige Sekunden später haben Sie die Antwort auch in Form einer europaweiten Landkarte. Darüber hinaus ist natürlich wichtig, solche Daten zu haben für Risikoanalysen. Wo treten vielleicht bestimmte Unwetter-Ereignisse besonders häufig auf? Wo werden vielleicht auch Gegenden völlig von bestimmten Ereignissen verschont?"

So etwas wie Risikozonen für Tornados gibt es nach der Statistik tatsächlich. Dotzek denkt da vor allem an

"die norddeutsche Tiefebene, die sich von den Benelux-Ländern bis nach Polen erstreckt. Das ist also ein Gebiet, wo Tornados also auch gehäuft mal auftreten können. Und das führt in der Klimatologie dann entsprechend zu einer besonders hohen Dichte der gemeldeten Ereignisse."

Der deutsche Geophysiker und Meteorologe Alfred Wegener ist dafür berühmt, dass er die Theorie der Kontinentalverschiebung entwickelte. Das war 1915. Doch Wegener tat sich auch auf anderem Gebiet als Pionier hervor. Schon früh befasste er sich unter anderem mit - Tornados. Dotzek:

"Es ist so, dass Alfred Wegener schon in seinem 1917 erschienenen Buch eine Abschätzung gemacht hat zur Gesamtzahl der Tornados in Europa."

Zitat:

" Man muss davon ausgehen, dass wir mindestens einhundert Tornados im Jahr in Europa haben", "

so Wegener damals in seinen Veröffentlichungen.

Heute wissen Experten wie Dotzek, dass Windhosen sogar noch viel häufiger auftreten, vor allem im Sommer, wenn es heftig gewittert. Für das letzte Jahr führt die neue Datenbank fast 500 Tornados über dem europäischen Festland auf. Und daneben auch noch 170 über dem Meer oder über Binnenseen. Die nennen sich dann "Wasserhosen". Allein in Deutschland gab es 2006 nach bestätigten Berichten über 80 Tornados und mehr als 40 Wasserhosen. So selten sind die extremen Wetterereignisse also gar nicht ...

" "Ein Autofahrer filmt mit seinem Handy die Windsäule über der Stadt. Fassungslos." "Helga, was ist das?"

Wer selbst einmal einen Tornado mit seinem rotierenden Windschlauch erlebt, den ermuntert Nikolai Dotzek, davon zu berichten. Die neue Datenbank steht auch Laien für Unwetter-Meldungen offen:

"Ganz einfach! Sie rufen die Internetadresse eswd.eu auf. Da steht dann auch: Geben Sie eine Meldung ab. Klicken dann weiter. Kommen auf ein dann ausführlicheres Formular, in dem Sie die detaillierten Angaben zu dem Ereignis machen können. Und das können Sie dann am Ende der Seite abschicken."