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StartseiteWirtschaft am MittagForderung nach Frühwarnsystem11.11.2019

Mehr Wohnungslose in DeutschlandForderung nach Frühwarnsystem

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist erneut gestiegen – die Daten dazu seien jedoch nur geschätzt, sagt Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe im Dlf. Sie fordert neben ausreichend bezahlbarem Wohnraum auch ein Frühwarnsystem, das zeigt, wenn ein Mietverhältnis gefährdet ist.

Werena Rosenke im Gespräch mit Birgid Becker

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Zwei Menschen haben sich am Rande der Veranstaltung "Bahnhofsviertelnacht" in Frankfurt am Main unter einen Regenschirm zurückgezogen. (Picture Alliance / dpa / Boris Roessler)
Wohnungslos: 41.000 Menschen in Deutschland leben ganz auf der Straße (Picture Alliance / dpa / Boris Roessler)
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Birgid Becker: In den Metropolen ist Wohnraum teurer denn je. Neue, bezahlbare Mietwohnungen entstehen nur langsam und die Zahl der Sozialwohnungen stagniert bei 1,8 Millionen – weniger als gebraucht werden. Bezahlbarer Wohnraum ist in Deutschland eines der drängendsten sozialen Probleme. Das ist der Hintergrund, vor dem die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ihre Zahlen zum Stand der Wohnungslosigkeit in Deutschland vorgestellt hat. Werena Rosenke ist die Geschäftsführerin der Organisation – wie viel Wohnungslose gibt es in Deutschland?

Werena Rosenke: Wir haben jetzt keine Statistik, sondern eine Schätzung, weil es die Statistik in Deutschland noch nicht gibt, und wir schätzen für das Jahr 2018 insgesamt 678.000 Menschen in Deutschland als wohnungslos, die im Laufe eines Jahres wohnungslos gewesen sind.

Ein Grund: Geflüchtete finden keinen bezahlbaren Wohnraum

Becker: Sie unterscheiden in Ihren Schätzungen zwischen Wohnungslosen mit oder ohne Flüchtlingsstatus. Warum das?

Rosenke: Die wohnungslosen anerkannten Geflüchteten haben nach Anerkennung ihres Verfahrens die Möglichkeit, sich eine Wohnung zu suchen, und finden sie nicht, weil es zu wenig bezahlbaren preiswerten Wohnraum gibt. Bei den anderen wohnungslosen Menschen kommen häufig ganz andere Ursachen noch mit hinzu, zum Beispiel eine Verschuldungssituation etc., oder sie verlieren ihre Wohnung aufgrund von Mietschulden. Die Geflüchteten haben ihre Wohnung ja nicht verloren, sondern sie finden erst mal überhaupt keine. Die wohnungslosen Menschen hatten mal eine Wohnung und haben jetzt keine mehr. Deswegen finden wir das ganz gut, erst mal zu differenzieren. Unterm Strich ist es aber wichtig, die Gesamtzahl der wohnungslosen Menschen zu sehen, denn das sind diejenigen, die noch auf dem Wohnungsmarkt versorgt werden und zurzeit ganz ausgegrenzt sind.

Becker: Wie haben sich Ihre Schätzungen denn entwickelt? Ist die Zahl gestiegen?

Rosenke: Ja, die Zahlen sind gestiegen. Wir haben im Vergleich der Jahre 2017 zu 2018 bei der Jahresgesamtzahl einen Anstieg von gut vier Prozent. Wenn wir die Stichtagszahlen zugrunde legen, haben wir im Unterschied zwischen dem 30. Juni 2017 und dem 30. Juni 2018 einen Anstieg um 19 Prozent.

Betroffene suchen auch Hilfe bei Freunden oder versuchen sich mit Couch-Surfing durchzuschlagen

Becker: Erklären Sie, warum ist es so schwierig, überhaupt zu Zahlen zu kommen? Sie haben diese Besonderheit mit den Stichtagszahlen genannt. Was steckt dahinter?

Rosenke: Es gibt in der Statistik und auch bei unseren Schätzungen immer zwei Zahlen: zum einen die Jahresgesamtzahl. Das ist die Zahl der Menschen, die im Laufe eines Jahres wohnungslos wird. Das können Menschen sein, die von Januar bis Mai wohnungslos waren, oder von September bis Dezember. Bei der Stichtagszahl nimmt man nur diejenigen, die an einem bestimmten Tag, in dem Fall dem 30.6., wohnungslos waren. Das heißt, die Stichtagszahl ist naturgemäß immer eine niedrigere Zahl, weil man diejenigen, die im halben Jahr davor wohnungslos waren und zufälligerweise, sage ich mal, am Stichtag nicht mehr wohnungslos sind, nicht mehr mitzählt. Aber man muss immer dazu sagen: Dies, was wir machen, sind Schätzungen. Es hat bisher in Deutschland keine Statistik gegeben, eine wirkliche Zählung. Es ist ein Statistikgesetz unterwegs, das möglicherweise und hoffentlich im nächsten Jahr in Kraft treten wird. Aber auch dann muss man sich natürlich die dann ermittelten Zahlen genauer anschauen, weil nach dem bisherigen Gesetzentwurf ist vorgesehen, ausschließlich die Menschen an einem Stichtag zu zählen, die in einer Einrichtung übernachten. Auch damit erfasst man nicht alle Wohnungslosen, weil wir haben einen großen Anteil von Menschen, die sind nicht in einer Notunterkunft, die sind auch nicht in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe, sondern die versuchen, sich bei Freunden, Bekannten mit diesem sogenannten Couch-Surfing irgendwie durchzuschlagen. Die würden auch nicht erfasst werden, und natürlich die Menschen auf der Straße auch nicht.

Becker: Wenn man jetzt nach dem Ort fragt, wo sich Wohnungslosigkeit abspielt – Sie haben gesagt, es gibt Einrichtungen, es gibt Couch-Surfing -, wie sind Ihre Erkenntnisse dazu? Wie viele Menschen leben tatsächlich auf der Straße und wie viele Sind irgendwie untergebracht?

Rosenke: Wir gehen davon aus, dass ungefähr 41.000 Menschen im Laufe des Jahres ganz ohne Unterkunft auf der Straße sind. Wie viele genau untergebracht sind, können wir auch nicht sagen. Wir wissen, dass um die 40 bis 50 Prozent der wohnungslosen Menschen nicht in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sind, sondern bei Freunden und Bekannten oder kurzfristig wieder in die Herkunftsfamilie zum Beispiel zurückgehen. In Einrichtungen ist nur ein Teil der Wohnungslosen untergebracht.

70 Prozent der Wohnungslosen sind alleinstehend

Becker: Sie tragen ja auch Informationen darüber zusammen, wer keine Wohnung hat: Männer und Frauen. Wie verteilt sich das?

Rosenke: Der Anteil der Erwachsenen an den Wohnungslosen beläuft sich auf 92 Prozent. Wir denken, acht Prozent der wohnungslosen Menschen, das sind Kinder und minderjährige Jugendliche, die zusammen mit ihren Eltern wohnungslos sind, dann in Obdachlosensiedlungen etc. wohnen. Die sind nicht ganz ohne Unterkunft auf der Straße, sondern in Einrichtungen, in Notunterkünften der Kommunen oder gegebenenfalls auch in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebracht. Den Frauenanteil an den erwachsenen Wohnungslosen schätzen wir auf 27 Prozent. Die wohnungslosen Menschen sind nach unserer Einschätzung und Kenntnis überwiegend zu 70 Prozent alleinstehend, aber immerhin 30 Prozent nach unserer Einschätzung leben mit Partnern oder Kindern zusammen, sind als Paar, als Familie, als Alleinerziehende wohnungslos.

Becker: Der Winter steht vor der Tür. Januar und Februar sind die besonders kalten Monate. Was kann es an schneller Hilfe geben?

Rosenke: Na ja. Das Minimum, was passieren muss, ist, dass natürlich die Menschen, wenn sie unfreiwillig obdachlos sind, untergebracht werden, und zwar menschenwürdig untergebracht werden, möglichst unter Wahrung der Privatsphäre. Man darf die Unterbringung nicht abhängig machen von der Staatsangehörigkeit oder dem Aufenthaltsstatus, auch nicht davon, wie lange sich ein Mensch schon in der jeweiligen Kommune, in der er nun wohnungslos ist, aufhält. Das ist das Minimum. Aber ansonsten ist es eine absolute Priorität, dafür zu sorgen, dass Wohnungslosigkeit verhindert wird, erst gar nicht eintritt. Sprich: Es müssen Mietschuldenübernahmen organisiert werden, es muss möglichst früh ein System geben, ein Frühwarnsystem, so dass möglichst früh bekannt wird, wenn ein Mietverhältnis gefährdet ist, das heißt, wenn vielleicht unregelmäßige Mietzahlungen kommen oder so etwas, das darauf hindeutet, dass es Probleme geben könnte. Dazu brauchen wir vor Ort kommunale Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit, die dann aktiv werden können. Und letztendlich geht es darum, ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, so dass Menschen mit kleinen Einkommen und auch Wohnungslose, die vielleicht Schulden haben, auch eine negative Schufa-Einkunft haben, dass die auch wieder eine Chance erreichen, aus diesen Notunterkünften oder gar von der Straße wieder wegzukommen in die eigene Wohnung hinein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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