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Mehrkosten statt Sparen

Die Kosten im Gesundheitswesen senken soll das "Gesundheitsmodernisierungsgesetz", das am 1. Januar 2004 in Kraft trat. Patienten werden seitdem mit höheren Zuzahlungen für Medikamente belastet, Fahrtkostenzuschüsse wurden gestrichen und nicht verschreibungspflichtige Präparate muss man selbst bezahlen.

Von Michael Engel |
    Die Aidshilfe Niedersachsen fand jetzt in einer landesweiten Umfrage heraus, dass 50 Prozent der HIV-Infizierten seitdem nicht mehr regelmäßig zum Arzt gehen; 25 Prozent brechen deswegen sogar zeitweise die Behandlung ab - weil sie wenig Geld zur Verfügung haben.

    Groteske Folge: am Ende wird die Behandlung für die Gemeinschaft der Versicherten noch teurer.
    Die Behandlung einer HIV-Infektion ist häufig mit hässlichen Nebenwirkungen verbunden: Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerzen, Hautausschlag. Präparate, die hier Linderung verschaffen – Salben oder Schmerzmittel - müssen Betroffene seit dem 1. Januar 2004 komplett aus eigener Tasche bezahlen, weil es sich dabei in aller Regel um nicht verschreibungspflichtige Mittel handelt.

    Ein weiteres Spektrum sind die ganzen Medikamente zur Verhinderung von Nasennebenhöhlenentzündungen, auch sehr typisch für HIV-Patienten: Chinaöl, Inhalationen oder pflanzliche Präparate zum Lösen von Schleim. Das war alles noch letztes Jahr verschreibungsfähig und hat mich dementsprechend also nichts gekostet.

    81 Euro pro Monat zahlt "Marion" allein für die begleitende Behandlung ihrer HIV-Infektion. Eine "Härtefallregelung", die sozial schwache Patienten entlastet, gibt es bei diesen Präparaten nicht, das heißt, Patienten bleiben in jedem Fall auf den Kosten sitzen. Hinzu kommen die Aufwendungen für rezeptpflichtige Präparate, fünf bis zehn Euro pro Packung, dann ist da noch die Praxisgebühr und die Streichung von Zuschüssen für die Fahrt zum Arzt.

    Ich habe sehr viele HIV-Positive in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Und viele haben einfach so wenig Geld, und dann ist es ganz klar zu sagen, ach, ich mach’ jetzt mal eine Therapiepause und setzen dadurch ihre Medikamente ab. Also nachvollziehbar ist das für mich auf alle Fälle. Weil das Leben wird einfach immer teurer.

    Die Aids-Hilfe Niedersachsen kann die persönlichen Beobachtungen von Matthias nur bestätigen. Eine landesweite Umfrage unter HIV-Positiven ergab, dass es sich dabei um ein weit verbreitetes Phänomen handelt. 25 Prozent der befragten Patienten – jeder Vierte – bricht die Therapie aus Kostengründen vorübergehend ab. Landesgeschäftsführerin Imke Schmieta.

    Für den Normalbürger, der einmal im Jahr vielleicht eine Grippe hat und zum Arzt geht, für den ist die Gesundheitsreform tragbar. Es geht aber um die Menschen, die auf Leistungen wirklich angewiesen sind, und das auch dauerhaft, und die finanziell auch wirklich in einer schwierigen Situation sind, und da muss etwas geschehen, sonst wird das für uns alle zu teuer.

    16.000 Euro im Jahr müssen Krankenkassen für die Behandlung eines HIV-Patienten ausgeben. Nach einem Therapieabbruch verteuert sich das Ganze um weitere 10.000 Euro, so Prof. Matthias Stoll aus der Immunologischen Ambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover, denn solche Patienten müssen vollkommen neu auf einen Präparatemix eingestellt werden, weil die im Körper verbliebenen Viren resistent werden.

    Wenn diese Medikamente unsachgemäß abgesetzt werden oder unvollständig genommen werden, besteht eine hohe Gefahr von solchen Resistenzen, die es dann auf Dauer unmöglich machen, mit den gleichen Medikamenten eine erfolgreiche Therapie wieder durchzuführen. Was natürlich völlig zunichte macht den Spareffekt von einer eingesparten Taxi- oder Straßenbahnfahrt oder von zehn Euro Zuzahlung.

    Häufig unterbrechen HIV-Patienten die Weiterbehandlung so lange, bis das Vollbild "AIDS" ausbricht. Dr. Hans Heiken – HIV-Experte in der Medizinischen Hochschule Hannover - spricht von "grotesken Folgen" der jüngsten Gesundheitsreform.

    Wir hatten einen Patienten, der Nebenwirkungen am Auge hatte und künstliche Tränen brauchte. Diese künstlichen Tränen sind per Gesetz nicht mehr zu verordnen, außer wenn man Rheuma hat. Der Patient hatte kein Rheuma, kriegte eine Augenentzündung, ist 14 Tage in der Hochschule behandelt worden, das sind Kosten im Bereich deutlich über 10.000 Euro, die ihm mehr als ein Leben lang diese künstlichen Tränen können. Wir hatten zuvor sowohl mit der Krankenkasse als auch mit dem Sozialamt uns intensiv beraten, wie wir eine Möglichkeit finden, die künstlichen Tränen zu verordnen, und es wurde von allen Seiten vehement verneint, dass es irgend eine Möglichkeit gäbe.

    Dabei kostet ein Fläschchen Augentropfen nur 12 Euro, die aber aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Für einen Sozialhilfeempfänger mit 300 Euro im Monat ist das kaum zu leisten. Am Ende – so Prof. Stoll - wird alles nur noch teurer, jedenfalls für die Gemeinschaft der Versicherten.