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Mehrsprachige Schulen
Europa im Herzen

Immer mehr Kinder wachsen in bi-nationalen Familien auf und werden zweisprachig erzogen. Wer dann in der Schule von der ersten Klasse an noch mehr Sprachen lernen will, kann auf eine Europaschule gehen. Doch die Schulkonzepte variieren je nach Bundesland und machen einen Wechsel manchmal schwer.

Von Kemal Hür | 22.06.2015

Flaggen wehen vor dem Europaparlament in Straßburg
Gelebt wird Europa heute schon in vielen bi-nationalen Familien. (Bild: EP)
19 Schülerinnen und Schüler lernen in kleinen Gruppen. Ihr Thema: Sonnenenergie. Die Schülerin Tatjana zeigt ihrer Lehrerin ein Bild, das sie gemalt hat und beschreibt es: Die Erde, darauf gibt es Pflanzen, Tiere und Menschen, sagt sie auf Portugiesisch. Tatjana besucht die fünfte Klasse der deutsch-portugiesischen Grundschule "Neues Tor". Alle Schüler dieser Europaschule sind zweisprachig. So auch Joel und Eric.
"Die Schule ist echt cool, weil mein Vater mit mir zu Hause auch Portugiesisch spricht und mein Vater dann will, dass ich die Sprache auch fortsetze und mehr davon lerne. Meine Mutter spricht mit mir nur Deutsch, weil sie ja Deutsche ist."
"Weil wir früher mal hier gewohnt haben, und dann war's halt nah. Und meine Schwester war auch schon auf der Schule, und dann wollte ich auch auf die Schule, ja."
In der Regel sind in einer Klasse die Schüler zur Hälfte deutsch- und zur Hälfte portugiesischsprachig, sagt der kommissarische Schulleiter Bernhard Riemer. Das sei Teil des Berliner Konzeptes der Europaschulen. Die Berliner Europaschulen sind zweisprachige Schulen, während in anderen Bundesländern die allgemeine Unterrichtssprache Deutsch sei. Zusätzlich würden mehrere Fremdsprachen angeboten, sagt Riemer. Er wünsche sich aber ein bundesweit ähnliches Konzept.
"Diese Berliner Form halte ich für sehr zukunftsträchtig. Und wenn es das in anderen Bundesländern auch geben würde, dann könnten die Eltern, wenn sie mal umziehen wollen, ihre Kinder durchgehend in dieser Form unterrichten."
Bundeskonferenz der Europaschulen findet zum ersten Mal statt
Zur Stunde findet in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin die erste Bundeskonferenz der Europaschulen statt. Initiatorin ist die NRW-Europa-Ministerin Angelica Schwall-Düren. Sie findet die Mehrsprachigkeit auch sehr wichtig, aber es geht ihr in erster Linie um den europäischen Gedanken. Die Menschen würden Europa als ein Bürokratiemonster begreifen. Und wegen der aktuellen Krise um Griechenland würden sie die EU mit Ängsten verbinden. Umso wichtiger sei es, den Schülern schon im Kindesalter nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur der europäischen Länder zu vermitteln, sagt Schwall-Düren.
"Es erscheint immer so, dass Europa sehr weit ist, abstrakt, komplex, nicht verstehbar. Und Schüler und Schülerinnen können lernen, wie sehr Europa bis in ihren Alltag hineinwirkt in alle Lebensbereiche und damit, wenn Unterricht etwas mit Leben zu tun hat, muss sich das im Unterricht auch widerspiegeln. Das zeichnet Europaschulen aus, dass sie das können."
Durch Austauschprogramme mit Partnerschulen sollen sich Schüler im Ausland aufhalten und die jeweilige Kultur kennenlernen, so die Europa-Ministerin zum Auftakt der Konferenz. Mehr als 200 Teilnehmer aus allen Bundesländern sind zur ersten Bundeskonferenz angereist. Die Europaschulen wollen ihre Arbeit vorstellen und sich vernetzen. Die Schulen hätten unterschiedliche Konzepte, sagt der Vorsitzende des Bundesnetzwerks Europaschule, Christoph Becker. Aber es gebe auch gemeinsame Themen, über die ein Austausch stattfinden müsse.
"Fremdsprachen lernen, wie können wir Praktiker anbieten im Ausland? Das sind ja alles Bausteine der Europaschulen. Und da ist es interessant zu sehen, welche Möglichkeiten haben Schulen gefunden, welche Wege? Das Bundesnetzwerk hat auf seiner Homepage ein Forum eingerichtet Biete-Suche, wo also alle Europaschulen Angebote einstellen können, auf die andere dann zugreifen können."
Berlin sei übrigens mit der kompletten Zweisprachigkeit einzigartig. Um einen Wechsel zwischen den Schulen in verschiedenen Bundesländern zu ermöglichen, müssten alle Europaschulen ein gemeinsames Konzept haben. Das sei aber mit 16 unterschiedlichen Schulgesetzen nicht möglich.