Mehrsprachige Kinder 
Sprachen mischen is no problem 

Immer mehr Kinder in Deutschland wachsen mit mehr als einer Sprache auf. Bei ihrer Förderung in Kitas gibt es allerdings erhebliche Defizite. Worauf Eltern achten sollten. 

    Ein Junge spricht in ein Dosentelefon.
    Mehrsprachigkeit kann eine Bereicherung für Kinder sein (picture alliance / Westend61 / Manu Reyes)
    Etwa jedes fünfte Kita-Kind in Deutschland wird mit mehreren Sprachen groß. Doch längst nicht alle profitieren davon. Kinder, die nicht richtig Deutsch lernen, haben es schwer in der Schule. Wie sehr Sprachdefizite ihre Bildungschancen mindern können, zeigen unter anderem die PISA-Ergebnisse: Bei den Tests scheiden Schülern mit Migrationshintergrund im Schnitt deutlich schlechter ab als ihre Klassenkameraden. Mangelnde Deutschkenntnisse gelten als ein maßgeblicher Grund dafür.

    Mehrsprachigkeit ist kein Risiko für den Spracherwerb 

    Doch Mehrsprachigkeit kann auch eine Bereicherung für Kinder sein. Mehr als eine Sprache zu beherrschen, bringt in der Schule mitunter Vorteile mit sich, ebenso im Beruf. Bilingualen Kindern fällt es laut Experten oftmals leichter, eine Fremdsprache zu erwerben. Ob Mehrsprachigkeit die Intelligenz fördert, ist in der Forschung dagegen umstritten. Dass sie Demenz hinauszögern kann, darf dafür als relativ gut gesichert gelten. Die Gründe kennt die Wissenschaft noch nicht.
    Die Sprachentwicklung weist bei mehrsprachigen Kindern allerdings ein paar Besonderheiten auf. Typisch ist das Sprachenmischen. Das geschieht beispielsweise, wenn sie ein Wort in einer Sprache nicht kennen oder eine grammatische Form noch nicht gelernt haben. Experten sehen darin kein Problem. Das sogenannte Code Mixing verschwinde, sobald sie beide Sprachen ausreichend beherrschen. Mehrsprachigkeit stellt laut Fachleuten kein Risiko für den kindlichen Spracherwerb dar.

    Erhebliche Defizite bei der Förderung in Kitas

    Erhebliche Defizite gibt es jedoch bei der Förderung mehrsprachiger Kinder in den Kitas. 92 Prozent der Einrichtungen betreuen Kinder, die zu Hause vorrangig eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Das ergab eine Umfrage des Paritätische Gesamtverbandes. Doch nur 36 Prozent der Kitas gaben an, diese Kinder gezielt unterstützen zu können. Weniger als die Hälfte traut sich zu, ihre Sprachentwicklung kompetent einzuschätzen.
    Selbst in bilingualen Kitas ist die Förderung meist alles andere als optimal, befindet der Bildungsforscher Martin Schastak. Oft würden Sprachen nach Betreuern oder Räumen getrennt; ein Sprachwechsel oder das Mischen von Sprachen werde „nicht so gerne gesehen“. Die Bilingualismusforschung befürworte aber zunehmend, beide Sprachen im Alltag und für Lernprozesse einzusetzen.
    Dabei könnten Kitas recht leicht einiges zur Förderung der Vielsprachigkeit beitragen, glaubt Schastak. Eine mehrsprachige Belegschaft ist aus seiner Sicht dafür nicht nötig. Stattdessen könnten die Erzieher auf die „Sprachexpertise der Kinder“ vertrauen und bilinguale Bilderbücher oder Audios anbieten.
    Nach Ansicht des Paritätischen Gesamtverbands fehlt in den Kitas die Zeit, um die Sprachentwicklung der Kinder zu unterstützen. Der Sozialverband fordert mehr Geld vom Bund für die sprachliche Bildung in den Einrichtungen.

    Eltern sollten ihre Muttersprache sprechen 

    Worauf sollten Eltern bei der mehrsprachigen Erziehung achten? Am wichtigsten ist, dass die Kinder alle ihre Sprachen häufig hören und nutzen können, sagen Experten. Eltern raten sie, mit ihren Kindern grundsätzlich in der Sprache zu kommunizieren, die sie am besten beherrschen; in der Regel ist das die eigene Muttersprache. Nachteilig auf die Sprachentwicklung wirkt sich laut Fachleuten aus, wenn Mütter und Väter versuchen, mit ihren Kindern Deutsch zu reden, obwohl sie die Sprache nicht richtig beherrschen.
    Deutsch lernen Kinder nicht-deutschprachiger Eltern am besten durch ausreichend Umgang mit Muttersprachlern, etwa in der Kita, so heißt es in einem „Merkblatt für Eltern mehrsprachig aufwachsender Kinder“ der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Eltern sollten ihre Kinder deswegenso früh wie möglich in den Kindergarten schicken.

    Manche Kinder wachsen mit sieben Sprachen auf  

    Wie viele Sprachen Kinder maximal von klein auf lernen können, weiß die Wissenschaft noch nicht. „Wir kennen tatsächlich nicht aus der Forschung die Höchstgrenze“, sagt die Mehrsprachigkeitsforscherin Katharina Brizić von der Uni Freiburg. Es gebe Kinder, die mit sieben Sprachen aufgewachsen seien.

    Onlinetext: Tobias Kurfer