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Mein Atem heißt jetzt

Am 11. Mai 1901 "im seidigen Grün einer Mainacht" wurde Rose Ausländer in Czernowitz in der Bukowina geboren. Sie starb am 3. Januar 1988 in Düsseldorf. Fast das ganze 20. Jahrhundert umschließt das Leben der Dichterin; zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung, Schoa und Exil. Sie wurde zur Nomadin, die, nach dem Verlust der Heimat zwischen Europa und Amerika pendelnd, vergeblich versuchte, sich an einem Ort dieser Erde erneut zu verwurzeln.

Von Helmut Braun | 14.05.2011

    Einzig die Sprache blieb ihr - "unser verwundetes/geheiltes Deutsch"; "Mutter Sprache" wurde ihre Heimat; sie lebte in ihrem "Mutterland Wort". Die "eingebrannten Jahre" der Schoa finden sich als Metatext in all ihren Gedichten. Aber auch die "Glücksmomente" haben Spuren hinterlassen.

    Helmut Braun betreute die Lyrikerin von 1975 bis 1988 und besuchte sie während ihrer zehnjährigen selbst gewählten Bettlägerigkeit und Isolation an die 500-mal, jeden Freitag um 18.45 Uhr. Er erzählt aus dem Leben Rose Ausländers und stellt ihr Werk vor. Die Gedichte liest Ulrike Krumbiegel.


    Die Rose-Ausländer-Stiftung in Köln betreut den literarischen Nachlass von Rose Ausländer, der Eigentum der Stadt Düsseldorf ist und im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf aufbewahrt wird.

    Rose Ausländer-Stiftung
    Blücherstraße 10
    D-50733 Köln
    info@roseauslaender-stiftung.de


    Denn

    Denn
    ich hab dir
    nichts versprochen
    nur den Docht für die Lampe
    und das Kännchen Öl
    für gedämpftes Licht
    auf dem Tisch
    mit den Blutflecken

    Den Teppich
    kann ich nicht weben
    mit den Fäden aus Draht

    Sag nicht "Gute Nacht"
    die Nacht ist nicht gut
    die fremde vergeßliche Nacht

    Dr. Hildegard Hamm-Brücher zu den Literatur- und Ausstellungswochen in Lichtenwalde "100 Jahre Rose Ausländer" (Auszug)
    ... Dreifache Nachteile musste sie überwinden: Sie war eine Frau, eine Jüdin und eine Lyrikerin.
    Als Frau gehörte sie zu der zu ihren Lebzeiten noch völlig unterprivilegierten Hälfte der Menschheit, die ihre Bildung, ihre Ausbildung, ihr selbstständiges berufliches Fortkommen, ihr Leben außerhalb der bürgerlichen Normen, ihre Selbstbestimmung ertrotzen und unter großen Opfern ankämpfen musste.
    Als Jüdin - nichtreligiös aber sich immer zum Volke der Juden bekennend - war sie der Verfolgung und Vernichtung ihres Volkes ausgesetzt, von ihr erlebt und erlitten. Im Getto von Czernowitz. Sie überlebte, Körper und Seele versehrt und für den Rest ihres Lebens von traumatischen Schäden gezeichnet.
    Als Lyrikerin wurde sie Jahrzehnte nicht wahrgenommen. Lyrik hat die leiseste Stimme von allen Künsten, Poesie taugt nicht für lärmendes "Event".
    So bedurfte es schier unerschöpflicher Kreativität und Vitalität um zu schreiben, schreiben, schreiben. ... Es ist ihr gelungen, "sich mit wenigen Worten ins Nichts zu schreiben", es wird sie "ewig aufbewahren". Wir schulden ihr Dank und Bewunderung für ihr Lebenswerk.


    Mein Atem

    In meinen Tiefträumen
    weint die Erde
    Blut

    Sterne lächeln
    in meinen Augen

    Kommen Menschen
    mit vielfarbnen Fragen
    Geht zu Sokrates
    antworte ich

    Die Vergangenheit hat mich gedichtet
    ich habe
    die Zukunft geerbt

    Mein Atem heißt
    jetzt





    Peter Rychlo: Rose Ausländers Leben und Dichtung. "Ein denkendes Herz, das singt"
    Behütete Kindheit und Jugend in der Bukowina
    Nachlesen


    Mutterland

    Mein Vaterland ist tot
    sie haben es begraben
    im Feuer

    Ich lebe in meinem Mutterland
    Wort



    Die erste fundierte Zusammenstellung Rose Ausländers in Originalaufnahmen.
    Mit Hörprobe

    Rose Ausländer
    Mutter Sprache
    CD
    Gedichte. Gelesen von der Autorin. 71 Min..
    2002 DHV Der HörVerlag
    Produktion: Südwestrundfunk, Deutsches Rundfunkarchiv
    Die Vergangenheit, Erfahrungen von Einsamkeit und Fremdheit durchziehen wie rote Fäden das lyrische Werk Rose Ausländers. Geprägt vom kulturellen Leben der Stadt Cernowitz, von den ersten Jahren in New York, von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, von Flucht und Exil, ist ihr Schreiben ein Suchen nach Heimat. Der Verlust der geliebten Mutter, der Verlust des Mutterlandes, der Rückzug auf eine neue Heimat: das Schreiben, das Mutterland Wort, die Mutter Sprache. Ihr Schreiben ist das Vertrauen in die Assoziationskraft des Wortes, in das Vermögen des Gedichts, Welt auszusprechen und sichtbar zu machen. Das Vermögen ihrer Lesung ist es, dieser Welt einen Körper zu geben, den Hörer mit poetischen Bildern zu konfrontieren, die ihn nicht wieder verlassen.

    Kurz-Biografie
    Am 3. Januar 1988 starb hochbetagt die Dichterin Rose Ausländer, deren bewegtes Leben und literarische Schaffen Gegenstand einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek ist.

    Geboren wurde Rose Ausländer am 11. Mai 1901 als Rosalie Beatrice 'Ruth' Scherzer in Czernowitz in der Bukowina, einem multi-ethnischen Gebiet im damaligen Österreich. Heute gehört sein nördlicher Teil zur Ukraine, der südliche zu Rumänien.

    Sie besuchte deutschsprachige Schulen in Czernowitz und Wien und machte 1919 ihre Matura. Das Studium der Literatur und Philosophie fand durch den Tod des Vaters ein Ende, zusammen mit ihrem späteren Ehemann Ignaz Ausländer wanderte sie 1921 nach Amerika aus. Dort arbeitete sie als Hilfsredakteurin bei einer Zeitschrift in Minneapolis und publizierte ihre ersten Gedichte, später zog sie nach New York, wo sie als Bankangestellte arbeitete. Sie erhielt 1926 die amerikanische Staatsbürgerschaft, die ihr jedoch 1934 wieder aberkannt wurde wegen dreijähriger Abwesenheit aus den USA. Immer wieder zog es sie nach Europa, nach Czernowitz und Bukarest. Sie hatte sich 1926 von ihrem Mann getrennt und lebte zwischen 1931 bis 1935 mit Helios Hecht zusammen, hauptsächlich in Bukarest. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Englischlehrerin und als Arbeiterin in einer chemischen Fabrik.

    Zwischen 1931 und 1936 erschienen viele Gedichte in Anthologien und Zeitschriften, sie lieferte auch journalistische Beiträge. 1939 kam in Czernowitz ihre erste Buchpublikation 'Der Regenbogen' heraus, für lange Zeit das letzte Buch von ihr.

    1941 besetzten die Nazis die Bukowina und sie lebte bis zur Befreiung 1944 unter ständiger Todesfurcht im Getto der Stadt, später in Kellerverstecken. Dort traf sie Paul Celan, der auf ihre Gedichte aufmerksam wird. Nach dem Einmarsch der russischen Truppen arbeitete sie für kurze Zeit in der Stadtbibliothek von Czernowitz, das nun zur Ukraine gehörte. 1945 stellte sie einen Ausreiseantrag nach Rumänien und reiste dann im folgenden Jahr gleich weiter nach New York.

    Dort fand sie Arbeit als Fremdsprachenkorrespondentin in einer Spedition, wo sie 1961 krankheitshalber ausschied. Zwischen 1949 und 1956 schrieb Rose Ausländer ausschließlich auf Englisch.

    Auf einer mehrmonatigen ausgedehnten Europareise 1957 traf sie mehrmals mit Paul Celan zusammen und begann wieder Deutsch zu schreiben.

    Bald nach ihrem Ausscheiden aus der Spedition bereitete sie ihre Übersiedelung nach Europa vor. Zunächst wollte sie nach Wien, wo inzwischen auch ihr Bruder Aufnahme gefunden hatte, ließ sich 1965 jedoch endgültig in Düsseldorf nieder. Hier erschien noch im selben Jahr der Band 'Linder Sommer', ihre erste Buchpublikation seit 1939.

    Bis 1971 war ihr Leben gekennzeichnet von zahlreichen Reisen - 1968 noch einmal, zum letzten Mal, nach Amerika - und einer steigenden Berühmtheit. Beinahe jedes Jahr erschien nun eine Gedichtssammlung. Im Jahre 1977 las die Autorin zum letzten Mal in der Öffentlichkeit anlässlich einer Preisverleihung. Seit 1978 lebte sie ans Bett gefesselt im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf. Sie schrieb jedoch weiter bis zu ihrem Tode.


    Suchen I

    Ich suche
    eine Insel
    wo man atmen kann
    und träumen
    daß die Menschen gut sind



    Heimatverlust - Erinnerungsraum Bukowina in Rose Ausländers Lyrik
    von Kaltenhäuser, Florian;
    Akademische Schriftenreihe
    2010 GRIN Verlag
    Rose Ausländer ist nicht jedem ein Begriff. Das ist aber sicher kein Grund, sich nicht ein wenig mit ihrem Werk auseinanderzusetzen, welches in gewisser Weise ein Stück Zeitgeschichte repräsentiert. Zudem kann auch ein kleiner Einblick in eine in Deutschland ein wenig vergessene und darum vielleicht nicht sehr beachtete Literaturlandschaft namens Bukowina gewonnen werden, die unter anderem auch einen so großartigen Dichter wie Paul Celan hervorgebracht hat, dessen Ruhm der deutschen Literatur zu Gute kommt. Im Laufe ihres Lebens schrieb Rose Ausländer unzählige Gedichte, in denen sie Erlebtes verarbeitete. Sie schrieb über viele Themen wie ihre Kindheit, ihre Erlebnisse im weiten Weltkrieg oder im Exil in Amerika. Ein Thema zieht sich aber wie ein roter Faden durch viele ihrer Gedichte, die vorwiegend in ihrer Zeit in den USA entstanden, nämlich das Thema Heimatverlust, das Ro-se Ausländer sicherlich schwer beschäftigte. Zwei ihrer Gedichte werden in dieser Arbeit etwas genauer betrachtet. Die Gedichte Zuvor und Bukowina I entstanden in dem Zeitraum zwischen 1957 und 1965 in New York, wobei das Gedicht Zuvor sicherlich erst gegen Ende und das Gedicht Bukowina I bereits am Anfang dieser Zeitspanne geschrieben wurde und für eine wesentliche Stilentwicklung in Rose Ausländers Werk stehen sowie Einblick in das Gefühlsleben einer Heimatlosen, Vertriebenen gewähren.

    Rose Ausländer
    Gedichte.

    Hrsg. v. Helmut Braun. 2001.
    Fischer (S.), Frankfurt

    Helmut Braun
    'Ich bin fünftausend Jahre jung', Rose Ausländer.

    Zu ihrer Biographie. 1999.
    Radius-Verlag

    "Weil Wörter mir diktieren: Schreib und."
    Literaturwissenschaftliches Jahrbuch
    Rose Ausländer-Stiftung 1999

    Rose Ausländer
    Ursula Raetjen
    Meine liebe Frau Ratjen ... Grüße auch an Wolfi

    Briefwechsel Rose Ausländer-Stiftung

    "Mutterland Wort"
    Rose Ausländer 1901 - 1988

    Rose Ausländer-Stiftung 1999
    Hrsg. von Helmut Braun

    Annette J Lehmann
    Im Zeichen der Shoah.

    Aspekte der Dichtungs- und Sprachkrise bei Rose Ausländer und Nelly Sachs.
    Stauffenburg Colloquium Bd.47. 1999.
    Stauffenburg

    Rose Ausländer
    Materialien zu Leben und Werk

    Herausgegeben von Helmut Braun
    Fischer Taschenbuch 1992

    Rose Ausländer
    Wieder ein Tag aus Glut und Wind

    Gedichte 1980 - 1982
    S. Fischer Verlag 1986

    Rose Ausländer
    Jeder Tropfen ein Tag

    Gedichte aus dem Nachlaß
    mit Gesamtregister
    S. Fischer Verlag 1990


    Rose Ausländer
    Herausgeber: Helmut Braun
    Deiner Stimme Schatten
    Gedichte, kleine Prosa und Materialien aus dem Nachlass
    Fischer Verlag

    "Immer wieder kommt Rose Ausländer auf das Wort, das Gedicht, die Poesie zurück; aber nicht um noch einmal die Kunst und den schönen Schein zu feiern, sondern weil das Leben buchstäblich am Wort hängt, vom Gedicht gehalten wird."
    Frankfurter Allgemeine Zeitung


    Die Werkausgaben

    Rose Ausländer
    Gesamtwerk in Einzelbänden
    Herausgegeben von Helmut Braun
    Fischer Verlag


    Meine Toten schweigen tief
    Gedichte von Rose Ausländer
    Fotos von H. Zwi Szajer
    Alano Verlag 1988

    Schnell

    Schnell wie Wasser
    rinnt die Zeit

    Länder schwimmen
    manche gehen unter

    Schiffe ziehn
    von Welt zu Welt

    Dort gibt es Krieg
    Hier atmet
    noch ein Weilchen
    der Frieden

    Kinder hungern
    Gib ihnen
    Brot und Liebe

    Ein Bild
    Ein Wort
    Musik
    Wir schaffen Wunder

    Schnell wie Wasser
    rinnt dein Leben

    Weitere Gedichte von Rose Ausländer
    finden Sie beispielsweise im Frauenkulturarchiv der Heinrich-Heine-Universität und dem Bücher-Wiki