Der 1934 geborene Fritz Mierau war denn auch nur kurze Zeit - als Assistent an der Humbold-Universität und ein paar fruchtbare Jahre an der Akademie der Wissenschaften - institutionell gebunden. Die meiste Zeit arbeitete der unangepaßte Einzelgänger und Außenseiter ohne akademische Titel bewusst und aus freier Entscheidung als Freiberufler. Auch weil die Verlagsslawistik mit ihren Editionen der Universitätsslawistik immer um Längen voraus war. Und er hat für diese Freiheit auf jede materielle Sicherheit und alle Privilegien verzichtet:
Ich habe ja versucht darzustellen, dass ich eigentlich ein akademischer Wildwuchs bin. Das ist auch aus der Not gekommen. Wir hatten in der DDR keine wirklichen akademischen Lehrer in der Slawistik (...) D.h. ich musste mich ein bisschen selber kümmern. Und ich sage das gern und ohne Bedauern, dass ich mich einfach unmittelbar von den Gedichten und von den Biographien derer gefangen nehmen ließ, in die ich mich verliebte, muss ich ja im Grunde sagen. Ich habe mich immer eher als Liebhaber der russischen Poesie gesehen.
Aber was sind das auch für Biographien, diese Lebensläufe der verfemten und verdrängten Dichter, der Totgeschwiegenen oder im GULAG Umgekommenen. Diese Gedichte und Biographien stellten den damals in der DDR herrschenden engstirnigen Kanon der Sowjetliteratur vollständig in Frage und eröffneten den unerschöpflichen geistigen Raum der europäischen Moderne, in deren Kontext all diese bedeutenden Schriftsteller nur zu verstehen sind. Sie repräsentieren aber auch die großen ideologischen Verführungen des 20. Jahrhunderts, mit deren "Triumphen und Versuchungen" wie auch "Gefahren und Irrtümern" sich Fritz Mierau - und das zieht sich als Leitfaden durch das ganze Buch - lebenslang auseinander setzte. Gerade damit hängt zusammen, was er seine "Russlandverfallenheit" nennt.
Unbeirrbar und hartnäckig, in beständigem Kampf gegen die Apparate der Zensur, die Dummheit der offiziellen DDR-Kulturpolitik und die dogmatischen Normen des sozialistischen Realismus hat er die Dichtung der russischen Moderne schrittweise - unter Rückschlägen, mit Enttäuschungen und abgebrochenen Projekten - dem interessierten Leser zugänglich gemacht:
Diese sowjetische Literatur der anderen Art - die Avantgarde - konnte eingesetzt werden als unmittelbares Beispiel, dass man auch anders wirklich schreiben konnte. Nicht nur anders Theorie machen, sondern auch anders schreiben konnte! Und sich auch anders als Schriftsteller bewegen konnte!
Der engagierte, begeisterte Einsatz für die russische Moderne mit ihren Brüchen und Korrekturen war für Fritz Mierau das Mittel der geistigen Auseinandersetzung mit dem Kulturleben der DDR, aber auch dazu, seinen ganz eigenen Weg zu finden:
Sehr früh - also am Anfang vielleicht mehr unbewusst, aber doch bald bewusster - war es für uns ja wichtig zu sehen, selber zu begreifen: wie besteht man in solchen Zeiten totaler Herrschaften und Diktaturen. Ist es einfach nur ein Überleben oder gibt es da authentisches Leben auch.. (...) Das erlebte ich an den russischen Dichtern, die ich lieb gewann; und von daher kam auch die ganz besondere Stärkung, die von dort möglich war. Das heißt wenn man von einem Einfluss oder sagen wir besser von der Bedeutung dieser Art russischer Literatur in der DDR spricht, so meine ich, dass das die Stärkung für ein Leben unter solchen vergleichbaren - nicht ganz gleichen natürlich, aber vergleichbaren - Umständen ergab. Und die Kraft, die auch in den Editionen steckt, ist die, sich selber an dem, was da vorgeführt wird, zu stärken.
Einige der bekanntesten Dichter der DDR haben diese Erfahrungen mit ihm geteilt, haben von seinen "Besuchen in der Schatzhöhle" der russischen Literatur profitiert:
Und da wir seit 1961 oder 62 mit den Dichtern unserer, meiner Generation zusammenkamen, also mit Karl Mickel und Rainer Kirsch - jünger waren dann Sarah Kirsch und Elke Erb, Adolf Endler war etwas älter - und dort eigentlich unser Lebensgefühl ausgedrückt fanden, dachte ich mir, man sollte das verbinden. Die doch sehr verschiedenartige poetische Potenz und Kompetenz auf deutscher Seite, mit dem, was aus der russischen Moderne vorlag. Und das war tatsächlich von den mittsechziger bis in die endsiebziger und anfangachtziger Jahre Praxis, dass alles, was ich vorschlug, dass ich dann jeweils unsere Dichter fragte, ob sie eine Neigung hatten, dort mitzumachen. Das hat natürlich auch eine schmerzliche Seite. Es war ja so, dass die eigene dichterische Produktion gerade dieser schon in den 70er Jahren, aber dann besonders seit der Ausbürgerung von Wolf Biermann sehr gedrosselt war, so dass sie eigentlich in diese Nachdichtungen einen Teil ihrer eigenen poetischen Produktion hineingearbeitet haben. Was ein einzigartiger Vorgang ist. Aber es ist schmerzlicher Vorgang.
Fritz Mierau hat sich seinen auserwählten Autoren weniger auf akademisch- analytische Weise genähert, sondern vor allem sehr subjektiv und mit Empathie: bei Reisen durch die Sowjetunion auf den Spuren dieser Schriftsteller, über Orte und Landschaften, durch Treffen mit Augenzeugen, noch lebenden Verwandten oder interessanten russischen Forscherpersönlichkeiten. Alle offiziellen Beziehungen - pompöse Empfänge, Treffen mit Schriftstellerprominenz hat er gemieden und - wie er es ausdrückt - mit der "sanften Gewalt der Häuslichkeit die imperialen Rituale außer Kraft gesetzt." Wesentlich waren für ihn die Begegnungen mit Menschen.
Die so ganz eigenständige und unabhängige Randexistenz des einflussreichen Slawisten Mierau stellte natürlich - nicht nur für die Stasi - eine Provokation dar. Dabei war er nicht etwa ein politischer Dissident; er hat mit seinem Verhalten sogar manchmal irritiert und es riskiert, mißverstanden zu werden. Er war und ist einfach ein radikaler Individualist und Nonkonformist, der sich von niemandem Vorschriften machen und von niemandem kontrollieren lassen wollte, und der sich allen Gruppenzuordnungen entzieht. Deshalb wählte er auch nicht den Weg in den Westen:
Tatsächlich haben wir uns richtiggehend vorgenommen, in der DDR zu bleiben, solange nicht wir oder unserer Kinder an Leib und Leben bedroht sind.
Von seiner kleinen Wohnung am Prenzlauer Berg aus hat er - wie Mandelstam es nennt - eine "welterfahrene Häuslichkeit" und das "Zuhausesein in der Weltkultur" gelebt, trotz der Einschränkungen und begrenzten Möglichkeiten des Mauerstaates. Geholfen hat ihm und seiner Frau Sieglinde in dieser gelassenen Haltung sicher eine geistige Stärke und innere Unabhängigkeit, die sich - wie besonders aus den letzten Kapiteln seiner Autobiographie in manchmal fast befremdender Weise hervorgeht - auch aus mystischen Quellen speist. So beschäftigt er sich nun seit vielen Jahren mit Leben und Werk von zwei sehr widerständigen und komplexen Persönlichkeiten, die er in seinem Buch immer wieder als originelle Prototypen für die Auseinandersetzung mit den utopischen Versuchungen des 20. Jahrhunderts und als seine spirituellen Leitgestalten herausstellt: mit dem deutschen Intellektuellen Franz Jung sowie dem russisch-orthodoxen Priester und Naturphilosophen Pawel Florenskij.
Mieraus in bildreicher Sprache gestalteten Erinnerungen an sein "russisches Jahrhundert" fügen sich zu einem nachdenklichen und spannungsvollen Zeitroman.