Demoskopie
Wenn Meinungsumfragen schlecht gemacht sind

Meinungsumfragen sollen die Stimmung in der Bevölkerung abbilden. Gleichzeitig beeinflussen ihre Ergebnisse Politik und Gesellschaft. Doch viele der Datenerhebungen sind methodisch fehlerhaft – das liegt auch an der Digitalisierung.

    Eine Hand über einer Tastatur mit einem Stift und transparenten Fragebögen - Symbolbild zum Thema "Online-Befragung".
    Onlineumfragen sind billig und liefern schnelle Ergebnisse – gesicherte Methoden geraten dadurch unter Druck (Imago / Depositphotos )

    Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stehen Meinungsumfragen wieder hoch im Kurs. Auch zu kontrovers diskutierten Themen wie Einwanderung oder Tempolimit sollen Befragungen repräsentativ die Einstellung in der Bevölkerung wiedergeben.
    Aber Sozialwissenschaftler warnen vor sinkender Qualität. Dadurch entstehen verzerrte Meinungsbilder, so die Forschenden – mit problematischen Folgen für die demokratische Öffentlichkeit.

    Inhalt

    Viele Umfragen sind fehlerhaft

    Die European Survey Research Association ist ein europäischer Fachverband für Umfrageforscher und Methodiker. Die ESRA beschäftigt sich unter anderem mit der methodischen Frage, wie Umfragen ein möglichst genaues Bild der öffentlichen Stimmung wiedergeben können.
    Die ESRA warnt nun, dass häufige Mängel oder Fehler bei Umfragen zu Fehlinterpretationen führen können. Ein besonderes Problem sind demnach die zahlreichen Onlineumfragen. Sie gelten als besonders kostengünstig, doch können bei ihnen wichtige Qualitätskriterien nicht eingehalten werden. Das betrifft vor allem die sogenannte Zufallsauswahl.

    Zufallsauswahl: Grundlage für seriöse Umfragen

    Die Zufallsauswahl ist die zentrale Grundlage für eine methodisch gesicherte Umfrage. Methodenforscher Ulrich Kohler von der Universität Potsdam erklärt, bei dem Verfahren hätte „jede Person der Grundgesamtheit eine Chance, in die Stichprobe zu gelangen“. Außerdem sei „die Wahrscheinlichkeit bekannt, mit der sie da hineingelangt“.
    Zufallsstichproben liefern, unabhängig vom Thema, die besten Ergebnisse, so Kohler. Das sei theoretisch wie empirisch bewiesen.
    In der Wissenschaft wird nur bei Sicherstellung der zufälligen Probandenauswahl von einer repräsentativen Stichprobe gesprochen, betont der Sozialpsychologe Oliver Decker.
    Das Problem ist, dass gerade die zunehmenden Onlineumfragen nicht mit Zufallsstichproben arbeiten. Sie finden auf Plattformen statt und greifen auf einen festen Kreis von Teilnehmenden zurück, die zudem oft Aufwandsentschädigungen erhalten. Da diese Probanden immer wieder angeschrieben werden, sinkt die Vielfalt der an Befragungen beteiligten Bevölkerungsgruppen. Bei Onlineumfragen nehmen beispielsweise vor allem jüngere oder digital affine Menschen teil.

    Die Einflüsse von Umfragen

    Die Ergebnisse von Umfragen können deutliche Konsequenzen haben. Generell lenken sie die öffentliche Aufmerksamkeit auf Themen. Zudem beeinflussen sie die Wahrnehmung von Normen und Werten, sagt der Psychologe und Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld.
    Der Einfluss von Umfragen zeigt sich auch, wenn Parteien oder Politiker ihr Handeln an ihnen ausrichten. Oder wenn sich unschlüssige oder verunsicherte Wähler und Wählerinnen kurz vor der Stimmabgabe an Umfrageergebnissen orientieren. Politische Akteure mit angeblich hohen Zustimmungsraten werden in der Bevölkerung anders wahrgenommen. Der sogenannte Bandwagen-Effekt führt dazu, dass ihnen mehr Vertrauen geschenkt wird.
    Auch die Wahrnehmung der Wissenschaft allgemein ist von der Meinungsforschung betroffen. Gibt es immer wieder Fehler oder Mängel, kann dadurch das Vertrauen in wissenschaftliche Forschungsergebnisse verloren gehen.

    Das machen Medien falsch

    Bei all dem kommen auch noch Probleme bei der Berichterstattung über Umfragen hinzu. Medien geben Umfrageergebnisse häufig unkritisch oder gar fehlerhaft wieder. Sie stürzen sich zudem auf besonders spektakuläre, kontroverse Fragen.
    Die Qualität von Umfragen würde zudem nicht genug hinterfragt oder geprüft, kritisiert Methodenforscher Ulrich Kohler. Dazu kommt: Auch methodisch fundiert erstellte Umfragen hätten immer eine gewisse Unsicherheit. Doch die werde in der Berichterstattung selten erwähnt.
    Dass über seriöse wie nicht seriöse Studien unterschiedslos berichtet wird, führt dazu, dass Mediennutzer verunsichert werden und nicht mehr wissen, welchen Ergebnissen sie vertrauen können, betont die Umfragestatistikerin Barbara Felderer.
    Dabei liegen Empfehlungen vor, wie Studien veröffentlicht werden sollten. So sollte der vollständige Fragebogen vorliegen, denn auch Antwortmöglichkeiten und die Reihenfolge der Fragen können das Ergebnis beeinflussen.
    Auch sollte die Methode aufgeführt werden, also beispielsweise wie viele Probanden befragt wurden, ob die Umfrage telefonisch oder online durchgeführt wurde oder wie groß die Fehlertoleranz war.
    Je politisch oder gesellschaftlich relevanter das Thema einer Meinungsumfrage ist, desto wichtiger ist es, auf die Einhaltung der Qualitätsstandards zu achten, sagt Ulrich Kohler.
    Die Warnung der EASA richte sich daher auch an die verschiedenen medialen Multiplikatoren. Sie müssen die Qualität von Befragungen bei ihrer Berichterstattung richtig einschätzen.
    Hörfunkbeitrag: Kathrin Kühn, Ulrike Köppchen
    Onlinetext: Catherine Shelton