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StartseiteKalenderblattMeister des Absurden26.11.2009

Meister des Absurden

Vor 100 Jahren wurde der Dramatiker Eugène Ionesco geboren

Er kam aus Rumänien und wurde zu einem der wichtigsten Vertreter des jungen französischen Dramas, das unter dem Namen "Theater des Absurden" bekannt wurde. Mit seiner tiefen Skepsis gegenüber der Sprache als Mittel der Verständigung wurde Eugène Ionesco zu einem gesellschaftskritischen und politischen Autor.

Von Eva Pfister

Aufführung "Die Nashörner" von Eugen Ionescu am Wiener Volkstheater (AP Archiv)
Aufführung "Die Nashörner" von Eugen Ionescu am Wiener Volkstheater (AP Archiv)

Sein erstes Theaterstück nannte Eugène Ionesco ein Anti-Stück. Er reihte banale und sinnentleerte Wörter, ausgeleierte Redewendungen und Klischees aneinander, ursprünglich mit der Absicht, eine "Tragödie der Sprache" zu schreiben. "La Cantatrice chauve" - "Die kahle Sängerin" - wurde 1950 in Paris uraufgeführt, wo das Stück zusammen mit "La Leçon" - "Die Unterrichtsstunde" - bis heute auf dem Spielplan steht. Aber auch anderswo ist "Die kahle Sängerin" noch quicklebendig, zum Beispiel am Theater Basel:

"Oh - Sie – oh. (….) Ich, Ihr seid Freunde - und wie - so glücklich, Sie wiederzusehen - endlich!"

Mit seinen frühen Theaterstücken wurde Eugène Ionesco zu einem der Begründer des absurden Theaters. Indem er die Dialoge und Konventionen des Boulevardtheaters durch Zuspitzungen und unlogische Verdrehungen ad absurdum führte, kritisierte er den bürgerlichen Verhaltenskodex und führte die Sprache als untaugliches Instrument der zwischenmenschlichen Kommunikation vor. Aber wie seine Kollegen Arthur Adamov und Samuel Beckett zielt Ionesco noch auf eine existenziellere Dimension:

"Das Absurde kommt immer da zustande, wo der Mensch die Gesetze der menschlichen Gegebenheiten nicht annehmen will."

Als Sohn eines Rumänen und einer Französin wurde Eugène Ionesco am 26. November 1909 in Rumänien geboren. Seine Jugend war zerrissen zwischen Paris und Bukarest, zwischen Mutter und Vater, Heimen und Pflegeeltern. Die glücklichsten Kindheitserinnerungen hatte er an die drei Jahre, die er bei einer Bauernfamilie in der Normandie verbrachte.

In Bukarest studierte Ionesco romanische Literatur und veröffentlichte erste Aufsätze und Gedichte. Aber er fühlte sich in Rumänien fehl am Platz und machte dort seine prägende Lebenserfahrung, die er 1967 in seinem Tagebuch festhielt:

"Die Erfahrung, verloren zu sein in der Welt, abgetrennt, verloren in der Sprache, und in meiner eigenen Sprache, die ich nicht mehr als meine eigene empfand, sondern als die der Andern."

Seine Isolation an der Universität, als Professoren und Freunde sich der faschistischen Ideologie der Eisernen Garde annäherten, hat Ionesco in seinem Stück "Die Nashörner" verarbeitet, mit dem er 1959 weltberühmt wurde. Darin weigert sich der Protagonist als Einziger in der ganzen Stadt, zu einem Nashorn zu mutieren.

"Mich erwischt man nicht. Nein, euch werde ich nicht folgen. Ich verstehe euch nicht! Ich bleibe, was ich bin: ein menschliches Wesen. Ein Mensch!"

Noch während des Zweiten Weltkriegs zog Ionesco mit seiner Frau Rodica endgültig nach Frankreich. Er schrieb auch Erzählungen und Essays, aber sein Erfolg beruhte auf den absurden Dramen. Es sind Komödien, obwohl sie aus einem tragischen Lebensgefühl heraus entstanden sind - und als Kampf gegen die Entfremdung, wie er es im Tagebuch formulierte:

"Was tun, damit alle Masken durchsichtig werden? (…) Was tun, um zu verbessern, was mich verfälscht hat? Und was tun, um mittels des Wortes all das auszudrücken, was das Wort verbirgt?"

In den 60er-Jahren stand Ionesco auf der Höhe seines Ruhms, wurde aber durch die 68er-Bewegung wieder in die Isolation getrieben. Er konnte mit politischem Engagement in der Kunst nichts anfangen und ging auf Distanz zum Zeitgeist, gegen den er auch gerne polemisierte. Seine späteren Stücke blieben ohne Erfolg. Er kämpfte mit Depressionen und wandte sich der Malerei zu. In seinem Denken beschäftigte er sich zunehmend mit Metaphysik, allerdings blieb ihm auch dabei sein Sinn für Groteskes erhalten. So sagte Ionesco in einem Interview 1981, die Geschichte erscheine ihm zuweilen als ungeheuerliche Farce, die Gott für die Menschen gespielt habe. Es bleibe einem vielleicht nichts übrig, als mit Gott zu lachen und die Schöpfung als schlechten Scherz zu betrachten.

Eugène Ionesco starb am 28. März 1994 in Paris, als Mitglied der Académie française und als einer der meistgespielten französischen Dramatiker.

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