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lines

Du willst wissen, mit wem Du es zu tun hast? Das ist wichtig, ich weiß. Einen Namen muß es haben, das Unbekannte. Sonst weiß man es nicht einzuordnen. In einer Welt, die vor Namen, Bezeichnungen, Zahlen, Gewichten, Werten platzt...Nenn' mich einen Sammler, der die Lebende anderer an sich reißt, für dich. Der die Geschichten von Menschen aufsaugt, sich daran bereichert, damit bedröhnt, daran ergötzt wie an diesem weißen Pulver da.

Simone Hamm |
    Der Erzähler lebt in einem Schloß hoch über Stadt. Nur nachts verläßt er es, um in den Bars und Diskotheken seinen Rausch auszutoben. Dort sucht er junge Frauen, die den Rest der Nacht mit ihm teilen wollen oder Gefährten, die er mitnimmt in sein Schloß. Er schnupft mit ihnen Kokain und er erzählt ihnen Geschichten. Denn mehr als alles andere braucht er geduldige Zuhörer.

    In einer solchen Nacht erzählt der Zauberer einem fremden Gast die Geschichte dreier jungen Menschen. Diese Nacht schildert Bettina Gundermann in ihrem ersten Roman "lines". Lines, das sind die Kokainspuren auf dem Spiegel, die der Zauberer und sein Gast bis fast zur Bewußtlosigkeit schnupfen, bis die Nasen bluten und der Tag längst angebrochen ist. Und lines, das sind die Lebenslinien der drei jungen Leute, die sich immer wieder kreuzen. Sie sind befreundet, sie versuchen, einander zu lieben.

    Mich interessieren Leute, die an Grenzen gehen. Leute, die Drogen nehmen oder die andere Schicksale haben, das sind Babys in Mülltonnen. Das ist mein Antrieb zu schreiben.

    Bettina Gundermann erzählt nicht linear. Aus Bruchstücken setzt sie die Biografie der drei jungen Leute zusammen, dreier junger Leute, die das Glück wahrlich nicht gepachtet haben. Alle drei sind ungewollte Kinder. Pedro wird von seiner Mutter in die Mülltonne geworfen, kommt in ein Heim zu Nonnen und wird bald von einem wohlhabenden Ehepaar adoptiert. Zu spät merkt die Adoptivmutter, daß auch ein Kind ihrem Leben mit dem zwar reichen, aber ungeliebten Mann keinen Sinn geben kann. Bald fällt sie in die alten Depressionen zurück. Mike ist das ihr ein und alles seiner Mutter. Von seinem Vater weiß die Mutter nur, daß er eine Fahne hatte und ein lausiger Liebhaber war. Rebecca ist bereits drogensüchtig, als sie zur Welt kommt. Ihre Mutter Anne ist heroinsüchtig, schwanger von irgendeinem Freier.

    Ist auch schwer, eine Geburt gepaart mit einem Entzug. Rebecca wird aber trotzdem geboren. Winzig und dünn. Süchtig. Ansonsten prima gesund. Rebecca wird zur Mama gelegt, weiß nichts von irgendwelchen Abmachungen mit dem Jugendamt. Anne küßt Rebecca. Und ihr wird ganz wohlig, für einen kurzen, tiefen, unvergeßlichen Moment. So ein warmes, zartes Köpfchen. Riecht so gut nach Zuhause, Wärme, ganz viel Schönem. Dann kommt die kleine in die Kinderklinik. Da hilft auch das Ausrasten Annes nicht.

    Weil im Roman ansonsten Kälte und Gleichgültigkeit die vorherrschenden Gefühle sind, wirkt die Schilderung von Rebeccas Geburt um so anrührender. In besinnungsloser Liebe klammert Anne sich an das kleine Wesen. Doch ihre Tochter wird in ein Heim gebracht. Anne drängt immer wieder darauf, ihre Tochter zu sich zu nehmen, versucht sogar, Rebecca zu entführen. Eines Tages bricht sie im Badezimmer eines Dealers tot zusammen. Der Tod ist die eigentliche Hauptperson in Bettina Gundermanns "lines". Die Autorin:

    Mir war schon als Kind bewußt, daß alles endlich ist. Mit Mitte zwanzig habe ich dann nicht geschlafen, so intensiv habe ich darüber nachgedacht. Das ist ein wichtiges Thema daß alle Menschen beschäftigt.

    Der Tod ist allgegenwärtig. Alle tun so, als ob sie ihn nicht fürchten, manch einer fordert ihn geradezu heraus. Der Tod kann in "lines" gewaltsam sein oder er kann profan sein. Er kann ein Selbstmord sein oder auch ein verkappter Selbstmord. Nur eines ist er gewiß nicht: eine Erlösung. Und meistens läßt er die Mitmenschen völlig unberührt. Der Zauberer entschuldigt sich bei seinem Zuhörer, als er von Annes Tod erzählt. Dadurch wendet sich Bettina Gundermann direkt an die Leser:

    Verzeih, ich gewähre dem Tod Einlaß. Dabei wollte ich Dir doch vom Leben berichten. Aber was soll ich Dich auf die Folter spannen. Anne länger leiden lassen als notwendig. Willst du sie weiter durch die Nächte ziehen sehen auf der Suche nach ihrem Kind, das sie niemals in ihre Arme hätten schließen können? Und es geht hier auch nicht um Annes Leben. Es geht um Rebecca. Rebecca lebt ein unruhiges Leben. Das begann mit einem Kampf gegen den Tod. Rebecca wird nicht adoptiert. Obwohl sie ein Baby ist. Babys sind gefragt bei unfruchtbaren Paaren. Die können sich dann besser vorstellen, es wäre ihres. Dass dies meist nicht gelingt, ist kein Geheimnis. Rebecca trägt ein Stück Tod mit sich herum.

    In der Nachtwelt der Großstadt zählen nur Sex und Drogen, zählt nur der nächste Kick. Die Menschen benutzen einander, sind kalt und unfähig zu irgendeinem tieferen Gefühl, sei es Trauer, sei es Liebe. Das Leben besteht aus Ausschweifungen aller Art, es ist ein einziger düsterer Tanz auf dem Vulkan. Anders könnte man das Leben nicht ertragen. Gundermann:

    Wenn man sich viele Gedanken macht, versucht man sich zu betäuben, weil es zu sehr schmerzt, weil alles so zerbrechlich ist, sowohl die Liebe als auch das Leben. Oder?

    "Lines" ist ein düsterer Roman und da paßt es, daß er vorwiegend nachts spielt. Lines, das ist die Geschichte eine Geschichte von schnellem Spaß, auf den Überdruß und Ekel folgen. Ihre Nächte verbringen die jungen Leute in riesigen Diskotheken, werfen Pillen ein, hören Musik, vorwiegend Techno oder Nick Cave, amüsieren sich über derbe Scherze, die mit anderen getrieben werden:

    Im Käfig über der Tanzfläche...ist jetzt eine durchgeknallte Alte drin, die haben ein paar Mitarbeiter des Ladens in der Fußgängerzone gefunden. Die Alte hat dort gebettelt und gepredigt. " Komm mit, wir zeigen dir das Paradies, und du kriegst auch noch 'ne Menge Kohle dafür." Da hat die Alte ganz glänzende Augen gekriegt. Kohle u n d Paradies - damit hatte sie nun doch nicht gerechnet. Und jetzt sitzt sie dreimal die Woche in diesem Käfig. Das erstemal fand sie es merkwürdig. So nackt. Da oben... Die Höhenangst ist besiegt. Und die Kohle stimmt auch. Sie wohnt jetzt sogar wo. Mit Dach. Und einmal im Monat kauft sie sich Pralinen.

    Das Leben, das Bettina Gundermann so lakonisch, so gekonnt beschreibt, ist wahrlich nicht schön. Der Zauberer ist angeekelt davon, angeekelt vor den Ausschweifungen, angeekelt vor sich selbst. "Lines" ist ein Roman von den Schattenseiten des Traums von der Unabhängigkeit und der Freiheit. "Lines" ist spannend, temporeich und auf jeder Seite beeindruckend. Manchmal klingt es wie ein Märchen aus alten Zeiten, dann wieder nach kühlem Existentialismus, dann wieder surreal: Elfen fliegen herbei, sprechende Käfer. Die Menschen sind getrieben, und was immer sie sich wünschen mögen, es geht nicht in Erfüllung. Gundermann:

    Natürlich sehe ich das Leben nicht so. Dann würde ich mich schon umgebracht haben, aber es ist ein großer Teil. Es gibt viele Kinder oder Leute, die von Anfang an keine Chance hatten. Ich glaube nicht daran, wenn man etwas wirklich will, dann schafft man das auch. Das hat jetzt in meinem Fall mal geklappt.