Sonntag, 02. Oktober 2022

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Mendelssohn als Totengräber der jüdischen Kultur?

In der jüdischen Diskussion seiner Zeit, war Moses Mendelssohn umstritten, beschreibt Eva-Maria Thimme, Ausstellungskuratorin. Die Kritiker befürchteten, "dass die Tür, die er aufstößt zu einem modernen Leben, in eine Sackgasse führt".

Eva-Maria Thimme im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich | 24.11.2012

    Burkhard Müller-Ullrich: Wir bleiben noch in Berlin und zwar zum Zwecke eines Ausstellungsbesuchs, einer Ausstellung im Centrum Judaicum nämlich, die einer zentralen Persönlichkeit der deutsch-jüdischen Geschichte gewidmet ist: Moses Mendelssohn. Eva-Maria Thimme, Sie sind die Kuratorin: Moses Mendelssohn lebte von 1729 bis 1786, da gibt es doch jetzt gar keine runden Geburts- oder Todestage. Haben Sie sich einfach so gesagt: machen wir mal Mendelssohn? Oder was war der aktuelle Aufhänger?

    Eva-Maria Thimme: Der aktuelle Aufhänger ist die Feier des Geburtstages Friedrichs des Zweiten. Und da haben wir uns überlegt: Wir ehren eine andere Persönlichkeit aus der Zeit sozusagen mit F3: Mendelssohn - Freunde, Feinde und Familie. Und es ist eigentlich auch ganz passend, weil wenn man sich etwas genauer mit der Geschichte befasst, hat man den Eindruck, Friedrich residierte im exklusiven Potsdam, Moses Mendelssohn residierte in der Spandauer Straße 68 gastfrei, hatte immer enorm viele Gäste zum Leidwesen seiner Frau. Es waren also eigentlich zwei, man möchte nicht sagen, Kontrahenten, aber zwei gegensätzliche Persönlichkeiten im Berliner Raum der Zeit.

    Müller-Ullrich: Also der Friedrich und Mendelssohn?

    Thimme: Friedrich und Mendelssohn.

    Müller-Ullrich: Ich wollte Sie gerade genauer nach diesem Verhältnis fragen, denn der König hat ja mal Mendelssohn an einem wesentlichen Karriereschritt gehindert.

    Thimme: Ja, unbedingt! Friedrich hat etwas Mühe, ihn unter die Judenfeinde zu rechnen. Und er war sicherlich nicht ein persönlicher Feind Moses Mendelssohns – er mochte keine Juden, er verachtete sie. Es war eine gespannte Situation gegenüber einer Religion, die einfach archaisch war, ohne jede Aufklärung. Und insofern mochte er auch keine Katholiken beispielsweise oder besonders eifrige Protestanten, das war ihm zuwider. Es war ihm übrigens auch zuwider, wenn es zu den ersten antisemitischen Pöbeleien kam. Das war einfach nicht sein Programm gewissermaßen, das passte nicht in sein Konzept der Aufklärung. Aber er hat tatsächlich Moses Mendelssohns Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften verhindert.

    Müller-Ullrich: Wir müssen Moses Mendelssohn ja jetzt nicht rehabilitieren, denn für uns ist er ein Gott, er ist ein großer Philosoph, ein gebildeter Mensch, er ist für die meisten Nathan der Weise. Lessing hat ihn ja porträtiert in seinem berühmten Stück.

    Thimme: Ja!

    Müller-Ullrich: Was bringen Sie denn in Ihrer Ausstellung Neues?

    Thimme: Das, was eigentlich neu ist und was man bisher, ich weiß nicht aus welchen Gründen, völlig außer Acht gelassen hat, das sind seine jüdischen Gegner. Das sind die führenden, man möchte nicht sagen, orthodoxen Rabbinen der Zeit, denn der Begriff orthodox spielt damals gar keine Rolle. Es waren die führenden Gelehrten der Zeit in Prag, in Wilna, vor allem in Bratislava, also dem heutigen Bratislava, Pressburg, die nicht unbedingt etwas gegen Mendelssohn persönlich hatten und auch durchaus anerkannten, dass er ein orthodoxer, also ein gesetzestreuer, Jude ist, aber nicht ohne Berechtigung befürchteten, dass die Tür, die er aufstößt zu einem modernen Leben, in eine Sackgasse führt.

    Müller-Ullrich: Er machte ja einen interessanten Spagat. Er war streng gläubig, Sie haben darauf hingewiesen, und ein Aufklärer zugleich.

    Thimme: Ja. Und der springende Punkt oder der Stein des Anstoßes war Mendelssohns Bibelübersetzung. Das ist an sich gar nichts Neues, denn bis heute lernen jüdische Kinder jedes Wort im Hebräischen sofort mit einer Übersetzung. Aber Mendelssohn sagte, damit die Juden wirklich gleichberechtigte Bürger sein können, müssen sie die deutsche Sprache lernen. Und das ist nicht nur einfach die deutsche Sprache, die Sprache des Landes, in dem sie leben, sondern eben auch die damalige führende Sprache der Aufklärung. Und die müssen sie lernen. Und wie lernen sie sie am besten? Indem sie einen Text lesen, der ihnen bekannt ist, und das ist die Tora oder die Bibel im ganzen. Und da haben die Gegner gesagt, diese Art von Sprachunterricht würde dazu führen, dass, wenn man Deutsch gelernt hat, man dann die Tora beiseitelegt und die jüdische Tradition auch, und das ist sehr häufig passiert, da hatten die Recht behalten.

    Müller-Ullrich: Jetzt reden wir über ein wesentliches Stück deutscher Geistesgeschichte. Aber Sie haben ja eine Ausstellung gemacht. Wie kann man das darstellen, worüber wir gerade sprachen?

    Thimme: Wir haben es natürlich dann mit einer vergleichsweise textlastigen Ausstellung zu tun und die entsprechenden Kernsätze der jüdischen Gegner herausgegriffen: an prominenter Stelle der Chatam Sofer, ein Mensch ursprünglich aus Frankfurt am Main, der dann nach Pressburg ging. Und der hat ein mäßig langes Testament hinterlassen 1837, in dem er gewissermaßen den Umgang mit Mendelssohn postum noch regelt. Also: Man soll nichts von ihm lesen, man soll auf keinen Fall mit irgendwelchen Aufklärern zu tun haben, auch nicht sich in weltliche Dinge einmischen, wie es ja Mendelssohn tat, indem er durchaus sich auch gelegentlich in kleine politische Kontroversen eingeschaltet hat, also dieser Rückzug auf das jüdische Leben selbst. Und das kann man eigentlich nur mit Texten, beziehungsweise dieses Testament des Chatam Sofer haben wir verlesen lassen. Die Besucher können es auf Hebräisch lesen und auf Jüdisch, auf Englisch und auf Deutsch hören.

    Müller-Ullrich: Vielen Dank, Eva-Maria Thimme, für diese Auskünfte zu der von Ihnen eingerichteten Moses-Mendelssohn-Ausstellung im Centrum Judaicum in Berlin.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

    Ausstellungsinfos:
    "Moses Mendelssohn: Freunde, Feinde und Familie"
    Vom 26.11.2012 bis 07.04.2013im Centrum Judaicum in Berlin
    Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28/30