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Mensch und Natur – Kulturfragen
Die Waldsehnsucht des Menschen

Unsere Sehnsucht nach der Natur begründete der Philosoph Thomas Kirchhoff im Dlf mit dem Wunsch nach einer Gegenwelt: "Viele Menschen suchen im Wald eine Auszeit von den Zwängen und Konventionen der Zivilisation." Schließlich sei die Natur das Einzige, was nicht vom Menschen geschaffen sei.

Thomas Kirchhoff im Gespräch mit Maja Ellmenreich | 26.12.2018
    Ein Wald an der Schwäbischen Alb, Baden-Wuerttemberg, Deutschland
    Erholung für gestresste Städter: der Waldspaziergang (imago / Westend61)
    Besonders im deutschsprachigen Raum eigne sich der Wald als vielfältige Projektionsfläche, sagte der Philosoph Thomas Kirchhoff im Dlf. Er lehrt als Privatdozent für Theorie der Landschaft an der Technischen Universität München. Schließlich sei der Wald in unseren Breiten die ursprüngliche Vegetation gewesen. Und noch immer sei ein Drittel von Deutschland mit Wald bedeckt.
    Kirchhoff beschäftigt sich an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg mit alltagsweltlichen und naturwissenschaftlichen Naturauffassungen. Er analysiert das "vielschichtige Phänomen" der Sehnsucht nach Wald, Wildnis und Natur: Sie stehe für unseren Wunsch nach Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen. Die Natur stelle, so Kirchhoff, eine Gegenwelt zur Zivilisation dar. "Diese besondere Rolle wird der Wald auch in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten noch innehaben."
    Orte des moralisch Bösen
    Die gegenwärtigen Auffassungsweisen und Deutungsmuster von Natur reichten mehrere Jahrhunderte zurück, sagte Thomas Kirchhoff. Allerdings sei die Natur nicht immer durchweg positiv gesehen worden. Im Mittelalter zum Beispiel sei die Angst entstanden, die Wildnis störe die kulturelle Ordnung. Wälder, Sümpfe und Gebirge seien als gefährliche Orte angesehen worden und als Orte des moralisch Bösen und der Gottesferne: "Von diesem mittelalterlichen Denken hat sich bis heute etwas erhalten."
    Vertreter unterschiedlicher politischer Positionen würden den Wald für ihre Zwecke in Anspruch nehmen: "Die einen nutzen ihn als Ort des Kampfes. Andere sehen in der Natur eine vorbildliche Ordnung, die die Gesellschaft nachahmen soll."
    Aus naturwissenschaftlicher Sicht ließen sich für alle Bilder Belege finden, aber auch Gegenbeispiele. Eine Gefahr sieht Kirchhoff dann, wenn die eigenen Idealvorstellungen mit der Natur begründet würden. So hätten etwa die Nationalsozialisten auf eine konservative Walddeutung gebaut: "Der Wald wurde zum Symbol nationaler Identität und Widerständigkeit."
    Waldeinsamkeit in der Romantik
    Durchweg apolitisch dagegen sei die Waldbegeisterung in der Romantik. Sie sei als Versuch einer Wiederverzauberung der Welt zu verstehen. Kirchhoff verwies auf den Dichter Joseph von Eichendorff, der den Wald als "Hallraum der Seele" bezeichnet habe. In dieser Zeit sei auch der Topos der Waldeinsamkeit entstanden.
    "Der Wald wird dort zu einer zeitlosen heilen Welt, zum Symbol für Dauerhaftigkeit, zu einem Schutzraum, in dem die guten alten Werte noch lebendig erscheinen."