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StartseiteBüchermarktMerkwürdige Prosawunder10.05.2010

Merkwürdige Prosawunder

Porträt von Johann Peter Hebel zum 250. Geburtstag

Johann Peter Hebel stand immer in der zweiten Reihe hinter Kollegen wie Goethe, Schiller oder Hölderlin. Sein Leben verlief unscheinbar: Schreibend widmete er sich ganz der kleinen Form – Gedichte und Kalendergeschichten –, und ob seine Texte zur Klassik, Romanik oder dem Biedermeier gehören, weiß man auch nicht recht. Höchste Zeit, einen neuen Blick auf Johann Peter Hebel zu werfen.

Von Matthias Kußmann

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
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Poet mit feuchtem Auge

Er ist der wohl meist unterschätzte deutsche Klassiker. Seine "Kalendergeschichten" gelten als nette Schullektüre mit moralischem Mehrwert; an "Kannitverstan" oder dem "Unverhofften Wiedersehen" interpretierten Generationen von Schülern herum – bis heute. Dabei hätte sich ohne Hebels einfache, knappe Texte das Genre der deutschsprachigen Erzählung gar nicht oder anders entwickelt. Und seine "Alemannischen Gedichte", 1803 erschienen, sind nicht nur Mundart-Schmankerl für Leute am südlichen Oberrhein. Mit ihnen machte Hebel die Sprache zwischen Schwarzwald und Basel literaturfähig, tatsächlich zu "Weltliteratur" - wie es später Frédéric Mistral mit dem Provencalischen tat.

"Mit den 'Alemannischen Gedichten' hat er eigentlich die neuzeitliche Dialekt- oder Mundartdichtung begründet."

Der Schweizer Germanist Peter von Matt.

"Es gibt hier eine große Spannweite. Es gibt viele, die sind sehr schön, sehr hübsch, sehr beschaulich - wo man nichts dagegen hat, aber auch nicht besonders tief berührt wird, wenn man nicht unmittelbar aus jener Gegend stammt. Aber daneben gibt es einige, vor allem das Gedicht 'Die Vergänglichkeit', das alle Normen sprengt. 'Die Vergänglichkeit' steht für mich gleichwertig neben Hölderlins 'Archipelagus' zum Beispiel. Das ist so eine gewaltige Dichtung, die auch im Kleid des scheinbar Harmlosen daherkommt, aber eine Weltuntergangsvision verwirklicht, wie man sie mächtiger kaum irgendwo findet."

"'Die Vergänglichkeit' hat einen Untertitel, der lautet: 'Gespräch auf der Straße nach Basel zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht'."

Der Schriftsteller Christoph Meckel wuchs in Freiburg auf. Seit seiner Kindheit ist dem begeisterten Hebel-Leser die alemannische Mundart vertraut.

"Das ist ein Gespräch zwischen dem 'Aetti' und dem 'Bueb'. Der Aetti ist der Vater und der Bueb ist der Junge. Der Junge ist ungefähr 13 Jahre alt. So alt wie Hebel selber war, als an der Stelle, wo die miteinander auf einem Pferdefuhrwerk sprechen, seine Mutter starb. Da ist also eine ganz tiefe Verbindung zu Hebels Kindheit mit gegeben."

Sie kommen an einer Schlossruine vorbei. Der Sohn fragt den Vater, ob denn alles so vergänglich sei, und es entspinnt sich ein großer lyrischer Dialog.

"Der Bub seit zum Aetti:
Fast allmol, Aetti, wenn mer's Röttler Schloß
so vor den Auge stoht, se denki dra,
obs üsem Hus echt au e mol so goht.
Stohts denn nit dört, so schudrig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruset eim,
wie länger as me's bschaut. Und üser Hus,
es sitzt io wie ne Chilchli uffem Berg,
und d'Fenster glitzeren, es isch e Staat.
Schwetz, Aetti, gohts em echterst au no so?
I mein emol, es chönn schier gar nit sy."

Am Schluss stehen zwei Wanderer, die vom Himmel auf eine verbrannte Erde schauen:

"Durch eine Apokalypse ist die Welt nicht mehr da, der Erdball ist noch da, aber nicht die Welt. Es heißt hier zum Beispiel: 'Die Wiese', das ist ein Fluss, 'Die Wiese hat kein Wasser mehr':

D'Wiese het
ke Wasser meh, 's isch alles öd und schwarz,
und todtestill, so wit me luegt - das siehsch,
und seisch di'm Cammerad, wo mitder goht:
"Lueg, dört isch d'Erde gsi, und selle Berg
het Belche gheiße! Nit gar wit dervo
isch Wisleth gsi, dört hani au scho glebt,
und Stiere g'weitet, Holz go Basel g'führt,
und broochet, Matte g'raust, und Liecht-Spöh' g'macht,
und g'vätterlet, bis an mi selig End,
und möcht iez nümme hi."

Das ist natürlich die Apokalypse, die jeder damals kannte, über die man sprach, über die er predigte. Aber das ist es nicht nur. Es ist eher die Vergänglichkeit als der Untergang, die hier beschworen wird. Und die Vergänglichkeit ist ja etwas, was jeden Menschen angeht."

Johann Peter Hebel wird am 10. Mai 1760 in Basel geboren. Das Kind einfacher Leute wächst dort und in Südbaden auf. Früh verliert der Junge Vater und Mutter. Er ist Vollwaise, hat aber Förderer, die für eine gute Ausbildung sorgen; schon vor dem Abitur hält er Vorträge in lateinischer Sprache. Hebel studiert evangelische Theologie und möchte Landpfarrer im Schwarzwald werden. Es kommt anders. Zunächst ist er Hauslehrer und Vikar, doch dann beginnt sein rasanter Aufstieg. Seine Klugheit, sein theologisches und sprachliches Talent haben sich herumgesprochen. Hebel wird Diakon in Karlsruhe, dann Professor, schließlich Prälat, was einem Bischof entspricht. Sein literarisches Werk, vor allem Gedichte und Kalendergeschichten, entsteht spät, er ist über 40, als sein erstes Buch erscheint. Hebel stirbt 1826 auf einer Dienstreise in Schwetzingen. - Das sind Eckpunkte eines Lebens, von dem wenig bekannt ist. Hebel soll freundlich, aber innerlich schwankend gewesen sein; er schrieb ungern – das meiste waren Auftragsarbeiten -, blieb zeitlebens Junggeselle, verließ kaum die Gegend zwischen Karlsruhe und Basel. Ein äußerlich ereignisloses Leben in einer politisch bewegten Zeit, zwischen Aufklärung, Französischer Revolution und Vormärz.

"Er ist eigentlich ein Aufklärer, kann dann aber plötzlich wieder recht derbe, fast voraufklärerische Positionen einnehmen – auf der anderen Seite ganz unerwartet Geschichten erzählen, von denen man denkt, das muss eigentlich für die Kirche damals ein Skandal gewesen sein. Er hat ja auch eine Kinderbibel geschrieben, eine Bibel für Kinder. Wie er da die Wunder einfach aus der Bibel austreibt (lacht), das ist unwahrscheinlich, ist ein geradezu subversiver Akt!"

1807 wird Hebel Redakteur des "Badischen Landkalenders". Der soll die einfachen Stände unterhalten und bilden, ist beim Volk aber unbeliebt. Hebel modernisiert den Kalender, schreibt Geschichten, die mal vom Alltag, mal von exotischen Ländern handeln, und nennt ihn "Rheinischer Hausfreund" – der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Die Leser mögen seine lakonischen, auch ironischen Texte, mit denen er sie spielerisch – meist unbemerkt – zum Denken verführt. 1811 sammelt er sie im später berühmten "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds".

"Nützliche Lehre
Man muss mit den Wölfen heulen. Das heißt, wenn man zu unvernünftigen Leuten kommt, muss man auch unvernünftig tun, wie sie. Merke: Nein! Sondern erstlich, du sollst dich nicht unter die Wölfe mischen, sondern ihnen aus dem Weg gehen. Zweitens, wenn du ihnen nicht entweichen kannst, so sollst du sagen: "Ich bin ein Mensch und kein Wolf. Ich kann nicht so schön heulen wie ihr." Drittens: Wenn du meinst, es sei nimmer anders von ihnen loszukommen, so will der Hausfreund erlauben, ein oder zweimal mitzubellen. Aber du sollst nicht mit ihnen beißen, und andrer Leute Schafe fressen. Sonst kommt zuletzt der Jäger, und du wirst mit ihnen geschossen."

Hebel hat ein gewisses Sendungsbewusstsein, ist zugleich Aufklärer und Theologe – doch wirkt die Moral seiner Texte nie penetrant. Er plädiert für Humanität und Lebensklugheit und orientiert sich dabei auch an der stoischen Philosophie. Ein "sowohl-als- uch" ist ihm lieber als ein stures "entweder-oder". Das führt soweit, dass er manchen Geschichten gleich mehrere widersprüchliche Moralbotschaften mitgibt – oder aber ganz darauf verzichtet.

"Da heißt es zum Beispiel einmal: "Der Hausfreund" - er nennt sich ja immer den "Hausfreund" als Erzähler - "Der Hausfreund denkt sich etwas dazu, aber er sagt´s nicht." (…) Und das ist eben genau das, was ihn für uns so gegenwärtig macht. Einerseits ist es ja ein pädagogischer Akt, weil er den Leser zwingt, darüber nachzudenken, was das bedeutet. Aber es ist so raffiniert verspielt und gleichzeitig ein Trick, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen."

Hebels Sprache ist im besten Sinn einfach, alles Überflüssige lässt er weg. So entstehen hochverdichtete Texte, die bestens lesbar sind - zugleich aber, bei genauem Hinsehen, literarisch moderne Verfahren vorwegnehmen:

"Es sind die merkwürdigsten Prosawunder, die da entstehen, ohne dass es etwas ähnliches vorher je gegeben hat. Da sind zum Teil moderne Verfahren der Selbstreflexion des Erzählens während des Erzählens, die man zum Teil bei den intellektuellen Romantikern findet in jener Zeit – die aber bei ihm nichts zu tun haben damit. Die entstehen einfach. Man weiß nicht, wie so etwas plötzlich aus dem Nichts heraus entstehen kann! Das Raffinement, die perspektivische Brechung und die scheinbar absolut naive Einfachheit, die aber überhaupt nicht naiv ist und im Grunde nicht einmal einfach."

"Denn der Rheinländische Hausfreund geht fleißig am Rheinstrom auf und ab, schaut zu manchem Fenster hinein, man sieht ihn nicht; sitzt in manchem Wirtshaus, und man kennt ihn nicht; geht mit manchem braven Mann einen kleinen Weg oder zwei, wie es trifft, und läßt nicht merken, daß er's ist."

"Sie ist eine Zauberei, diese Prosa. Es gibt ja viele, die sich mit Hebel beschäftigt haben, sie alle haben Hebel geehrt und verstanden und gebraucht. Das ist auch sehr wichtig, man konnte ihn brauchen, er war oder ist nach wie vor "anwendbar". Der große russische Schriftsteller Turgenjew beispielsweise, der ja perfekt deutsch sprach, hat sich mit der alemannischen Sprache beschäftigt, um Hebel im Original lesen zu können."

Texte von Hebel:

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Hg. und mit einem Nachwort von Werner Weber. Manesse, 288 S., 19,95 €

Die Kalendergeschichten. Sämtliche Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund. Hg. von Hannelore Schlaffer und Harald Zils. Dtv, 848 S., 14,90 €

Alemannische Gedichte. Mit hochdeutscher Übertragung. Hg. Von Wilhelm Zentner. Reclam, 208 S., 6,60 €

Die beiden Biografien:

Bernhard Viel: Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit. Eine Biographie. C. H. Beck, 296 S., 22,95 €

Heide Helwig: Johann Peter Hebel. Biographie. Hanser, 368 S., 24,90 €

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