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Merkwürdige Zeitgenossen

Planetologie. - Seit 2004 besucht die Raumsonde "Cassini" den Saturnmond Titan immer wieder. Und der hat sich aus einem wenig interessanten Gas- und Eisball in einen der hippsten Himmelskörper des Sonnensystems verwandelt. Jetzt vermuten Forscher sogar Leben auf dem Trabanten.

Von Dagmar Röhrlich |
    Auf seiner Oberfläche herrscht eine Durchschnittstemperatur von minus 178 Grad - aber es gibt Berge, Dünen und riesige Seen von den Ausmaßen des Kaspischen Meeres - und es regnet: kein Wasser, sondern flüssiges Methan, also im Grunde Erdgas. Flüssiges Methan füllt auch die Seen. Trotz dieser extremen Umwelt könnte es auf Titan Leben geben. Denn Forscher um Roger Clark vom amerikanischen Geologischen Dienst USGS haben auf Titan die Verteilung von Kohlenwasserstoffen gemessen, unter anderem die des Gases Acetylen. Das entsteht in großen Mengen hoch oben in der Lufthülle durch das Zusammenspiel von Sonneneinstrahlung und Atmosphäre - und es sollte sich eigentlich gleichmäßig verteilen. Aber:

    "Obwohl das Acetylen stabil ist, können unsere Messungen es sich nicht am Boden nachweisen. Genauso ist es mit dem Wasserstoff, der ebenfalls in der oberen Atmosphäre entsteht. Bei ihm zeigen Modellrechnungen, dass es einen Strom in Richtung Boden gibt, den er anscheinend nie erreicht. Deshalb vermuten wir, dass beide Gase aktiv abgebaut werden. Das ist genau das, was wir vor fünf Jahren vorhergesagt haben: Wenn es Lebewesen auf Titan gibt, sollten sie Acetylen und Wasserstoff verbrauchen","

    erklärt Chris McKay vom Nasa-Ames-Research-Center im kalifornischen Moffett Field. Die Forscher hoffen, dass sich die Gase durch die Stoffwechselvorgänge primitiver Lebensformen abbauen. McKay:

    ""Diese Messungen sind kein Beweis für Leben auf Titan - aber es sind aufsehenerregende Hinweise."

    Falls es wirklich Mikroben sind, die die Gase verbrauchen, würden sie Wasserstoff atmen so wie wir den Sauerstoff - und sie würden sich von dem Acetylen "ernähren".

    "Anstelle von Wasser steckte in den Zellen eines Titan-Einzellers flüssiges Methan - und das Ausscheidungsprodukt wäre Methan. Dieses Leben sähe vollkommen anders aus als alles, was wir auf der Erde haben."

    Flüssigkeit würden die Organismen des Titan allerdings trotzdem brauchen - nur kein Wasser, denn das wäre bei diesen Temperaturen steinhart gefroren, erklärt Chris McKay:

    "Wir denken, dass diese Flüssigkeit flüssiges Methan ist. Das Methan bildet die Seen, und es gibt viele Seen auf Titan."

    Die Existenz dieser exotischen Lebewesen auf Titan ist derzeit nichts weiter als Spekulation. Aber die Forscher haben sich schon ausgemalt, wie diese Lebewesen aussehen könnten:

    "Ich würde vermuten, dass sie groß und flach wären, sehr viel größer als die irdischen Bakterien. Aber das ist nur eine Vermutung."

    Ob die chemischen Ungleichgewichte wirklich durch Mikroben verursacht werden, weiß niemand. Der Abbau von Acetylen und Wasserstoff am Boden könnten durchaus nichts mit Biologie zu tun haben. Eine Möglichkeit ist, dass beide Gase miteinander reagieren und Methan bilden. Allerdings braucht diese Reaktion Katalysatoren wie Kupfer oder Eisen, und die soll es auf Titan nicht geben, und sie wären bei den Umgebungstemperaturen wohl nicht sehr aktiv. Aber es ist durchaus eine Möglichkeit, die Befunde zu erklären. Außerdem könnten die Messungen von Cassini mit größeren Unsicherheiten behaftet sein als angenommen. Vorerst könnten Laborexperimente erste Hinweise darauf liefern, was auf dem Titan ablaufen könnte - die endgültige Antwort wird aber nur eine neue Mission bringen, so die Forscher.