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StartseiteTag für TagDer Segen am Türpfosten 02.04.2014

Mesusot-Kontrolleur Der Segen am Türpfosten

Die Mesusa hängt in einem jüdischen Haus an der Eingangstür. Die Kapsel aus Metall oder Holz enthält ein kleines Stück Pergament mit Versen aus der hebräischen Bibel, um die Bewohner unter göttlichen Schutz zu stellen. Nimmt die Mesusa Schaden, ist der göttliche Segen ungewiss. Deshalb gibt es in Tel Aviv einen Mesusot-Kontrolleur.

Von Ruth Kinet

Eine jüdische Mezuzah (Mesusa, Mesusah) am Eingang zu einem Haus im jüdischen Teil der Altstadt von Jerusalem, aufgenommen am 09.09.2013. (dpa / Matthias Tödt)
Eine jüdische Mesusa am Eingang zu einem Haus im jüdischen Teil der Altstadt von Jerusalem. (dpa / Matthias Tödt)
Weiterführende Information

Israelisch-Palästinensischer Konflikt - "Es hat nie ein Palästina gegeben" (Deutschlandradio Kultur, Religion, 22.03.2014)

"Ich gehe den Text Wort für Wort durch. Ich prüfe, dass hier kein Wort fehlt und keins zu viel dasteht, dass die Buchstaben intakt sind, dass kein Buchstabe fehlt, dass das Papier intakt ist."

Moshe zieht mit einem verblichenen blau-rot-weiß-karierten Einkaufstrolley durch die Straßen von Tel Aviv. Seit ein paar Jahren ist der 69-Jährige im Ruhestand. Heute morgen ist er in der Sheinkin-Straße im Tel Aviver Zentrum unterwegs. Er geht von Laden zu Laden und bietet seine Dienste an. Für 20 Schekel, das sind umgerechnet vier Euro, kontrolliert Moshe die Mesusot, die an den Türpfosten der Geschäfte hängen. Ich treffe ihn im Blumenladen von Zvia.

"Ich klage dauernd darüber, dass es hier nicht genügend Arbeit gibt. Und die Leute sagen mir, lass' mal deine Mesusa überprüfen. Aber ich hab's irgendwie nie geschafft. Als Moshe jetzt plötzlich rein kam dachte ich, schau' mal einer an. Da ist die Gelegenheit!"

Moshe nimmt die Mesusa vom Türstock des Blumenladens ab. Zvia bringt ihm einen Hocker. Moshe setzt sich, entnimmt der Mesusa behutsam das Pergament, entrollt es und legt auf beide Enden je ein schweres Eisenklötzchen. In jede Mesusa sind zwei Passagen aus der Tora eingeschrieben, insgesamt 713 hebräische Buchstaben. Damit eine Mesusa koscher ist und das Gebot der Mesusa erfüllt, darf kein Buchstabe fehlen, verwischt oder überzählig sein.

"Siehst du diese Stelle? Hier steht das Tefillin-Gebot. Hier steht: 'Diese Worte, die ich dir heute befehle, seien in deinem Herzen, schärfe sie deinen Kindern ein und sprich' davon, wenn du in deinem Haus sitzest und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst. Binde sie zum Zeichen an deine Hand, sie seien zum Stirnschmuck zwischen deinen Augen. Schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und deiner Tore."

Das ist das Ende des "Shma Israel", das mit dem Satz beginnt: "Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." In jeder Mesusa sind zwei zentrale Passagen aus der Tora aufgeschrieben, insgesamt 713 hebräische Buchstaben. Damit eine Mesusa koscher ist und das Gebot der Mesusa erfüllt ist, darf kein einziger Buchstabe verwischt sein, fehlen oder überzählig sein, sonst wird die Mesusa ungültig. Moshe prüft das Papier und geht den Text auf der Pergamentrolle dann Buchstabe für Buchstabe durch:

"Ich habe es schon öfter erlebt, dass im Tfillin-Gebot das 'Binde sie an deine Hand' zwei Mal hinter einander auf der Pergament-Rolle stand. Und schau' mal, auch hier steht es doppelt. Wer das geschrieben hat, hat seinen Text nicht noch einmal überprüft. Das ist ein schwerwiegender Fehler."

Moshe tauscht Zvias fehlerhafte Pergamentrolle gegen eine neue, korrekte aus. Die kostet dann noch einmal 50 Schekel, umgerechnet zehn Euro. Aber Zvia zögert nicht einen Moment. Der Segen über ihrem Geschäft ist ihr das wert. Moshe bringt die Mesusa wieder am Türpfosten von Zvias Geschäft an, kassiert sein Honorar und zieht weiter.

"Danke dir! Möge dein Geschäft florieren!"

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