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StartseiteWirtschaft am MittagFreie Tage statt mehr Geld26.02.2019

Metall-TarifabschlussFreie Tage statt mehr Geld

Seit dem letzten Tarifabschluss können Metaller statt einer Einmalzahlung acht freie Tage mehr beantragen. Hunderttausende haben das inzwischen getan - und stellen Unternehmen wie den Eisenbahnhersteller Bombardier in Bautzen damit auch vor Herausforderungen.

Von Sven Kochale

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31.01.2018, Nordrhein-Westfalen, Mettmann: Miteinander für mehr Zeit für uns, steht auf einem Plakat der IG Metall, das ein Mann bei einer Kundgebung hoch hält. Nach dem Abbruch der Metall-Tarifverhandlungen macht die Gewerkschaft in Nordrhein-Westfalen mobil. Rund 65 000 Metaller sollen sich an 24-stündigen Warnstreiks beteiligen. Foto: Caroline Seidel/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Acht freie Tage extra statt einer Einmalzahlung - diese Option haben die Metall-Tarifpartner 2018 verhandelt. Rund 260.000 Beschäftigte haben diese Regelung bislang beantragt. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
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In Bautzen werden schon seit mehr als 170 Jahren Bahnwaggons und Straßenbahnen hergestellt. Die Schienenfahrzeuge aus Ostsachsen sind weltweit unterwegs. In Deutschland, Frankreich, Polen oder Australien. Gebaut werden sie von Fachkräften wie Thomas Bergel. Er ist seit 18 Jahren im Betrieb.

"Ich bin als Schweißer und Schlosser im Rohbau angestellt. Ich arbeite direkt an den Fahrzeugen. Im Zweischichtbetrieb sieht das so aus: eine Woche Frühschicht. Da beginnt der Arbeitstag um 5 Uhr, bis circa 13.45 Uhr. In der darauffolgenden Woche wäre dann Spätschicht. Da geht es 13.30 Uhr los bis 22 Uhr."

"Für mich waren die freien Tage im Vordergrund"

Für Schicht-Arbeiter wie ihn gilt ein neuer Passus im Tarifvertrag. Er kann wählen zwischen einer zusätzlichen Einmalzahlung oder acht zusätzlichen freien Tagen. Für den zweifachen Vater war die Entscheidung klar: 

"Man hat zum Beispiel die Chance, mit den Kindern mehr zu unternehmen. Die Tage werde ich wahrscheinlich am meisten mit meinen Kindern verbringen. Für mich waren die freien Tage im Vordergrund."

Auch Stefanie Lißner hat sich für mehr Freizeit entschieden. Sie ist Einkäuferin bei Bombardier und deshalb viel unterwegs, um mit Lieferanten zu sprechen. Die zusätzlichen Tage passen perfekt in die neue Lebenssituation der Mutter.

"Meine Tochter ist dieses Jahr eingeschult worden. Jetzt sind wir auch an Ferien gebunden und sind nicht mehr so flexibel, wie es im Kindergarten war. Ich hoffe, dass ich diese Mehr-Zeit dafür nutzen kann, dass ich die Ferien ein bisschen besser ausnutzen kann und mehr Zeit mit meinem Kind verbringen kann als nur abends die zwei, drei Stunden, bevor dann Bettzeit ist."

"Das ist viel wert - ich pflege meine Mutter"

Ein anderer, der gleich Gefallen an der neuen Wahl-Option gefunden hat, ist Michael Bacher. Er ist schon seit mehr als 40 Jahren dabei und heute stellvertretender Betriebsratschef. Die freien Tage helfen ihm mehr als das zusätzliche Geld.

"Das ist in meiner Situation viel wert, auch für meine Freizeit. Ich pflege meine Mutter. Aufgrund der stressigen Situation ist es sinnvoll, auch mal ein paar freie Tage für sich selbst zu haben. Da ist wichtig, dass auch die Erholungsphasen mal wieder da sind." 

Rund 1.200 Mitarbeiter hat das Bombardier-Werk in Bautzen. Volker Schibbe ist dort für die Personalplanung zuständig. Er beobachtet schon länger, dass sich die Vorstellungen der Beschäftigten von einem guten Job verändern.

"Man muss ganz klar sagen, dass das Thema Zeit mehr und mehr in den Vordergrund rückt und mehr wert sein kann als Geld. Wir als Unternehmen haben uns ganz klar der Sache gestellt und haben uns natürlich auch die Frage gestellt, wie weit wir das kompensieren können und haben das im Leitungskreis besprochen. Damit wir eben nicht in eine Schieflage kommen und damit auch die Möglichkeit haben, auf der einen Seite unsere Aufgabe zu erfüllen und auf der anderen Seite zufriedene Mitarbeiter zu haben."

"Die Leute sind zufrieden mit dem Geld"

Doch die flexiblen Arbeitszeitmodelle haben inzwischen große Auswirkungen auf die betrieblichen Abläufe. Damit das ganze System nicht zusammenbricht, muss der  Personalmanager über neue Lösungen nachdenken. Umstrukturierungen gehören dazu oder Leiharbeiter.

"Zum Teil schließen wir die Lücken, indem wir in den einzelnen Bereichen Ersatz schaffen. In anderen Bereichen müssen dann die Aufgaben verlagert werden. Intern bedeutet das, dass dann eine gewisse Mehrarbeit entsteht."

Dass immer mehr Beschäftigte zumindest zeitweise auf Geld verzichten und sich für mehr Freizeit entscheiden, wundert Ökonomen nicht. Der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Professor Reint Gropp, etwa, sieht darin einen Trend mit vielen Gewinnern.

"Das liegt natürlich auch daran, dass wir ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht haben. Die Gehälter sind hoch. Die Leute sind zufrieden mit dem Geld, was sie haben. Sie interessieren sich nicht mehr so sehr dafür, noch mehr Geld zu verdienen. Sondern sie interessieren sich vielmehr dafür, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Das alles sind aber gute Dinge in meinen Augen. Weil sie am Ende die Leute zufriedener machen und wahrscheinlich auch in der Zeit, in der sie arbeiten, produktiver. Insofern sollten wir das aktiv unterstützen und nicht komplizierte Regeln erfinden, um das zu kanalisieren oder zu ordnen, wie wir doch oft eine Tendenz haben."

Bei Bombardier in Bautzen jedenfalls haben sie die Weichen gestellt, um Arbeits- und Privatleben besser vereinbaren zu können.

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