
In knapp 100 Tagen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft, die sich über die USA, Kanada und Mexiko erstreckt. Dieses große Sportereignis soll Menschen verbinden, doch für das fußballbegeisterte Gastgeberland Mexiko wird sie zu einer Bewährungsprobe. Neun WM-Spiele sollen in den Stadien von Mexiko-Stadt und Monterrey stattfinden, vier weitere Partien sind im Juni in Guadalajara geplant. Schon Ende März soll im Estadio Akron im Bundesstaat Jalisco ein Playoff-Spiel zur WM-Qualifikation stattfinden.
Das ist brisant für die FIFA, denn genau in jenem Bundesstaat operiert das Drogenkartell, dessen Anführer erschossen wurde. Die Gewalt, die von diesem Kartell ausgeht, und das Chaos in Mexikos zweitgrößter Stadt Guadalajara stehen im krassen Gegensatz zu dem Bild, das die mexikanische Regierung von sich zeichnen möchte: ein modernes, sicheres Gastgeberland für die Fußball-Weltmeisterschaft 2026.
Gewalt durch Drogenkartelle gehört zum Alltag in Mexiko
In den vergangenen Monaten hatten Suchtrupps die Umgebung des WM-Stadions in Guadalajara noch durchkämmt und sind dabei auf Müllsäcke mit menschlichen Überresten gestoßen. Allein im Bundesstaat Jalisco werden 16.000 Menschen vermisst.
Der Gewaltforscher David Coronado bezweifelt, dass der Staat die Lage bis zur WM in den Griff bekommt: „Der mexikanische Staat hatte nie wirklich die Kontrolle, und ich glaube, dass er sie jetzt noch weniger haben wird. Das wurde bei den koordinierten Aktionen der Anhänger von El Mencho deutlich“, sagte Coronado gegenüber dem ARD-Studio Mexiko.
Kartelle wollen an der WM mitverdienen
Die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko zieht Millionen Besucher an und bringt reichlich Geld ins Land. Im Schatten des Fußballfests lauern die mächtigen Kartelle wie Jalisco Nueva Generación, um von diesem Sportereignis zu profitieren. Denn auch sie drehen am Rad des Geschäfts – sei es durch Geldwäsche in der Gastronomie oder Hotellerie, durch den Handel mit Drogen oder die Beteiligung an Projekten, die über Strohmänner laufen. Und es geht auch darum, wer das Sagen im Land hat.
Kampf um Nachfolge von „El Mencho“ droht
Umso überraschender kam der Schlag gegen den Drogenboss „El Mencho“ nur vier Monate vor dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels in Mexiko-Stadt. Die Geschichte zeigt: Wenn das Oberhaupt eines Drogenkartells fällt, entbrennt meist ein erbitterter Kampf um die Nachfolge. Im Fall von „El Mencho“ könnten die Folgen weit über Guadalajara hinausreichen und auch die Austragungsorte Mexiko-Stadt und Monterrey treffen. Das Auswärtige Amt rät aktuell von Reisen in viele Regionen Mexikos ab – unter anderem in den Bundesstaat Jalisco.
Experten zweifeln an der Sicherheit der Fans
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum mahnt zur Ruhe. Sie versicherte, dass „alle Garantien“ für die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko erfüllt seien. Sie betonte, dass Besucher, die zu den Spielen in Mexiko-Stadt, Monterrey und Guadalajara reisen, „keinerlei Gefahr“ zu befürchten hätten.
„Ich bin sehr beruhigt, alles verläuft bestens“, sagte FIFA-Chef Gianni Infantino, der Nachrichtenagentur AFP mit Blick auf Mexiko, das gemeinsam mit den USA und Kanada die WM ausrichtet. „Es wird ein spektakuläres Ereignis werden.“
Sicherheitsexperte David Saucedo zweifelt, dass Fans, Mannschaften und Staatsgäste gut geschützt werden können: „Wenn die Regierungen der USA und Mexikos weiterhin Druck auf das Kartell Jalisco Nueva Generación ausüben, wird es die Fußball-Weltmeisterschaft stören und Ereignisse provozieren, die die mexikanische Regierung dazu zwingen, keine Angriffe mehr gegen das Kartell zu starten“, sagte Saucedo gegenüber dem ARD-Studio Mexiko.
Die FIFA organisiert, der Staat sorgt für die Sicherheit
Der Weltfußballverbands FIFA äußerte sich bislang zurückhaltend. Bis auf weiteres beobachte man die Situation im WM-Gastgeberland genau. Man stehe in Austausch mit den mexikanischen Behörden.
Gemäß den Bewerbungs-Dokumenten für Fußball-Weltmeisterschaften trägt die Hauptverantwortung und die Kosten für die Sicherheit die Regierung des jeweiligen Gastgeberlands. Als Co-Gastgeber muss Mexiko für sein Staatsgebiet gemeinsam mit lokalen Behörden den Schutz von Spielern, Offiziellen und Fans garantieren und ist für Polizei- und Militäreinsätze, Grenzschutz und Einreisekontrollen sowie Notfall- und Verkehrskonzepte zuständig.
Verlegen von WM-Spielen ist wohl keine Option
Sollte Mexiko die geforderten Sicherheitsauflagen nicht erfüllen, gerät auch der Weltverband unter erheblichen Druck. Für FIFA-Chef Infantino ist das Turnier ein Prestigeobjekt: Es ist die größte Fußall-WM aller Zeiten – mit 104 Spielen, 48 Mannschaften und drei Gastgeberländer.
Mehr als fünf Millionen zusätzliche Besucher werden zur WM in Nordamerika erwartet, Hundertausende davon allein zu den Spielen in Mexiko. Eine Verlegung der WM-Spiele würde die FIFA nur als allerletzten Ausweg in Betracht ziehen, und dies auch nur dann, wenn sowohl Sicherheitsbeamte als auch kommerzielle Partner erhebliche Bedenken geäußert hätten, berichtet das Sportportal „The Athletic“, das sich auf eine gut informierte Quelle innerhalb der FIFA beruft.
Die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat weder Spiele in Mexiko noch ihr Quartier dort.








