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Mexikos kleine Matadore

Rafita Mirabal ist zehn Jahre alt. In seinem Kinderzimmer spielt er Computer, in der Arena kämpft er gegen Stiere. Doch seit im April ein spanischer Kindertorero in einer mexikanischen Arena nur knapp dem Tod entronnen ist, regt sich Kritik.

Von Wolf-Dieter Vogel | 22.09.2007
    Rafita Mirabal lässt seinen Gegner keine Sekunde aus den Augen. Elegant springt der mexikanische Torero zur Seite, um den Angriffen des Stiers auszuweichen. Er zieht das rote Tuch nach rechts, dann nach links, und mit jedem Anlauf wird das Tier wilder, unkontrollierbarer, und zugleich benommener. Das Fell des Stiers ist mit Blut überströmt. Plötzlich verliert das 200 Kilogramm schwere Tier seine Kräfte, stolpert, bricht zusammen, steht wieder auf, knickt ein und torkelt aus der Arena.

    Wieder hat Rafita gewonnen. Gerade einmal zehn Jahre alt ist der kleine Torero, und schon ein Star. Nach seinem Sieg dreht er eine Runde in der Arena, klopft sich den Staub aus dem grauen Kostüm und winkt dem Publikum mit seiner schwarzen Kappe zu. Noch darf er nur gegen Jungstiere kämpfen. Aber er ist zufrieden.

    "Alles lief bestens, Gott sei Dank. Ich habe harte, aber sehr gute Arbeit geleistet."

    Kaum verlässt Rafita die Arena, wird er umringt von seinen Fans. Kinder bitten um Autogramme, Fotografen knipsen den kleinen Helden. Eigentlich ist Rafita ein Junge wie jeder andere: er spielt Basketball, fährt Fahrrad und verbringt Stunden vor dem Computer. Doch schon mit drei Jahren habe er beschlossen, ein großer Torero zu werden, sagt er selbstbewusst.

    "Mein Papa ist begeistert von den Stierkämpfen, und mich hat es auch immer mehr erfasst. Ich fühle mich glücklich, wenn ich einem Stier gegenüber stehe."

    Ein Nachmittag in der Stierkampfschule der zentralmexikanischen Provinzhauptstadt Aguascalientes. Hier hat auch Rafita angefangen. Etwa 30 Kinder trainieren in der Arena. Zwei Stunden am Tag, fünf Tage die Woche lernen sie, wie man die Lanze richtig hält und den Gegner im richtigen Moment angreift. Noch haben die Kleinen nicht die Muskeln, um richtig zuzustechen. Noch sind sie keine "Matadore", keine "Schlächter". Die Jüngsten sind kaum fünf Jahre alt. Trainer Luis Fernando Sanchez:

    "Es ist viel besser, jung anzufangen. Kinder lernen schneller, weil sie akzeptieren, was man ihnen sagt. Erwachsene sind anders. Man erklärt etwas, und sie zweifeln daran. Klar, Stierkampf ist vom ersten Moment an gefährlich. Das ist das Risiko, aber wer einmal in der Arena gestanden ist, bleibt dabei. Stierkampf ist ein Laster, das einen nicht mehr loslässt."

    Nicht überall denkt man so leichtfertig. In Spanien, der Wiege des Stierkampfes, dürfen Kinder frühestens ab dem 16. Lebensjahr in die Arena. Viele Eltern schicken ihre angehenden Matadore deshalb nach Übersee: nach Mexiko, Venezuela oder Peru. Dort kann der Sohn ganz legal zum Star und der Vater zum erfolgreichen Geschäftsmann werden. Denn das blutige Spektakel ist immer noch sehr beliebt in Lateinamerika. Und Kinder in der Arena sorgen für den besonderen Nervenkitzel.

    José San Martín ist der Manager von Rafita Mirabal. Er hat schon mit mehreren kleinen Toreros gearbeitet.

    "Mir geht es vor allem darum, dass sich der Stierkampf weiter entwickelt und neue Stars in die Arena kommen."

    Derzeit bringt Rafita 1500 bis 2000 Euro pro Kampf ein. Tendenz steigend. Nicht wenige Toreros verdienen sich eine goldene Nase. Bis zu sieben Millionen Euro streichen die großen Stierkämpfer pro Saison ein.

    Auch der 14-jährige Spanier Jairo Miguel zählt schon zu den Besserverdienern des mexikanischen Stierkampfes. Vor zwei Jahren kam er nach Lateinamerika, und seither lässt ihn sein Vater von Kampf zu Kampf touren. Regelmäßig tritt er in den großen Arenen an. So auch in Aguascalientes, wo ihn im April dieses Jahres ein Stier beinahe tötet.

    Mit voller Wucht nimmt ihn das Tier auf die Hörner und zerreißt dem Jungen den Brustkorb. "Papa, Papa, ich sterbe", schreit Jairo Miguel, während ihn Helfer aus der Arena tragen. Er überlebt knapp: Das wild gewordene Tier verfehlt das Herz um zwei Zentimeter. Wenige Wochen später steht Jaime bereits wieder in der Arena, Anfang September erleidet er seinen nächsten Unfall.

    In Spanien haben die Vorfälle Diskussionen ausgelöst. Nicht aber in Mexiko. Sollten die Gesetze verschärft werden? Für die mexikanische Kinderrechtlerin Patricia Carmoni stehen allein die Eltern in der Verantwortung.

    "Das Problem ist, dass diese Kinder oft als Privatbesitz betrachtet werden. Man muss sich fragen, ob sie ihre Wünsche selbst ausdrücken oder nicht einfach die Träume ihres Vaters verwirklichen sollen."

    Rafitas Vater Rafael Mirabal ist sich des Risikos bewusst, dem sein Sohn Woche für Woche ausgesetzt ist. Dennoch beschwichtigt er:

    "Ja, natürlich ist der Stierkampf sehr risikoreich. Aber Gewaltvideos, Drogen und die Gewalttätigkeit auf der Straße sind auch sehr gefährlich. Oder die vielen Dinge, die Minderjährige heutzutage im Internet sehen können."

    Man müsse eine kühlen Kopf bewahren, meint Rafita selbst. Seine Worte klingen,als habe er sie auswendig gelernt.

    "Unfälle gibt es immer wieder, das will ich nicht leugnen. Aber man darf die Schuld nicht den Stieren geben. Der Fehler liegt dann immer bei einem selbst, weil man das Tier nicht richtig führt."

    Allein auf ihr Können verlassen sich auch die kleinen Toreros nicht. Vor dem Kampf gehen sie in eine Kapelle, um bei Mexikos heiligster Jungfrau Guadalupe Schutz zu suchen. Mit ihrem Trainer beten sie vor dem mit Kreuzen, Figuren und Blumen geschmückten Altar.

    "Einmal habe er in der Arena seinen Sohn beobachtet, erinnert sich Rafitas Vater. Als die Zuschauer "Olé" riefen, seien ihm vor Rührung die Tränen gekommen. Dann habe er daran gedacht, dass Rafita eines Tages in den großen Arenen gegen 500 Kilogramm schwere Tiere kämpfen werde."

    Mitte September ist Vater Mirabal seinem Traum ein Stück näher gekommen. Rafita trat erstmals in der berühmten Arena von Mexiko-Stadt an. Wieder hat er den Stier bezwungen und blieb unverletzt. Ob die heilige Jungfrau das Kind noch lange vor dem ersten schweren Unfall schützt, ist natürlich nicht ausgemacht. Solange jedenfalls wird Rafael Mirabal mit Stolz auf seinen kleinen Helden blicken.