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StartseiteKultur heuteMezzosopranistin wird in der Scala ausgebuht04.12.2012

Mezzosopranistin wird in der Scala ausgebuht

Cecilia Bartolis Gala-Abend in Mailand und sein ungewöhnliches Scheitern

Mit ihrer Stimme und ihrer Ausstrahlung ist Cecilia Bartoli der Darling jedes Publikums. Doch in Mailand wurde sie bei der Eröffnung der sinfonischen Saison ausgebuht, als sie Rossini sang. Es waren, meint Thomas Migge, die "Stilpuristen des italienischen Belcanto. Und für sie darf eine Barocksängerin eben keinen Rossini singen."

Thomas Migge im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Cecilia Bartoli ist normalerweise Applaus gewöhnt. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Cecilia Bartoli ist normalerweise Applaus gewöhnt. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
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Klassik: "Mission"

Burkhard Müller-Ullrich: Und wir kommen zu der Frau, die neben Angela Merkel den meisten Beifall auf der Welt bekommt, nämlich Cecilia Bartoli. Die Mezzosopranistin ist ja mit ihrer fabelhaften Stimme, ihrer souveränen Technik und ihrer herzlichen Ausstrahlung der Darling jedes Publikums und gestern Abend, Thomas Migge, gestern Abend in Mailand stand sie bei der Eröffnung der sinfonischen Saison der Scala auf der Bühne, wo allerdings etwas geschah, was durchaus unerwartet war.

Thomas Migge: Unerwartet und für Cecilia Bartoli einmalig. Und zwar: sie wurde ausgebuht nach der Pause. Im ersten Teil des Konzerts sang sie Händel-Arien und "Exsultate, jubilate" von Mozart und erhielt einen Riesenapplaus. Nach der Pause dann sang sie Rossini und dafür wurde sie während ihrer Gesangsvorstellung ausgebuht und dann mischte sich der Applaus nach ihren Arien mit lauten Buhrufen, die von verschiedenen Logen aus kamen.

Müller-Ullrich: Ja du lieber Himmel! Was war denn da passiert?

Migge: Und zwar hat sie sich erlaubt, das zu singen, was sie inzwischen in Nordeuropa öfter singt und was sie am Züricher Opernhaus, wo sie ja jahrelang, seit Jahren arbeitet, immer wieder gesungen hat, und zwar sie sang Belcanto, und zwar Rossini-Arien aus "Cenerentola" und aus der Oper von Rossini, "Otello", nämlich Rossini hat auch einen Otello geschrieben, und dieser Otello von Rossini wurde vor etwas über einem Jahr am Züricher Opernhaus ein Riesenerfolg. In der Scala wurde sie ausgebuht, und zwar von jenen Leuten, die in der sogenannten "Logone" sitzen. Das sind jene Logen, wo die absoluten Puristen, die Stilpuristen des italienischen Belcanto sitzen. Und für diese Leute darf eine Barocksängerin wie Cecilia Bartoli eben keinen Rossini singen.

Müller-Ullrich: Aber trotzdem saßen Fans von ihr auch im Saal. Das heißt, es gab irgendwie zwei Gruppen gegeneinander?

Migge: Richtig. Die einen applaudierten gegen die Buhrufe der anderen an und die Buhrufer, also die Stilpuristen, schrien zum Beispiel – und ich denke, das ist wirklich für einen Weltstar wie Frau Bartoli einmalig -, "geh nach Hause, du machst uns den Rossini kaputt", und die Stimmung zwischen Applaus und Buhrufen spitzte sich dermaßen zu, dass Daniel Barenboim, der die musikalische Leitung hatte, sich zum Publikum umdrehte und laut sagte, "benehmen Sie sich bitte wie in einem Konzertsaal".

Müller-Ullrich: Nun ist es ja an der Scala üblich, dass die Emotionen gelegentlich hoch gehen. In dem Fall aber war es doch ein unüblicher Abend?

Migge: Es war ein sehr unüblicher Abend, vor allen Dingen, weil Daniel Barenboim und Stephane Lissner, der Intendant der Scala, sehr froh darüber waren, dass endlich nach 19 Jahren die Bartoli wieder an die Scala gekommen ist, und so wurde das Ganze als Galakonzert, als Mega-Event aufgezogen, und diese Buhrufe haben natürlich dieser Feststimmung einen deftigen Strich durch die Rechnung gemacht.

Müller-Ullrich: Vielen Dank, Thomas Migge, für diesen aktuellen Akzent unserer Applausforschung. Wir haben jetzt gut drei Minuten miteinander gesprochen, das ist noch nicht mal die Hälfte der Applauszeit für Angela Merkel auf ihrem Parteitag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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