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StartseiteMarkt und MedienMHP - Wo geht die Reise hin?19.03.2005

MHP - Wo geht die Reise hin?

Das Fernsehen zum Mitmachen lässt noch auf sich warten

Per Fernbedienung das Bankkonto verwalten oder das Negligé aus dem Werbespot direkt vom Sofa aus bestellen. So soll interaktives Fernsehen künftig aussehen. Voraussetzung für diesen Informationsaustausch ist die Multimedia Home Platform, kurz MHP. Bereits vor dreineinhalb Jahren wurde MHP als europäischer Standard eingeführt. Doch bisher hat sich wenig getan.

Von Notker Oberhäuser

Gehört dem digitalen Mitmach-Fernsehen die Zukunft? (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Gehört dem digitalen Mitmach-Fernsehen die Zukunft? (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
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"Mit MHP, der Multimedia Home Platform eröffnet sich eine neue Dimension des Fernsehens. Fernsehen zum Mitmachen, einfach, bequem und schnell."

So klingt es, wenn das MHP-Forum Werbung in eigener Sache macht - einfach, bequem und schnell soll es sein, das interaktive Fernsehen. Konkret heißt das: Demnächst kann jeder Fernsehzuschauer mit digitalem Empfang etwa sein Konto per Fernbedienung verwalten oder das Negligé aus dem Werbespot direkt vom Sofa aus bestellen. Voraussetzung für diesen Informationsaustausch zwischen Fernsehsender und Zuschauer ist die Multimedia Home Platform, kurz MHP. Das ist ein Software-Standard, auf den sich die Hersteller der neuen digitalen Set-Top-Boxen und die Fernsehsender schon vor Jahren geeinigt haben.

1997 begannen die ersten MHP-Software-Entwicklungen. Im September 2001 verständigten sich die öffentlich-rechtlichen und privaten Programmveranstalter sowie die Landesmedienanstalten in der so genannten "Mainzer Erklärung" auf die zügige Einführung von MHP als den offenen europäischen Standard für das digitale Fernsehen. Doch jetzt, dreieinhalb Jahre später, hat sich fast nichts getan.

Jürgen Sewczyk, Technischer Leiter bei RTL Interactive, der Multimediatochter von RTL, bleibt gelassen:

"Es geht halt nicht so schnell, wie es sich alle erhofft hatten. Ich sage immer, Teletext hat zehn Jahre Probebetrieb gehabt, und nach 15 Jahren hat man die erste Mark damals damit verdient. Bei MHP sind wir jetzt im dritten Jahr - na ja gut, es geht heute alles doppelt so schnell - also rechnen wir mal mit sieben Jahren, dann lassen wir uns heute noch mal drei Jahre Zeit. Dann sieht die Welt auch ganz anders aus."

Vor allem die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten haben sich in der Vergangenheit immer für den MHP-Standard stark gemacht. Dazu Fritz Pleitgen, Intendant des Westdeutschen Rundfunks:

"MHP ist zurzeit der einzige offene Standard für das interaktive digitale Fernsehen. Wir sind deshalb immer dafür eingetreten, weil wir Klarheit im Markt schaffen wollten. Der Nutzer, also der Konsument muss wissen, was er sich dort einhandelt, wenn er ein Gerät kauft. Er darf da keine Unsicherheit haben, dass er eine Fehlinvestition startet und deshalb sind wir immer für den offenen, diskriminierungsfreien Standard eingetreten."

Ex-RTL-Chef und Kenner der deutschen Medienszene, Prof. Helmut Thoma bleibt skeptisch:

"Das ist so eine ähnliche Geschichte, wie mit dem DAB. Das geht ja auch schon seit Jahren. Techniken kann man nur dann einführen, wenn es nachgefragt wird. Es ist niemand da, der das haben will. Das wäre ja alles ganz wunderbar, aber entweder wird es gesetzlich eingeführt - das geht offenbar nicht. Dann muss es sich am Markt durchsetzen."

Und in der Tat: Noch liegen die teuren MHP-Geräte wie Blei in den Verkaufsregalen. Allerdings setzt bei den Herstellern von Set top Boxen langsam ein Umdenken ein: Man entdeckt MHP als Verkaufsargument. Was fehlt, ist eine Funktion, die jeder haben will, die so genannte Killer-Applikation, um das interaktive Fernsehen beim Zuschauer bekannt zu machen. In England ist MHP bemerkenswert erfolgreich. Bereits vor fünf Jahren sahen dort 2,7 Millionen Zuschauer den ersten interaktiven Werbespot für eine Hühnersuppe. Dr. Georg Lütteke, Leiter der Arbeitsgruppe Markteinführung MHP bei der deutschen TV-Plattform hat den Markt auf der Insel beobachtet.

"In England hat sich gerade gezeigt, dass bei Sportveranstaltungen das Wetten eine ganz wichtige Sache geworden ist. Nun können sie das nicht in der normalen Sportübertragung machen, aber wohl im Hintergrund laufen lassen. Sie haben die Sportübertragung als Information - darum geht es - und zu dem Ereignis, was sie dort sehen, kann man über den Rückkanal zusätzlich wetten."

Ob die Möglichkeit zur direkten Sportwette MHP in Deutschland wirklich zum Durchbruch verhilft, ist nicht nur angesichts des aktuellen Schiedsrichterskandals fraglich. Wahrscheinlich wird MHP zunächst nur den Videotext ablösen. Wie es danach weitergeht, hängt vom Interesse der Zuschauer ab.

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