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StartseiteDie neue PlatteKomplexe Musik über die Geschichte der Fotografie23.03.2014

Michael FinnissyKomplexe Musik über die Geschichte der Fotografie

Michel Finnissy zählt zu den Vertretern der Neuen Komplexität. Diese Musik zeichnet sich auch durch eine große Dichte und schnelle Abfolge musikalischer Ereignisse aus. In dem fast sechsstündigen Werk für Klavier solo "The History of Photography in Sound" bezieht er sich auf zahlreiche andere Kompositionen.

Von Barbara Eckle

Symbolbild: Musik Klavier Piano (picture alliance / dpa / Martin Förster)
2001 hatte der Pianist Ian Pace das Werk uraufgeführt. (picture alliance / dpa / Martin Förster)

Heute stelle ich Ihnen eine besondere Neuerscheinung auf dem Plattenmarkt vor: eine Box von fünf CDs, die einen sehr eigenen Kosmos enthält. Er trägt den Titel "The History of Photography in Sound" - Die Geschichte der Fotografie in Klang. Der Komponist dieses fast sechsstündigen Werks für Klavier solo ist der 1946 geborene Brite Michael Finnissy. Der Pianist Ian Pace hat es 2001 uraufgeführt und nun in voller Länge beim Label Métier Records eingespielt.

Musik 1
Titel: The History of Photography in Sound – Kapitslistische Realisme (Siz.M.Akte)
Track: CD D, Track 1

Als Erstes fragt man sich natürlich: Was verbirgt sich hinter dem mysteriösen Titel "The History of Photography in Sound"? Eine eindeutige Antwort lässt sich darauf nicht geben. Jedenfalls handelt es sich um keine systematische Abhandlung, wie der Titel vielleicht nahelegt; es ziehen sich aber historische und bildliche Themen durch die 13 inhaltlich unterschiedlichen Kapitel, aus denen sich "The History of Photography in Sound" zusammensetzt.

Neben Komponisten wie Brian Ferneyhough oder Richard Barrett zählt Michael Finnissy zu den Vertretern der sogenannten Neuen Komplexität. Merkmale dieser Musik sind eine große Dichte und schnelle Abfolge musikalischer Ereignisse, rhythmische Vertracktheit und ständige Verwandlung. Um dem Rätsel des Titels auf die Spur zu kommen, hilft auch ein genauerer Blick auf Finnissys Kompositionsverfahren. Dieses gleicht nämlich dem Drehen und Schneiden eines Films: Ein unendlicher Fundus von Musik anderer Komponisten bildet Finnissys Arbeitsmaterial. Zitate von unter anderen Bach, Berlioz, Paganini, Debussy wie auch Volks- und Popmusik-Elemente aus aller Welt kombiniert, verarbeitet und schichtet er meist so, dass sie gar nicht mehr erkennbar sind. Er verkehrt oder spiegelt sie, verschiebt oder zerstückelt sie, versetzt sie gegen den Puls oder webt sie unscheinbar in andere Musik hinein. Als Hörer ist man zwar versucht, die Entwicklung bekannter Motive zu verfolgen, doch ist das gar nicht das Ziel dieser Musik. Aus ihrem alten Kontext gerissen verlieren die Zitate ihre ursprüngliche Bedeutung und erhalten in Finnissys Verarbeitung eine neue, eigene Bedeutung. Es ist sozusagen Musik aus und über Musik. Hier ein Ausschnitt aus dem Kapitel "Bachsche Nachdichtungen":

Musik 2 Titel: The History of Photography in Sound – Kapitalistisch Realisme (Bachsch. N)
Track: CD D, Track 1

Zur Komposition von "The History of Photography in Sound" - entstanden im Zeitraum von 1996 bis 2000 – waren philosophische Leitideen zum Thema Fotografie und Reproduktion von Walter Benjamin, Susan Sontag und Roland Barthes für Finnissy maßgeblich. Am Beispiel des Kapitels "Edweard Muybridge-Edward Munch" lässt sich etwa Benjamins Gedanke nachvollziehen, dass der Reproduktion immer das "Hier und Jetzt" des einzigartigen Kunstwerks fehlt.

Der britische Pionier der Fototechnik Muybridge und der norwegische Mahler Munch haben auf den ersten Blick wenig gemein. Finnissy aber interessiert der Aspekt der Bewegung in der Arbeit beider Künstler. Bei Munch betrachtet er die Bewegung, die die statische Hauptfigur im Bild umgibt und die jene in ihrem Ausdruck spiegelt. Der um eine Generation älterere Muybridge wiederum schuf 1877, als das Medium Fotografie noch sehr neu war, bereits eine Art Prototyp der Filmkamera: Um den Bewegungsapparat von Pferden zu untersuchen, ließ er ein galoppierendes Pferd von mehreren sukzessive auslösenden Fotokameras ablichten. Damit begründete er die Serienfotografie. Obwohl sie eine Bewegung darstellt, ist Muybridges Bilderserie statisch. So prägt dieser Widerspruch auch die Musik, die sich hier durch Momente eigenartiger, unnatürlicher Leblosigkeit der Bewegung auszeichnet. Neben afroamerikanischen Spirituals verarbeitet Finnissy hier musikalisches Material aus Bruckners 3. Symphonie, Emmanuel Chabriers Oper "L'Etoile" – beides im besagten Jahr 1877 entstanden - bevor er den Edward Munch-Teil mit einem großen Knall einleitet:

Musik 3 Titel: The History of Photography in Sound – Muybridge-Munch
Track: CD C, Track 3

So wie Michael Finnissy in "The History of Photography in Sound" eine extrem diverse Materialauswahl zu neuen Geweben verarbeitet, so verschränkt er auch künstlerische, politisch-soziale und subjektive Thematiken ineinander. Davon zeugt etwa eine Porträtserie mit dem Titel "Seven Immortal Homosexual Poets" im Zentrum des Werks, oder das Kapitel "My parents generation thought War meant something". Finnissy arbeitet häufig mit der Spannung zwischen Musikkulturen westlicher und kolonisierter oder unterdrückter Völker. Im Kapitel "Unsere Afrikareise" stellt er westlicher Kunstmusik afrikanische Musik nördlich wie südlich der Sahara entgegen.

Besonders ausgeprägt ist diese Spannung vor dem Hintergrund der Geschichte der Sklaverei in Amerika im Kapitel "North American Spirituals". Das Grundmaterial, das Finnissy hier verarbeitet, sind Kirchenchoräle des Bostoner Komponisten William Billings aus dem 18. Jahrhundert und bekannte Spirituals wie "Steal Away", "Nobody knows the trouble I've seen" oder "Go down, Moses". Trotz abstraktester Verwandlungen blitzt das Thema von "Go down, Moses" immer wieder durch das Dickicht der Schichten hindurch:

Musik 4
Titel: The History of Photography in Sound – North American Spirituals (1)
Track: CD B, Track 1

In "North American Spirituals" ist der Einfluss amerikanischer Komponisten der Moderne und Avantgarde sehr deutlich. Die oft surreal wirkende Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Musikwelten erinnert an Finnissys Leitfigur Charles Ives; irre Polymetrik erinnert an Conlon Nancarrow, donnernde Cluster an Henry Cowell. Ein plötzlich auftauchender Ragtime bildet mit seinem penetrant fröhlichen Rhythmus wiederum einen eklatanten Kontrast zum schmerzlich-hoffnungsvollen Pathos der Spirituals. Die Gegenüberstellung legt den Blick auf eine bittere Ironie frei, die Finnissy in den zwei Seiten der afroamerikanischen Musikkultur der Zeit entdeckt:

Musik 5 Titel: The History of Photography in Sound – North American Spirituals (2)
Track: CD B, Track 1

Eine besondere Eigenschaft von Finnissys "The History of Photography in Sound" ist der konstante Fluss der Musik. Ruhepole gibt es kaum. Der notorisch instabile Puls und die stets ungewiss schwankende Tonalität lassen einen nie festen Boden unter den Füßen spüren. Es ist, als befinde man sich auf einer rastlosen Reise ohne Ankunft. Ian Pace balanciert die Stimmen stets so aus, dass dieser Fluss nicht durch zu markante Phrasierung und Agogik unterbrochen wird. Manchmal nimmt das Spiel daher einen absichtlich maschinellen Gestus an.

Mit dem überwältigenden Eindruck dieser komplexen Musik lässt Pace den Hörer nicht ganz alleine. Im 100-seitigen Booklet in englischer Sprache, das die CD-Box begleitet, teilt der britische Pianist, der ebenso als Musikwissenschaftler aktiv ist, mit seinem Publikum seine haargenauen Analysen, seziert und entwirrt die Schichten aus Zitaten, als wollte er den Kompositionsvorgang rückwärts nachvollziehen. Wer Ursprünge und Entwicklung sämtlichen Materials verfolgen möchte, muss hier keinesfalls im Dunkeln tappen. Seine Aufnahme von "The History of Photography in Sound" bezeichnet Ian Pace als seine bislang wichtigste pianistische Arbeit. Das zu glauben, fällt nicht schwer.

Musik 6 Titel: The History of Photography in Sound – Unsere Afrikareise
Track: CD E, Track 2

In ihrer Wirkung scheint Finnissys Ästhetik der Überfrachtung und Kleinteiligkeit oft paradox: Während man nämlich einzelne Details notgedrungen aus den Augen verliert, erschließen sich einem die größeren Kräfte und Bewegungen - als nähme man eine Hörperspektive in größerer Distanz ein. Hat man sich einmal dazu überwunden, Einzelheiten loszulassen, eröffnet sich ein fast übernatürliches Hörspektrum. Es beschreibt, ähnlich wie bei Ives, eine Utopie - als blicke man aus dem All auf alle Geschehnisse, die gleichzeitig auf der Erde passieren. Dass sich gerade bildliche Vergleiche für diese außergewöhnlich komplex gearbeitete Musik anbieten, mag auch eine Art irrationaler Schlüssel zum rätselhaften Titel sein.

In dieser Dialektik aus rationalem Notentext und irrationaler Wirkung liegt auch der große Reiz dieser Musik. Dass sie Ian Pace eher wenig expressiv spielt, lässt diese Wirkung unverfälscht und noch plastischer hervortreten. Seine Aufnahme von Michael Finnisy "The History of Photography in Sound" einschließlich seiner aufschlussreichen Erläuterungen im Booklet ist eine phänomenale und einzigartige Monumentalleistung. In dieser Vertiefung gelingt es Pace, Finnissys schwer durchdringbaren, aber faszinierenden Kosmos dem Hörer nahezubringen. Und das ist in der Tat eine Herkulesaufgabe. "The History of Photography in Sound" ist beim Label Métier Records erschienen und wurde Ihnen vorgestellt von Barbara Eckle.

 

Vorgestelltes Album:
The History of Photography in Sound
Lable: Métier Records division, Divine Art Recordings Group, LC15631, msv77501

 

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