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Mikro-RNA
Die Ribonukleinsäure - RNA als Fahndungshelfer

Wenn der Kommissar drei ganz bestimmte Buchstaben nennt, wird es eng für den Verdächtigten. Die Buchstaben heißen: D N A. Mithilfe dieses Erbmoleküls haben Rechtsmediziner bereits unzählige Täter ermittelt oder überführt. Neue Ergebnisse zeigen nun, dass auch der kleine Bruder der DNA, die RNA, bei Fahndung und Ermittlung hilfreich sein kann.

Von Michael Lange | 12.08.2014
    Das Bild zeigt die Silhouette einer Frau an einem Tatort, der durch ein gelbes Band mit der Schrift "Crime Scene" abgetrennt ist.
    RNA aus Tatortspuren zu isolieren und zu untersuchen ist das Ziel einer Arbeitsgruppe für forensische Genetik am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bonn. (picture alliance / ANP / Lex van Lieshout)
    Der Tatort ist abgesperrt mit rot-weißem Band, und Menschen in weißen Overalls suchen akribisch nach winzigen Spuren. Besonders wichtig für die Ermittler sind Erbmoleküle von Opfer oder Täter: die Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA. Nun kommt ein verwandtes biologisches Molekül als Fahndungshelfer hinzu: die Ribonukleinsäure - RNA. Wenn in einer Zelle die Gene aktiv werden, dann wird DNA umkopiert in RNA. Die RNA zeigt also an, welche Gene aktiv sind.
    "Man kann es grob vereinfacht sagen: Mit DNA findet man heraus, wer etwas war. Mit RNA findet man heraus, was geschehen ist."
    RNA aus Tatortspuren zu isolieren ist das Ziel
    Cornelius Courts leitet eine Arbeitsgruppe für forensische Genetik am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bonn. Er entwickelt Methoden, um RNA aus Tatortspuren zu isolieren und zu untersuchen.
    Dabei konzentriert er sich auf eine besondere Form der RNA, die Mikro-RNA. Sie spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung der Gene. Vor allem aber ist die Mikro-RNA sehr klein und deshalb stabiler als andere RNA-Moleküle. Cornelius Courts konnte sie bereits in verschiedenen typischen Tatortspuren nachweisen. Mit der RNA kann er bestimmen, aus welchem menschlichen Gewebe eine Spur stammt.
    "Man findet eine Mischung, einen Klecks, der eindeutig Material von mehreren Menschen enthält. Nach Sexualdelikten ist das sehr häufig der Fall. Und dann ist es entscheidend zu wissen, aus welchen Spurenarten sich der Fleck zusammensetzt."
    Die Mikro-RNA ist typisch für ein bestimmtes Gewebe: zum Beispiel für Blut, Speichel oder Sperma.
    "Wenn also eine Spur auf dem Boden liegt, kann ich anhand der Zusammensetzung der RNA erkennen, dass in dieser Spur Blut enthalten ist. Wenn da zusätzlich noch Speichel darin ist, finde ich eine weitere RNA, die auf Speichel hindeutet."
    Vergewaltigung durch RNA nachweisen
    Die Forscher können sogar ermitteln, woher eine Blutspur stammt. Ist das Blut aus einer Wunde ausgetreten oder handelt es sich um Menstruationsblut. Das kann wichtig sein, um eine Vergewaltigung nachzuweisen. Nicht selten widersprechen sich die Aussagen von Opfer und Täter. Die RNA kann Informationen zum Hergang der Tat liefern und eventuell einen Beteiligten der Falschaussage überführen.
    "Für die normale routinemäßige Fallarbeit wird RNA in Deutschland noch nicht eingesetzt. Es gibt allerdings bereits in Holland Labore, die das machen. Wir haben aber jetzt gerade eine Studie publiziert und konnten zeigen, dass man Schüsse gegen den Kopf von Schüssen gegen andere Körperteile unterscheiden kann."
    Cornelius Courts konnte sogar zeigen, dass nach einem Schuss aus wenigen Metern Entfernung kleinste Gewebespuren des Opfers in der Tatwaffe zurückbleiben - zum Beispiel im Lauf der Schusswaffe. Dort fand er sowohl DNA als auch Mikro-RNA.
    "Also man kann aus dem Innern der Schusswaffe erkennen, welche Opfer mit der Schusswaffe getroffen worden sind, also DNA, und - wie wir jetzt gerade gezeigt haben - wohin das Opfer getroffen worden ist - zum Beispiel wenn Hirngewebereste ins Innere der Waffe gespritzt sind, aus denen man dann RNA herausholt, und dann sehen kann, dass diese RNA aus dem Gehirn stammt."
    Bei einem Mordfall in Neuss lieferte Cornelius Courts durch sein Nachweisverfahren bereits hilfreiche Informationen. Ein Mann hatte seine Frau und seine Töchter durch Kopfschüsse getötet. An und in der Tatwaffe fand Cornelius Courts Gewebespuren der Opfer. Die Mikro-RNA lieferte den Beweis, dass es sich um Gehirngewebe handelte. Damit war klar: Der Täter hatte aus der Nähe und gezielt auf die Opfer geschossen.