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StartseiteDeutschland heute6.000 ungeklärte Schicksale25.04.2016

Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland6.000 ungeklärte Schicksale

Knapp 6.000 minderjährige Flüchtlinge werden in Deutschland vermisst, 555 davon unter 14 Jahren. Dem BKA liegen nach eigenen Angaben keine konkreten Erkenntnisse darüber vor, was mit den zumeist aus Syrien und Afghanistan stammenden Vermissten passiert sein könnte. Einer der Gründe: Die fehlende bundesweite Zusammenarbeit der Behörden.

Von Kemal Hür

Das Bild zeigt Schattenrisse von drohenden Händen eines Erwachsenen und den Schatten eines Kinderkopfes. (picture-alliance / dpa/ EPA/ Simela Pantzartzi)
Der Verbleib von rund 6.000 minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland ist ungeklärt. (picture-alliance / dpa/ EPA/ Simela Pantzartzi)
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Es dauert lange, ungewöhnlich lange, bis die zuständige Senatsverwaltung für Jugend sich bereit erklärt, über vermisste Kinder und Jugendliche in Berlin Auskunft zu geben. Auch die Unterkünfte für minderjährige Flüchtlinge reagieren auf unsere Anfragen sehr zurückhaltend.

Einige vermissen selbst Jugendliche. Aber sie dürfen nicht mit uns darüber sprechen. Wir sollen uns an die Senatsverwaltung wenden. Eine Woche nach unserer Anfrage bittet der zuständige Sprecher zu einem Interview. Mit dabei ist auch der Betreiber einer Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge, Michael Langer. Er erklärt die Zurückhaltung mit der besonderen Schutzbedürftigkeit der Jugendlichen.

"Mir fällt jetzt ein Jugendlicher ein, der kommt aus Guinea. Und er hat dort einem anderen Menschen gehört. Er ist nach Deutschland gekommen und hat vorher im Sklavenstand gelebt. Es gibt Jugendliche, die haben sich der IS entzogen, die sie zwangsrekrutieren wollte. Es gibt junge Frauen, die vor IS in Sicherheit gebracht wurden. Alle diese Jugendlichen leben in Situationen, die ausgesprochen schützenswert sind."

Und doch kommt es vor, dass Jugendliche trotzdem verschwinden. Michael Langer betreut mit seinen Mitarbeitern etwa 150 unbegleitete minderjährige Jugendliche in mehreren Unterkünften. Seit zwei Wochen wird ein 17-jähriger Jugendliche aus dem Libanon vermisst. Er wurde mit Drogen erwischt und festgenommen, erzählt Langer.

"Er ist dann in Untersuchungshaft gekommen. Wir haben während der Zeit Kontakt gehalten. Und er ist, nachdem er aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, wieder zu uns zurückgekommen, ist dann aber spurlos verschwunden. Wir haben ihn dann vermisst gemeldet und seitdem nichts mehr von ihm gehört."

In Berlin sind 3.800 minderjährige Flüchtlinge registriert. Sie sind in Obhut der Senatsverwaltung für Jugend oder der zwölf Berliner Bezirksjugendämter und werden rund um die Uhr betreut. Als vermisst gelten aktuell acht Minderjährige. Die vergleichsweise niedrige Zahl führt der Sprecher der Senatsverwaltung für Jugend, Ilja Koschembar, darauf zurück, dass die Jugendlichen von vornherein nach Berlin kommen wollten. Das bestätigten ihm auch die Polizeibehörden, sagt er.

"Sie führen das darauf zurück, dass vor allem in Bayern, wo sie ankommen, natürlich auch der Drang ist, weiterzureisen, weil Bayern ein Durchreiseland ist. Berlin ist ein Zielort vieler Flüchtlinge. Berlin bietet viele Strukturen an, ethnische, womit sich gleich ein Zuhause verbindet, weshalb viele Jugendliche gezielt nach Berlin kommen und entsprechend gar nicht auch den Drang haben, gleich weiterzureisen, wegzugehen, abzuhauen."

Rätselraten über den Verbleib

Weder die zuständigen Jugendämter noch die Polizei können sagen, wohin die Vermissten gegangen sein könnten. Die Berliner Polizei gibt auf Anfrage an, die Ursachen für das Verschwinden würden sich nicht von denen der übrigen Kinder und Jugendlichen unterscheiden. Auch bei Flüchtlingen seien dies Abenteuerlust, Neugier oder Langeweile. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die vermissten acht Jugendlichen akut gefährdet seien. Informationen zu einer möglichen Tätigkeit im Bereich der Prostitution, des Diebstahls oder Drogenhandels lägen nicht vor.

Michael Langer, der einen 17-jährigen Libanesen vermisst, hat aber genau diese konkrete Befürchtung, weil der Jugendliche mit Drogen aufgegriffen wurde.

"Wir gehen davon aus, dass er in einem kriminellen Umfeld gelandet ist, ja. Das kann aber auch so sein, dass er mit diesem kriminellen Umfeld schon Kontakt hatte, bevor er zu uns gekommen ist. Das wissen wir schlichtweg nicht."

Auch wenn die Kinder und Jugendlichen rund um die Uhr betreut werden, seien sie nicht eingesperrt und könnten sich in Absprache mit den Betreuern frei bewegen, sagt Ilja Koschembar von der Jugendverwaltung. Eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht.

"Mit dieser Unsicherheit werden wir ein Stück weit leben müssen. Glücklich macht uns das gleichwohl nicht. Grade was die Meldungen anbelangt, dass organisierte Verbrechensstrukturen dahinter stecken könnten, haben uns durchaus aufgeschreckt, und wir sind auch mit den Ordnungsbehörden in Kontakt, um gegebenenfalls auch darauf reagieren zu können."

Bundesweite Zusammenarbeit findet nicht statt

Es gebe aber keine bundesweite Zusammenarbeit der zuständigen Jugendverwaltungen, ergänzt Koschembar. Das heißt, die Verantwortung der Jugendbehörden endet mit einer Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizei. Und die Polizei sagt: Sobald der aktuelle Aufenthaltsort feststeht, ist die Vermisstensache als erledigt zu betrachten. Unbeantwortet bleibt die Frage: Wer übernimmt die Verantwortung für die rund 6000 vermissten Minderjährigen?

 

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