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Misshandelt und vergessen

In der Nachkriegszeit wurden sie als Kinder aus Großbritannien nach Australien deportiert, in Heimen seelisch misshandelt und sexuell missbraucht. Nun hat sich Premierminister Kevin Rudd erstmals offiziell bei den sogenannten "vergessenen Australiern" entschuldigt.

Von Andreas Stummer | 21.11.2009

Er traf den richtigen Ton und fand die passenden Worte: Australiens Premier Kevin Rudd holte nach, was frühere Regierungen nicht für nötig gehalten hatten. Er entschuldigte sich bei den 500.000 sogenannten 'vergessenen Australiern'. Bei Waisen- und Pflegekindern, die noch bis 1974 in Heime gesteckt und dort misshandelt wurden. Premier Rudd sprach von einer 'nationalen Tragödie', für die sich Australien schäme; eine Tragödie, die sich über mehr als 50 Jahre des vergangenen Jahrhunderts hingezogen hat.

"Wir bitten um Entschuldigung für das körperliche und seelische Leid, das euch zugefügt wurde. Für den Verlust von Liebe und Fürsorge. Es tut uns leid, dass ihr von eueren Familien getrennt, in Heime gesteckt und dort missbraucht wurdet. Wir bitten um Vergebung für den tragischen Verlust euerer Kindheit."

Eine Gruppe hob Rudd besonders hervor: mehrere 10.000 Kinder, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg von Großbritannien nach Australien gebracht wurden. Hellhäutiger Nachwuchs für die Kolonie am anderen Ende der Welt, Teil eines Kinder-Auswanderungs-Programms, das London mit den Commonwealthstaaten ausgehandelt hatte. Hilflose Opfer im zynischen Menschenhandel des Empires - ihrer Kindheit, ihrer Heimat und ihrer Unschuld beraubt.

John Hennessy war eines der Kinder, die abgeschoben wurden. John stammte aus dem englischen Bristol. Seine Mutter war bettelarm, als sie ihn zur Welt brachte. "Im Heim", dachte sie, "hat er es für ein paar Jahre bestimmt besser." Doch im Alter von vier werden John und die übrigen Heimkinder eines Nachts hinunter zum Hafen gebracht. Am nächsten Morgen ist er mit dem Schiff unterwegs nach West-Australien. Seiner Mutter wurde gesagt, eine reiche Familie hätte John adoptiert, dem Jungen wurde erzählt, seine Mutter sei tot. John ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Er und die anderen englischen Kinder, die nach Australien kamen, waren mutterseelenallein.

"Ich höre die Schreie der Kinder noch heute. Wir dachten, Australien wäre nur um die Ecke. Wie sollten wir wissen, dass man uns ans andere Ende der Welt schickte?"

Die englischen Kinder kamen in staatliche und kirchliche Erziehungsheime; überall in Australien. Doch statt einer Schulbildung gab es Prügel und Demütigungen. Wie John können viele der damaligen Kinder heute noch nicht richtig lesen und schreiben. Die Kinder hatten keine Namen mehr, nur noch Nummern. Schwere, körperliche Arbeit und sexueller Missbrauch waren Alltag.

"Wir waren wehrlos. Niemand wollte von uns wissen. Für die Priester waren wir nur Abschaum. Wer sollte uns schon glauben, dass sie uns missbrauchten?"

In England wurde den Kindern das Paradies versprochen, Australien aber war für sie die Hölle. Geschwister wurden getrennt, verzweifelte Briefe von Angehörigen, die herausgefunden hatten, wo ihre Kinder waren, wurden abgefangen.

Leonie Sheedy versuchte immer wieder wegzulaufen; zwölf Mal. Doch sie kam nicht weit. Nur bis ins nächste Erziehungsheim, das jedes Mal noch schlimmer war, als das vorherige.

"Wir Kinder mussten Fliegen fangen und sie dann hinterher hinunterschlucken. Wir wurden dazu gezwungen, unser Erbrochenes oder Fäkalien zu essen. Wir wurden mit Holzscheiten blutig geschlagen. Ich kann die Grausamkeiten, die kleinen Kindern zugefügt wurden, bis heute nicht verstehen."

Erst wurden die Heimkinder seelisch und körperlich misshandelt, dann - mit 16, 17 - wurden sie sich selbst überlassen. Sie hatten keine Familie, keine Ausbildung und kein Selbstwertgefühl. Jahrzehntelang versuchten die 500.000 "vergessenen Australier", auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen: vergeblich. Aus Furcht vor Schadensersatzforderungen wurde ihr Leid nie offiziell anerkannt. Tony Jones war 68 Jahre alt, als er erfuhr, dass seine Mutter noch am Leben war. Ihm ist gleichgültig, dass er auch von der Regierung Rudd keine Entschädigung bekommen wird. Tony geht es nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit.

"Ich habe meine Mutter nicht mehr lebend gesehen. Als ich ihr zum ersten Mal begegnet bin, lag sie in ihrem Sarg. Ich war zu spät und am Boden zerstört. Denn all diese Zeit über wussten die Behörden, dass meine Mutter am Leben war."

In seiner Rede versprach der australische Premier einen Neubeginn: mehr Zuschüsse für Hilfsgruppen, die sich um die früheren Heimkinder kümmern, mehr Altenheimplätze für die Betroffenen und einen Vermittlungsservice für Familienzusammenführungen. Seine Kritiker aber werfen ihm vor: Ohne finanzielle Entschädigung der Opfer sei die Entschuldigung nicht das Papier wert, auf der sie geschrieben steht. Kevin Rudd aber bleibt beim Nein der Regierung zum Schadensersatz. Er könne den Überlebenden ihre Kindheit nicht zurückkaufen, sagte er, aber er könne etwas für die heutige Generation der Heimkinder tun.

"Etwa 30.000 Kinder sind heute in staatlichen Einrichtungen in Australien untergebracht. Wir müssen aus dem Schicksal der 'vergessenen Australier' lernen und alles in unserer Macht tun, damit es nie wieder zum Missbrauch von Kindern in unserer Obhut kommt."

900 der "vergessenen Australier" saßen während der Rede des Permiers mit in der großen Halle des Parlaments in Canberra. Viele mit vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos von Kindern, die heute nicht mehr am Leben sind. Leonie Sheedy hielt die Hand ihrer Tochter. Als Premier Rudd die Überlebenden um Vergebung bittet, haben sie Tränen in den Augen.
"Diese Entschuldigung bedeutet alles für uns. Denn unser Leid war wie das der Aborigines. Auch wir wurden unseren Familien einfach weggenommen, auch wir wurden missbraucht. Endlich werden unsere Erlebnisse erzählt und unser Schmerz anerkannt. Endlich können unsere Wunden heilen."

Es war ein historischer Tag in Canberra, ein Tag der Aussöhnung mit der Vergangenheit in Australien. In wenigen Monaten, das hat der britische Premier in dieser Woche versprochen, werde sich auch Großbritannien bei den Betroffenen entschuldigen.