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Misshandlungsvorwürfe im Turnen
25 Trainer in den Niederlanden unter Verdacht

Der Skandal um Machtmissbrauch im niederländischen Turnsport weitet sich aus. Wie der Radiosender NOS Sport berichtet, werde derzeit gegen 25 Trainer ermittelt - wegen körperlicher oder psychischer Misshandlung.

Von Andrea Schültke | 22.12.2020
Eine Kunstturnerin turnt ihre Bodenübung (verwischt)
Eine Kunstturnerin turnt ihre Bodenübung (verwischt) (imago / Sven Simon)
75 Personen hätten sich beim niederländischen Institut für Sportrecht gemeldet, mit Beschwerden gegen einen oder mehrere Trainer, berichtet NOS. Der Sender beruft sich dabei auf ein Interview mit Dick van Steenbeek. Der Vorsitzende des Instituts spricht in Bezug auf die Fälle im Turnen von einer "erschreckend hohen Zahl". Sportwissenschaftlerin Natalie Barker-Ruchti von der Universität Örebro in Schweden ist nicht überrascht. Die Wissenschaftlerin forscht zum Thema Turntraining. Für sie zeigen die neuen Zahlen aus den Niederlanden:
"Wie tief die Annahmen, was Turnen ist, verwurzelt sind, die Beziehung zwischen Trainer und Athleten geprägt haben und es immer noch tun. Zum Beispiel die Idee, dass du mit Schmerzen und verletzt trainieren musst, weil Wettkampfergebnisse wichtig sind und dass der Körper schlank sein muss. Daher kontrolliert der Trainer zum Beispiel die Ernährung. In so einer Beziehung ist die Athletin machtlos."

Auch deutsche Athletinnen betroffen

Die Formen des Machtmissbrauchs im Turnen am Beispiel der USA hatte eine Fernsehdokumentation im Sommer thematisiert. Das war für Turnerinnen weltweit der Anlass, von ihren Erfahrungen in diesem Zusammenhang zu berichten.
Simone Biles aus den USA bei der Siegerehrung mit der Goldmedaille 
Das Sittenbild des US-Sports
Der Dokumentarfilm "Athlete A" zeichnet auf eindrückliche Weise nach, wie der Arzt Larry Nassar US-Topturnerinnen sexuell missbrauchte. Und was alles passieren musste, um ihn zu bestrafen. Doch wer ihn deckte und den Skandal zu vertuschen versuchte, erfährt man nicht.
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"Diese Recherche hat uns aufgezehrt"
Marisa Kwiatkowski und Tim Evans sind zwei der Reporter, deren Recherche zur Aufdeckung des Missbrauchsskandals im US-Turnverband führte. Sexueller Kindesmissbrauch sei ein Gesellschaftsproblem, sagten sie im Dlf.
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Missbrauchsvorwürfe britischer Turnerinnen
Sie wurden geschlagen, mussten hungern und trainierten bis die Hände bluteten: Ehemalige führende britische Turnerinnen erheben schwere Missbrauchsvorwürfe gegen den Verband. Die Methoden hatten wohl System.
Zuletzt war auch die deutsche Weltklasseathletin Pauline Schäfer in einem Interview mit dem "Spiegel" an die Öffentlichkeit gegangen, weitere Sportlerinnen waren ihrem Beispiel gefolgt. Pauline Schäfer hatte Vorwürfe erhoben gegen ihre ehemalige Trainerin am Olympiastützpunkt Chemnitz.
Pauline Schäfer hat Tränen in den Augen und reckt die Arme zur Decke.
Turnerin Pauline Schäfer hatte in einem Interview im "Spiegel" schwere Vorwürfe erhoben (dpa/Paul Chiasson)

DTB nach eigenen Angaben machtlos

Bei einem Verein in Chemnitz ist inzwischen der Niederländer Gerrit Beltmann tätig. Er ist einer der beschuldigten Trainer im niederländischen Turnskandal und hat die Vorwürfe eingeräumt. Der Deutsche Turnerbund verfügt nach eigenen Angaben nicht über rechtliche Möglichkeiten, eine Tätigkeit Beltmanns für den Chemnitzer Verein zu verhindern. Mit einer entsprechenden Stellungnahme reagierte der Dachverband auf eine Berichterstattung des "Spiegel".
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Psychische Gewalt, Training trotz Schmerzen: Mehrere Turnerinnen erheben schwere Vorwürfe gegen eine Trainerin am Chemnitzer Bundesstützpunkt. Alfons Hölzl verspricht Aufarbeitung und Konsequenzen. Das Ausmaß der Vorwürfe habe er nicht gekannt, sagte der Präsident des Deutschen Turner-Bundes im Dlf.