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StartseiteHintergrundMission impossible?16.08.2010

Mission impossible?

Europas Engagement am Hindukusch

Wahrscheinlich wird man sich als Europäer nie daran gewöhnen: an die Hitze, den Staub und an die Tatsache, dass schon eine gefüllte Plastiktüte am Straßenrand eine bedrohliche Ausstrahlung haben kann.

Von Martin Durm

Afghanische Polizisten   in Kabul (AP)
Afghanische Polizisten in Kabul (AP)
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Hitze, Staub und dieses Bedrohliche fallen immer dann über sie her, wenn die Ausländer ihre klimatisierten Container verlassen, um hinauszufahren in diese verwüstete Gegend, die sie stabilisieren und aufbauen sollen.

Masar i Sharif, Faisabad, Kundus – afghanische Ortsnamen, die immer neue Schlagzeilen liefern, weil sich dort scheinbar das immer Gleiche ereignet: Sprengstoffanschlag, Selbstmordattentat, Sprengstoffanschlag. Es klingt nach dramatischem Kriegsgeschehen. Dabei ist es so langweilig an diesen heißen Tagen im Militärcamp: Warten, Rumhängen, Zeit totschlagen. Mehr nicht. Und wenn es dann endlich mal rausgeht aus dem Camp, führen nur gelbgraue Sandpisten in gelbgraue Dörfer, wo längst niemand mehr winkt, wenn die schwer gepanzerten Wagen auftauchen.

Das also ist Europa in Afghanistan, das sind die europäischen Ordnungshüter, die den Auftrag haben, Ordnung zu bringen in einen zertrümmerten Staat. Bleischwere Splitterschutzwesten tragen sie unter ihren hellblauen Uniformen, und Helme, weil die Vorschrift verlangt, immer und überall auf Nummer sicher zu gehen. Das sogenannte EUPOL-Team, das ich an diesem Morgen begleite, besteht aus drei schwerbewaffneten EU-Polizisten: zwei Deutsche, ein Ungar. Ihnen zugeordnet ist eine Rechtsexpertin der juristischen Fakultät der Fachhochschule Bonn. Aktenordner hat sie dabei und eine große Butterkeks-Dose, um während des Unterrichts für eine aufgelockerte Atmosphäre zu sorgen. Auf dem Lehrplan stehen Strafprozessrecht, das Verhältnis von Staatsanwaltschaft und Polizei, korrektes Erstellen von Ermittlungsberichten. Das dürfte allerdings etwas schwierig werden, weil die meisten Polizisten in Afghanistan weder lesen noch schreiben können. Der Einsatz von Hunderten EU-Polizisten und Experten am Hindukusch soll den Nachweis erbringen, dass die Europäische Union tatsächlich ist, was sie so gerne wäre: ein global player, der imstande ist, auf internationaler Bühne eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu präsentieren. Große Ziele sind verbunden mit dem europäischen Engagement: Zunächst die Stabilisierung des Landes. Dann die Übergabe der Verantwortung an die afghanische Polizei. Und schließlich der Abzug der westlichen Truppen bis 2014.

Ankunft im Polizeihauptquartier von Masar i Sharif, wo das Rechtsstaatlichkeits-Seminar durchgeführt werden soll. Aber da ist keiner im Polizeihauptquartier, kein Polizist, kein Offizier, nur der Pförtner auf einem Stuhl, der aufgeschreckt mit seiner Kalaschnikow salutiert und uns durch den Innenhof in einen leeren Saal eskortiert. Dort sollen wir warten.

So was sei nichts Ungewöhnliches, sagt der EUPOL-Beamte Müller aus Sachsen, vielleicht ein verlängertes Mittagsgebet, vielleicht irgendein Feiertag ... wir sind hier eben nicht in Europa. Das sind dann wohl die Momente, in denen selbst hoch engagierte Europäer stille Zweifel an den Erfolgsaussichten der Mission haben könnten. Es fehlt nicht am guten Willen der Helfer. Ihre Risikobereitschaft ist groß, größer jedenfalls als die Kosten des EUPOL-Einsatzes, die sich auf grade mal 54 Millionen Euro jährlich beschränken. Was fehlt, ist das Gefühl, dass dieser Einsatz die Grundübel und Defekte des afghanischen Machtapparates verändert: Korruption, Willkür, Gewalt.

"Unsere Polizei ist nicht professionell. Viele unserer Polizisten – auch die Offiziere – sind ehemalige Mujahedin. Sie haben nichts andres als kämpfen gelernt. Wir wissen auch, dass sich viele von ihnen nach der Ausbildung durch die Europäer den Taliban anschließen. Nicht weil sie Islamisten wären. Aber die Taliban bezahlen ihnen pro Monat 300 Dollar – das Doppelte eines Polizistengehalts. Im Bahlan-Distrikt sind vor zwei Monaten 30 Polizisten geschlossen zu den Aufständischen übergelaufen."

Schwundquote wird das genannt. Sie liegt bei 25 Prozent, schätzen die Sicherheitsexperten westlicher Botschaften in Kabul. Doch die tatsächliche Schwundquote liegt vermutlich noch höher, behauptet der Reporter der unabhängigen afghanischen Nachrichtenagentur Pahjwok in Masar i Sharif.

Ehsass kennt sein Land, die Distrikte, die Dörfer. Und weiß, dass dort ganz anderes geschieht, als das, was der Westen unter Stabilisierung und Aufstandsbekämpfung versteht:

"Wenn in einem Distrikt oder in einem Dorf Kämpfe ausbrechen zwischen ISAF-Truppen und Taliban, dann kann es schon sein, dass die Taliban aus dem Dorf herausgedrängt werden. Aber wenn alles vorbei ist, ist keine Polizei da, die den Ort halten könnte. Die ISAF-Truppe zieht also ab und nach zwei Stunden kommen die Taliban zurück ins Dorf. Und ganz egal, wie der Kampf ausgegangen ist – am Ende kontrollieren sie wieder das Gebiet."

Aber wir sind hier doch in Masar i Sharif, einer Gegend, die angeblich zu den am besten gesicherten zählt.

"Du sagst, Masar i Sharif ist sicher. Das stimmt nicht. Wir hören von den Leuten, die hier leben, dass immer mehr Taliban in die Täler einsickern. Dass sie in die Dörfer kommen und die Leute zwingen, Abgaben zu zahlen. Und dass sie jetzt, wo das Opium geerntet wird, ihre Kriegskasse füllen."

Unter den Augen westlicher Militärs und Polizisten erzeugt Afghanistan inzwischen 93 Prozent des weltweit gehandelten Stoffs. Die immensen Gewinne aus dem Drogengeschäft nutzen die Taliban, um sich Waffen und Rekruten zu kaufen. Dabei hatte der Westen diesem Treiben schon 2002 bei der Internationalen Afghanistan-Konferenz den Kampf angesagt. Seit einer Stunde wartet das EUPOL-Ausbildungsteam nun schon im leeren Polizeihauptquartier von Masar i Sharif. Und wird langsam unruhig.

"Also irgendwie sin se zu spät, ham's vergessen aus meiner Sicht."

Es wird Mittag, Nachmittag, vor lauter Hunger fängt das EUPOL-Team an, die mitgebrachten Butterkekse selbst aufzuessen. Aber dann kommt schließlich doch noch jemand vorbei.

Der stellvertretende Polizeichef, übellaunig, indisponiert. Seine Offiziere seien heute leider mit "investigating" beschäftigt, mit Ermittlungen. Deshalb sei keiner da.

Aber morgen, sagt er, morgen da werde man hier für die Europäer eine schöne Eröffnungs-Zeremonie organisieren, mit ihm und dem Chef und mit Essen, Getränken. Und einer richtigen Rede.

Das EUPOL-Team packt die Akten zusammen und macht sich auf den Weg zurück ins Militärcamp von Masar i Sharif. Das war kein guter Tag für den Aufbau der afghanischen Rechtsstaatlichkeit. Es sei denn, man redet sich etwas anderes ein.

30 Minuten dauert die Fahrt vom Polizeihauptquartier über eine dicht befahrene Straße, auf der sich alles nur Denkbare bewegt und ineinander verkeilt: Lastwagen, Eselskarren, Motorräder, Burka-verhängte Frauen mit Kindern.

Als wir dann auch noch mit dem schwächlich gepanzerten aber auffälligen Fahrzeug von EUPOL im Nachmittagsverkehr stecken, gehen mir einige dieser merkwürdigen Begegnungen durch den Kopf, die ich ein paar Tage zuvor in Kabul hatte. Begegnungen mit Regierungsvertretern, Sicherheitsexperten und Diplomaten, die sich in zu Festungen ausgebauten Gebäuden verschanzten, in Ministerien, Hauptquartieren, Botschaften, die nur durch verwinkelte Sicherheitskorridore aus Betonsperren, Stahltüren und elektronischen Schleusen erreicht werden konnten. Eine Art Prototyp des westlichen Diplomaten in Kabul war wohl Vygaudas Usackas, Litauens ehemaliger Außenminister, der im letzten Jahr wegen innenpolitischer Probleme in Vilnius zurücktreten musste – um kurz darauf in Afghanistan aufzuschlagen. Als Botschafter der EU.

"Der EU-Beitrag für Afghanistan ist enorm. Wir zahlen immerhin das Gehalt für jeden zweiten afghanischen Polizisten. Wir müssen unsere Bürger immer wieder daran erinnern, dass Europas Sicherheit von Afghanistans Stabilität nicht zu trennen ist."

Der EU-Botschafter hatte lange referiert über die zentrale Rolle Europas am Hindukusch. Dass die Europäische Union dort immer mehr als global player auftrete, sagte er. Und dass er die Hochschätzung der Afghanen erst kürzlich erlebte, sagte der Botschafter der EU, in Masar i Sharif, wo er den Gouverneur Atta Mohammed besuchte:

"Ich würde sagen, Gouverneur Atta ist eine starke Persönlichkeit im Norden – er hat natürlich eine Geschichte. Aber als ich bei ihm war, war ich schon sehr beeindruckt von seinen klaren politischen Vorstellungen, vor allem wenn es um Frauenrechte geht und Ähnliches. Und er ist sehr daran interessiert, mit Ausländern zusammenzuarbeiten, ausländische Investoren ins Land zu holen, was der ökonomischen Entwicklung sehr dienlich wäre. Wie gesagt. Gouverneur Atta ist eine starke politische Führungspersönlichkeit. Und wie Sie ja wissen, weist die afghanische Gesellschaft sehr viele Facetten auf."

Zu den vielen Facetten der afghanischen Gesellschaft gehören dann auch Leute, die nicht das Geringste zu tun haben mit dem starken Mann von Masar i Sharif. Ihr politischer Einfluss lässt sich schwer abschätzen. Sie haben keine Macht. Aber sie haben Mut, denn sie gehören zu denen, die aussprechen was sie denken über regionale Größen wie Gouverneur Atta Mohammed.

"Dieser Gouverneur ist einer der alten Warlords, er spielte als Mujahedin eine wichtige Rolle in den afghanischen Bürgerkriegen. Ihm werden schlimmste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, vor allem die Ermordung seiner politischen Rivalen. Und heute hat er in Masar i Sharif das Machtmonopol."

Weil es gefährlich sein kann, so über einen afghanischen Warlord zu reden, gibt es keinen Namen in diesem Gespräch. Es wurde geführt bei grünem Tee, in einem von hohen Mauern umgebenen Garten, in einem Viertel, wo keine Diplomaten oder Politiker leben. Wie gut das war, endlich einmal jemandem zu begegnen, der keine Splitterschutzweste mit sich herumschleppte, der sich und sein Haus nicht hinter Sandsäcken, bewaffneten Wachen und Sicherheitsschleusen verschanzte. Der mir erst mal die Rosen zeigte und sagte, darauf sei er stolz, und auf die Malven und den wilden Wein, unter den wir uns setzten. Und dort kam er wieder auf Atta Mohammad zu sprechen:

"Und der Westen unterstützt diesen Mann. Der Westen predigt uns immer wieder, er wolle uns doch nur Demokratie bringen und das Land aufbauen, stabilisieren. Und was wir dann in Wirklichkeit sehen, sind diese Machthaber. Nicht nur Atta Mohammed im Norden, seinesgleichen gibt es im Osten, im Westen, der Bruder des Präsidenten – genauso einer – alle wissen es. Und alle dealen mit diesen Figuren, und die internationale Staatengemeinschaft spült ihnen Millionen und Abermillionen Dollar in die Taschen."

Der Afghane, der da im Garten saß, wäre mit seiner Bildung, seinem Intellekt, seinem Englisch sicherlich auch ein interessanter Gesprächspartner für westliche Diplomaten in Kabul. Er wird aber nicht zu deren Abendessen geladen, weil sein Bild von Afghanistan nicht übereinstimmt mit den Berichten, die sie in ihren Kabuler Festungen schreiben und in ihre Hauptstädte schicken:

"Sie leben in einer künstlichen Blase, und sie bewegen sich von einer Blase in die andere. Sie sind so weit weg von dem, was hier geschieht. Sie nehmen die Wirklichkeit und die gesellschaftliche Entwicklung überhaupt nicht wahr."

Danach hatte ich mit einem Mal das ungute Gefühl, mich selbst auch nur so wie alle anderen Westler durch dieses Land zu bewegen. In einer Blase.

Eine Blase, gefüllt mit dem Gestank von Diesel und Kerosin und dem Lärm von Flugzeugen, Hubschraubern, Panzerfahrzeugen. Das ist der Soundmix von ISAF. An diesem Tag werden wir weit Richtung Westen fahren, in Dörfer mit Namen, die kein Ausländer richtig aussprechen kann.

Alle sind abfahrbereit, bewaffnet, in voller Montur: Würde man ihnen die Helme wegnehmen, die verspiegelten Sonnenbrillen und Schutzwesten, es kämen junge, schwitzende Männer darunter zum Vorschein. So aber sind es neun Soldaten und vier Polizisten. Allesamt Deutsche. Aus einem der drei gepanzerten Dingos ragt wie abgeschnitten der Torso des MG-Schützen heraus, die Diesel kommen auf Touren. Aufsitzen! Es geht Richtung Westen.

"Diese Straße hier führt in der Verlängerung Richtung Kundus."

An der Piste zwischen Masar i Sharif und Kundus liegt das Dorf Jangarek. Dort sollen die deutschen Polizisten mit militärischem Begleitschutz ein ziviles Aufbauprojekt unterstützen: Es geht um die schadhaften Wände und Fenster der Dorfmoschee von Jangarek, die für 2000 Euro renoviert werden soll. FDD-Einsatz wird das genannt – Focused District Development Mission. Geschützt vom Militär sollen westliche Polizisten zivile Projekte fördern, die örtliche Polizei unterstützen, Kontakt zur Bevölkerung knüpfen, um sich ein Bild über die Lage vor Ort machen zu können:

"Aber es geht auch um Kleinigkeiten wie zum Beispiel, dass man ein Radio vorbeibringt, damit hier die Nachrichten gehört werden können, so was haben wir dann das nächste Mal dabei."

"Winning the hearts and minds of the Afghan people", sagen die Strategen des Westens, die Herzen und Hirne der Afghanen gewinnen ... . Und da draußen, jenseits der Panzerung, liegt dieses heiße, steinharte Land mit seinen wasserlosen Gebirgen. Endlich – Jangarek: eine Ansammlung zusammengebackener Lehmbauten. Wie Waben kleben die Behausungen aneinander, kein Strom, kein Wasser, kein Mensch in den Gassen, nur ein paar Hühner. Die Bundeswehr-Dingos postieren sich auf dem Dorfplatz und auf einer Anhöhe. Von dort aus registrieren die MG-Schützen jede Bewegung, die sie im Sonnenglast ausmachen können. Das sei leider zur Eigensicherung nötig, sagt Polizeikommissar Meyer. Mit einem Mal lösen sich ein paar Gestalten aus dem Schlagschatten einer Mauer und gehen langsam über den Dorfplatz. Hagere, graubärtige Afghanen, die gepanzerten Europäern begegnen.

"Äh – wir wollen uns kurz vorstellen, wir wissen, dass hier dieses sozialbegleitende Projekt läuft, und das ist der Grund, warum wir hier sind."

Es ist eine Begegnung ohne Kontakt. Nur eine Armlänge trennt die Dorfältesten von denen, die da vorgefahren sind mit Panzerwagen und Maschinengewehren. Aber die Distanz ist so groß, die Fremdheit so abgründig, dass auch die kleinste Geste der Gastfreundschaft darin verschwinden muss. Der Dolmetscher dolmetscht, die Afghanen wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht, das FDD-Team spricht über Funk das weitere Vorgehen ab.

Jetzt haben die Afghanen verstanden. Es geht um ihre Dorfmoschee. Und um Geld, das die Fremden hier ausgeben wollen:

"Wir werden in den nächsten Tagen einen Kollegen von uns hier vorbeischicken, und dann wird der hier erst mal 500 Dollar bringen. Damit sie anfangen können. Und dann gibt es immer weiter Geld."

Darauf ziehen sich die Dorfältesten kurz zur Beratung zurück:

"Er sagt, wir haben hier keinen Brunnen. Wenn wir von diesem Geld hier einen Brunnen bohren."

"Also ich sag mal so ..."

Vielleicht werden sie einen Brunnen bohren oder die Moschee renovieren. Vielleicht müssen sie aber erst noch die Taliban fragen, die irgendwo da draußen in den Bergen sitzen. Und warten. Und viel mehr Zeit haben als die Fremden, die möglichst schnell wieder abziehen wollen aus Jangarek – und Afghanistan.

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