Samstag, 17.11.2018
 
StartseiteHintergrundMisswirtschaft und Dürre28.08.2004

Misswirtschaft und Dürre

Kenia droht eine Hungersnot

Ein heißer Vormittag in Masangaleni, der Wind weht über eine staubige, ja fast Wüste muss man sagen, Iris Krebber, Vertreterin der Welthungerhilfe in Kenia, dies ist einer der am schlimmsten betroffenen Flecken im Land?

Von Stefan Ehlert

Schulklasse in in Mombasa, Kenia (AP)
Schulklasse in in Mombasa, Kenia (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Ich denke schon. Von dem was ich gesehen habe mit Sicherheit.

Wen man sich umschaut ist alles braun, und doch sollten das Äcker sein. Was wächst hier, was wird angebaut?

Normalerweise wird, man frage sich warum, Mais angebaut, es werden die berühmten Kuherbsen angebaut, es werden Kichererbsen angebaut, man versucht anzubauen, aber es wächst sehr wenig auch in den besten Zeiten. Jetzt zurzeit wächst überhaupt nichts.

Zwei Stunden Fahrt weiter südlich liegen die Menschen in Mombasa am Strand, zwei Stunden Fahrt weiter in den Norden, dort ist die Hauptstadt Nairobi, wo man Essen kaufen kann. Hier auf diesem Marktplatz, der wirklich einer der schäbigsten ist, die ich in Afrika bisher gesehen habe (…) werden ein paar kärgliche Kartoffeln feilgeboten, ein paar Tomaten und Zitronen.

When was the last harvest?
Frau: Last year.
What is growing on your shamba this year?
There is nothing, nothing. There is just soil, even there is no grass.
Are you starving?
It is just little to save my life.


Ein Jahr liegt die letzte Ernte zurück, berichtet die Marktfrau Damares Ndunga. Sie hat acht Kinder zu versorgen. Ihre Tomaten und Kartoffeln müssen von weit her angefahren werden und sind für die meisten ihrer Nachbarn unerschwinglich. Die Menschen leben von dem was sie anbauen. Aber in diesem Jahr wächst noch nicht einmal das Gras. Das aber heißt: auch das Vieh findet kein Futter. Die Lage im Distrikt Makueni mitten in Kenia ist verzweifelt. In fünf der acht Provinzen Kenias leben Menschen wie Damares Ndunge am Rande des Abgrunds. Es sind insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen in Kenia akut vom Hunger bedroht, schätzen die Vereinten Nationen. Hundert Millionen Dollar sind nötig, um zu helfen.

Was, sie wollen meinen Kornspeicher sehen? Da ist doch nichts drin, schimpft eine Greisin, die wir vor ihrer Lehmhütte antreffen. Nicht einmal einen Schluck Wasser hat sie in ihrem Tonkrug, der nächste Fluss ist aber zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Dorthin schickt sie ihre Enkelinnen, die das verschmutzte Wasser herbeischleppen. Oft genug werden Kinder von den Krokodilen gefressen, die am Flussufer auf Beute lauern. Wir fragen einen kleinen Jungen, wann er zum letzten Mal gegessen hat.

Yesterday.

Gestern. Mittags. Ein bisschen Maisbrei gab es, Ugali, das ohne jeden Nährwert ist. 24 Stunden ist das jetzt her, und der kleine Mwendu ist keine Ausnahme. Er ist etwa einen Meter 20 groß, dünn, zerlumpt. Wie alt? Schätzungsweise sieben acht Jahre. Doch der Augenschein trügt:

15 years.

Er sei 15, sagt der Junge. Fast alle Kinder in dieser Gegend scheinen zu klein zu sein für ihr Alter. Chronisch unterernährt, am Ende ihrer Kräfte, der nächste Durchfall wird sie umbringen. Die Statistiken sagen aus, dass schon heute ein Drittel der unter Fünfjährigen in Kenias Hungerdistrikten unterernährt ist und Hilfe braucht. Die es nicht gibt.

Ein paar Kilometer weiter in dem Dorf Chiumani steht Elisabeth Mateka vor ihrem Laden und unterhält sich mit einem Verehrer. Aus dem benachbarten Friseursalon dringt Musik herüber, aber die Stimmung ist keineswegs fröhlich. Die Regale in Frau Matekas Laden sind so gut wie leer und keine Kundschaft ist in Sicht. Wie läuft das Geschäft, wollen wir wissen?

Schlecht läuft das Geschäft. Manche Leute haben noch Geld, um Essen zu kaufen, aber nur, weil sie ihr Land verkauft haben. Das bedeutet, sie haben sich ihrer Lebensgrundlage beraubt, nur um zu überleben.

They have already sold everything most of the people.

Die meisten haben schon alles verkauft. Und wer noch Land besitzt, der wartet auf den kommenden Regen, im November. Was wird, wenn auch diese Regenzeit ausfällt so wie beiden vorherigen?

Viele Leute werden sterben. Das ist nicht lustig, aber ich muss einfach lachen, sagt die Verkäuferin. Es ist oft so in Afrika. In besonders ausweglosen Situationen lachen die Leute, um die innere Spannung abzubauen. Hier im Makueni-Distrikt ist die Lage wirklich ausweglos. Dazu Ton Iris Krebber:

Stimmt. Auch in den besten Zeiten geht es den Leuten nicht sonderlich gut. Die, die sie hier sehen, sind Mütter mit kleinen Kindern, alte Frauen und ein paar alte Männer. Diese Menschen haben nichts wo sie hingehen können – das heißt sie leben hier und sie werden wahrscheinlich in nicht allzu langer Zukunft hier sterben.

Wie immer in Dürrezeiten, sind die Preise für Mais, Reis oder Linsen drastisch nach oben geschnellt, gleichzeitig ist das wenige Vieh nicht mehr viel wert, da jeder seine Kühe oder Ziegen verkauft, um Bargeld für Essen zu haben. Und als wären die Folgen der Dürre nicht schon ausreichend, um die Menschen zur Verzweiflung zu bringen, hat nun auch noch ein tödlicher Schimmelpilz die wenigen Vorräte aus dem Vorjahr vernichtet.

Aflatoxin ist ein Schimmel, der in dieser Gegend die Maisvorräte 80 – 100 prozentig dezimiert hat. Und es sind nach Angaben der Kliniken mindestens 80 bis 120 Menschen umgekommen. Wir denken die Zahl liegt 4 Mal drüber, weil viele Menschen die Symptome nicht erkennen und nicht ins Krankenhaus gehen.

Der Teufel macht immer auf den größten Haufen – da, wo sowieso schon Mangel herrscht, da vernichtet er auch noch die wenigen Vorräte. In ihrer Verzweiflung gehen viele junge Frauen zur Mombasa Autobahn, sagt der Gesundheitsexperte James Curtis, er arbeitet für eine kleine Hilfsorganisation namens Act Now:

Der Hunger verschlechtern die HIV-Aids-Situation überall. Die Leute müssen sich etwas einfallen lassen, um Geld aufzutreiben. Wir haben hier die Hauptstraße, die etwa 15 bis 20 Kilometer weit weg ist. Kinder und junge Frauen werden von ihren Familien weggeschickt um Essen zu suchen. Und natürlich ist eine der Aktivitäten die kommerzielle Sexarbeit.

Prostitution. Die Trucker am Highway aber auch die Wanderarbeiter der Strabag-Autobahn-Baustelle an der Straße nach Mombasa – sie missbrauchen die Dürreopfer als billige Prostituierte, sie bekommen oft nicht mehr als umgerechnet 40 Cent für ihre Dienste. Das reicht für ein Kilo Maismehl. Das reicht, um sich mit Aids zu infizieren. Die Aidskranken aber sterben umso schneller, je schlechter die Ernährung ist. James Curtis:

Je weniger Essen, desto schneller siechen die Kranken dahin.

Für ihre Nothilfe hatte die Welthungerhilfe im Vorjahr rund 90 Millionen Euro zur Verfügung und ihre Mitarbeiter waren in 39 Ländern im Einsatz. In Afrika stechen vor allem die spektakulären Einsätze im Ostkongo und in Sudans Krisenregion Darfur hervor, weil die Arbeit dort lebensgefährlich sein kann. In Kenia aber hat die Welthungerhilfe im Jahr nur eine halbe Million Euro, um die Not der Menschen zu lindern. Immerhin, eine halbe Million Euro. Und seit sechs Jahren arbeiten Iris Krebber und ihre 17 Kollegen im Landkreis Makueni. Frage an Iris Krebber, was haben sie die Jahre über in diesem Hungergebiet gemacht?

Wir haben eine Menge Trinkwasserstrukturen geschaffen. Wir haben in der vergangenen Dürre sehr viel food for work gmacht- alternative Landwirtschaft, aber wenn sie schauen: 700.000 Menschen leben hier. Alle sind bedürftig. Wenn ich einen Wassertropfen in die Wüste gebe, versickert der, bevor ich ihn überhaupt gesehen habe.

Die letzte Dürre liegt erst drei Jahre zurück, das heißt, die Menschen und ihr Viehbestand haben sich davon noch nicht erholt. Damals hat die Welthungerhilfe Nahrungsmittel gegen Arbeitsleistung ausgegeben – food for work heißt dieses Konzept. Die Menschen, soweit noch bei Kräften, haben Wassertanks angelegt und Erdspeicher. Aber was helfen die Speicher, wenn es ein Jahr lang nicht regnet. Bohrlöcher sind teuer, bis zu 150 Meter tief müssen sie sein, und fördern doch oft nur salziges ungenießbares Wasser zu Tage.

Den Menschen in Makueni – sie gehören zur Minderheit der Kamba-Ethnie – ist langfristig nur mit massiven entwicklungspolitischen Maßnahmen zu helfen. Doch Kenias Regierung ist schon mit der Nothilfe in Dürrezeiten überfordert. Bislang wurden kaum Lebensmittel ausgegeben Eine junge Kamba erzählte, sie habe drei Kilo Maismehl bekommen. Zweimal in den vergangenen vier Wochen. Sie hat aber 20 Mäuler zu stopfen in ihrer Hüttensiedlung.

Kenias Regierung hat sich jetzt gemeinsam mit den Vereinten Nationen und zahlreichen Hilfsorganisationen an die Weltpresse gewandt – mit der Bitte um Hilfe. Rund 100 Millionen Dollar sind nötig, um die mehr als zwei Millionen Dürreopfer in Kenia bis zur nächsten Ernte am Leben zu erhalten. Wenn es denn eine Ernte gibt, das hängt von der kommenden Regenzeit im November ab. Alle waren sie erschienen zu diesem Flash Appeal, dem Blitzappell, wie der internationale Notruf genannt wird. Alle waren sie erschienen, Unicef und das Welternährungswerk, die Europäische Kommission, die Caritas, World Vision und zahlreiche andere. Wer fehlte, das war der zuständige kenianische Minister für besondere Angelegenheiten, Njenga Karume. Er kann sowieso kein Englisch und auch in der Landessprache Kisuaheli sei er nicht in der Lage, mit Journalisten umzugehen, hieß es in Kenias Hauptstadt Nairobi. Offiziell war der Minister durch eine Kabinettssitzung verhindert, aber auch sein Stellvertreter Wilfried Machage konnte auf wesentliche Fragen keine Antwort geben. Was wurde aus Kenias Rekordernte aus dem Jahr 2003? Und was sagen Sie zu den Schiebereien mit Getreide, wie sie zurzeit stattfinden?

Wir haben mehreren Ländern ausgeholfen. Letztes Jahr gab es eine Dürre in Tansania wo wir geholfen haben. Ich hoffe, ich habe ihre Frage damit beantwortet.

Nein, die Frage nach den schmutzigen Geschäften mit Getreideüberschüssen, die hat er nicht beantwortet. Experten, die natürlich nicht genannt sein wollen, sagen: Kenia hat einen Teil seiner strategischen Reserven verkauft. Und dabei hat jemand seinen Schnitt gemacht. Und jetzt muss Kenia für teures Geld Getreide einkaufen, um die leeren Lager für die mehr als zwei Millionen Hungernden zu füllen. Dabei zahlt das Land weit mehr als den Weltmarktpreis, der zwischen 205 und 180 Dollar pro Tonne schwankt. 229 Dollar zahlt Kenia, pro Tonne Mais beträgt der Preis-Unterschied bis zu 49 Dollar. Auch hierbei, das steht zu vermuten, wird sich jemand den Zuschlag bezahlen lassen und sich die Taschen voll stopfen. Auf Kosten der Steuerzahler, aber vor allem auf Kosten der hungernden Bevölkerung, die nicht ausreichend versorgt werden kann.

Beim Regierungswechsel Ende des Jahres 2002 wurde Kenias neue Regierung unter Präsident Mwai Kibaki weltweit überschwänglich begrüßt. Deutschland beispielsweise verdoppelte seine Entwicklungshilfe auf 25 Millionen Euro im Jahr, Kanzler Schröder flog nach Nairobi und lobte Kenias neue Regierung. Wenige Monate später ist das Land erneut bei den Geberländern in Ungnade gefallen. "Sie fressen sich voll in ihrer Gier und glauben, wir merken es nicht, wenn sie uns in Folge ihrer Gefräßigkeit auf die Schuhe kotzen", schimpfte Großbitanniens Botschafter Edward Clay. Öffentlich. "Wie sollen wir unseren Steuerzahlern erklären, dass wir ihr Geld an Kenia geben, nur damit Sie Mercedes fahren und sich die Taschen voll stopfen können", rief Clay einigen Ministern zu. Es war eine wenig diplomatische und wenig feierliche Ansprache aus Anlass des Geburtstags von Königin Elisabeth. Seitdem herrscht dicke Luft zwischen Kenias Regierung und den Europäern. Beispiel: Der deutsche Botschafter Bernd Braun hatte mehrere Minister zu einem feierlichen Dinner eingeladen. Sie sagten zu - und ließen ihn einfach sitzen. Der ausufernde Dilettantismus der neuen Regierung und die noch immer grassierende Korruption im Land machen Kenia zu einem schwierigen Partner. Das fördert nicht gerade die Spendenfreude, sei es die der Regierungen oder die der Privatleute.

Der Koordinator der Vereinten Nationen in Kenia, Andre de la Porte, hat die Aufgabe, in der derzeitigen Notsituation alle Hilfsorganisationen an einen Tisch zu bringen. Er warnte Kenias Regierung davor, die Folgen der Korruptionsskandale zu unterschätzen:

Es könnte schädlich sein, wenn die Gebergemeinde den Eindruck gewinnt, sie wollten von Vorwürfen über Missmanagement lediglich ablenken. Korruption ist eine Sache, die angepackt werden muss.

Und die Journalisten beschwor der UNO-Funktionär, sich nicht durch die Korruptionsskandale von der Not der Menschen ablenken zu lassen.

Wenn Sie irrtümlich glauben sollten, dies sei kein wirklicher aufrichtiger Appell im guten Glauben, dann könnten wir uns in den kommenden Monaten auf sehr gefährliches Gebiet zubewegen.

Sprich: Zehntausende Menschen könnten Hungers sterben, wenn nicht bald Hilfe kommt. Aus dem Ausland.

Kenia kümmert sich um die Korruption, das sollte man der Regierung zu Gute halten und wir sollten uns darum keine Sorgen machen.

Damit wischt der Ministervertreter Machage alle Vorwürfe vom Tisch. Was soll er auch sagen? Die hungernden Menschen ob bei den Kamba in Makueni oder die Nomaden in Turkana – sie können nicht warten, bis der aufgeblähte Regierungsapparat in ihrer Hauptstadt endlich zu funktionieren beginnt. Am Ende wird die Notversorgung wieder bei den Vereinten Nationen hängen bleiben, doch die sind schon jetzt mehr als überlastet mit den Krisen dieser Welt. Andre de la Porte:

Wenn es um Katastrophen geht, dann steht Kenia nicht an erster Stelle. Nur um mal ein paar jüngere Beispiele zu nennen: 628 Menschen wurden getötet und 30 Millionen verloren im Juli ihr Heim, als zwei Drittel von Bangladesh überflutet wurden. Im Sudan sind 1,2 Millionen Menschen, terrorisiert von den Janjaweed-Milizen aus ihren Häusern geflüchtet und überleben nun in notdürftigen Camps. Und Mauretanien bekämpft die größte Heuschreckenplage südlich der Sahara in mehr als zehn Jahren.

Und dann wären da noch der Kongo, Angola oder Ugandas fast zwei Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge, nicht zu vergessen Irak oder Afghanistan. Es fehlt der UNO einfach das Geld, um den Menschen in Kenia zu helfen. Kommt die Hilfe aber nicht bald, so warnen alle Hilfsorganisationen, dann ist es zu spät. Zeigen sich die für Fernsehsender so attraktiven Hungerbäuche der Babies und Kleinkinder – dann ist das große Sterben nicht mehr zu stoppen. Und das im Urlaubs- und Safari-Land Kenia.

Die Lage spitzt sich zu, aber die Welt hört davon nicht besonders viel. Dürre, Hunger in Afrika ist nicht besonders sexy. Das hat man zig mal gehört.
Für 30 Euro könnte man ein Schulkind in Kenia ein ganzes Jahr lang ernähren. Einer, der das am besten weiß steht in diesen Tagen ganz besonders im Rampenlicht. Kenias Marathon-Weltrekordhalter Paul Tergat. Vor 30 Jahren wäre er beinahe verhungert.

Schulspeisung bekam der Hungerhaken Paul Tergat als Kind. Heute ist er ehrenamtlicher UNO-Botschafter gegen den Hunger. Und er hat gute Aussichten, die olympische Goldmedaille im Marathon zu gewinnen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk