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StartseiteHintergrundMit 50 zum alten Eisen23.02.2005

Mit 50 zum alten Eisen

Warum deutsche Unternehmen wenig Ältere beschäftigen

<strong>Die Gesellschaft wird immer älter. Schon 2050 werden in Deutschland mehr als die Hälfte der Bürger älter als 48 Jahre sein. Doch heute haben Menschen über 50 kaum noch Ausichten auf dem Arbeitsmarkt. Ältere Arbeitnehmer seien unflexibel, nicht belastbar und unrentabel, lauten die gängigen Vorurteile der Unternehmen. Doch das Problem liegt vor allem bei der Einstellung der Wirtschaft gegenüber älteren Arbeitnehmern.</strong>

Von Annamaria Sigrist

Jobsuche mit über 50: fast aussichtslos (AP)
Jobsuche mit über 50: fast aussichtslos (AP)
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Ich habe das Gefühl, dass das Alter immer eine Rolle gespielt hat, und dass die vordergründige Erfahrung die ist, dass die Arbeitgeber sich vorstellen, dass es mit Jüngeren leichter ist zusammenzuarbeiten. Ich denke, es ist ein Teil unserer heutigen gesellschaftlichen Einstellung. Also Jugendkult, Fitness und Fun und all diese Dinge sind ‚in’. Mit Sicherheit haben die schöne Anteile. Aber diese Verbindung jetzt zur Arbeit herzustellen, verstehe ich persönlich nicht.

Albert Schmitz, arbeitslos, 56 Jahre, gelernter Bankkaufmann und Orthopädie-Mechaniker. Sein Name ist geändert, denn er hat Angst, wegen seiner Offenheit nie mehr Arbeit zu finden. Albert Schmitz ist frustriert, weil er das Gefühl hat, nicht mehr gebraucht zu werden.

Zunächst einmal sucht man die Schuld bei sich. Man fällt in ein Loch, hat das Gefühl, ich habe alles falsch gemacht. Ich mache das nicht richtig. Bei den anderen funktioniert das, bei mir nicht.

In seiner beruflichen Karriere hatte Albert Schmitz schon viele Höhen und Tiefen. 20 Jahre lang arbeitete er als Bankkaufmann. Dann entschloss er sich, den Beruf zu wechseln. Er ließ sich zum Orthopädie-Mechaniker ausbilden, war dann einige Jahre in einem Sanitätshaus angestellt.

Doch die Geschäfte liefen nicht gut, er verlor seinen Job. Zwei Jahre lang hatte er sich überall beworben - ohne Erfolg. Schließlich versuchte er es im Alter von 55 Jahren mit einer Ich-AG. Doch bald musste er erkennen, dass sein "Home-Service" sich nicht rechnete. Die Idee war, jungen Müttern bei Bedarf Milchpumpen zu liefern. Die Krankenkassen zahlten ihm für diesen Service zu wenig - er musste aufgeben. Aber er ließ sich nicht runterkriegen - und bewarb sich immer wieder.

Ich habe mich bemüht, die Anzeigen ständig zu verfolgen, um zu sehen, was am Arbeitsmarkt angeboten wird. (…) Ich habe auf solche Anzeigen reagiert, ich habe angerufen, Bewerbungen geschrieben, ich habe das Internet eingesetzt, mich also bemüht herauszufinden, wo Möglichkeiten sind. Habe mich initiativ beworben, sehr viel telefonisch...

Albert Schmitz ist kein Einzelfall. Er gehört zu den fast 1,1 Millionen Arbeitslosen in Deutschland, die älter sind als 50 Jahre. Die Aussichten, in dem Alter noch einen Job zu finden, sind sehr gering. Nach einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beschäftigt nur die Hälfte aller Unternehmen Mitarbeiter über 50. Insgesamt sind in Deutschland nur 39 Prozent der 55- bis 64-Jährigen noch im Beruf - also etwas mehr als ein Drittel. Im Vergleich zum Ausland ist das wenig. In Großbritannien beispielsweise sind es 55 Prozent, in Schweden sogar 69 Prozent.

Ein wichtiger Grund, weshalb so wenig Ältere beschäftigt sind, ist die Frühverrentung. Hartmut Buck vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart:

Viele Unternehmen haben Personalabbau auch über die Inanspruchnahme von Altersteilzeit oder Vorruhestandsregelung durchgeführt. Und das hat dann vorrangig ältere Beschäftigte in den Unternehmen betroffen.

Die Möglichkeit, sich vorzeitig in Rente schicken zu lassen, hatte in den achtziger Jahren der frühere CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm geschaffen. Er verlängerte damals die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes von 12 auf 32 Monate. Damit konnten Unternehmen ältere Arbeitnehmer Kosten sparend loswerden, oft auch mit dem Einverständnis der Mitarbeiter und der Gewerkschaften.

Mit dem Arbeitslosengeld wurde so die Zeit bis zum Eintritt in die Rente elegant überbrückt. Im Zuge der Agenda 2010 soll diese Möglichkeit der Frühverrentung abgeschafft werden, allerdings erst 2006. Bis dahin werden die Unternehmen weiterhin diese Möglichkeit nutzen, Ältere relativ einfach auf die Straße zu setzen. Selbst Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sieht das inzwischen kritisch:

Wir haben in der Vergangenheit alle miteinander den Fehler der zu starken Frühverrentung begangen: Politik, Wirtschaft, auch die Gewerkschaften. Es ist diesbezüglich ein Paradigmenwechsel eingetreten. Aber die Erfolge sind noch nicht ausreichend.

Das Problem vorzeitiger Ruhestand ist das eine. Dass aber nur etwas mehr als ein Drittel aller über 50-Jährigen überhaupt noch arbeitet, liegt auch an der grundsätzlichen Einstellung vieler Arbeitgeber. Albert Schmitz hat es immer wieder selbst bei seinen Bewerbungen erlebt: Er wurde für zu alt befunden und wurde deshalb nicht eingestellt. Generell setzen viele Arbeitgeber auf jüngere Mitarbeiter. Hartmut Buck vom Fraunhofer Institut:

Solange wir eine Arbeitsmarktsituation haben, wie sie heute gegeben ist mit hoher Arbeitslosigkeit, und ich kann zwischen mehreren Arbeitnehmern gleicher Qualifikation auswählen, dann werde ich den Jüngeren bevorzugen, dem ich mehr Leistungsfähigkeit zutraue.

Hanne Schweitzer vom "Büro gegen Altersdiskriminierung" in Köln studiert regelmäßig die Stellenanzeigen. Ganz eindeutig wird darin überwiegend nach jüngeren Menschen gesucht.

Da braucht man sich nur mal die Stellenangebote in der FAZ durchzulesen. (...) Jedes zweite Stellenangebot ist mit einer Altersangabe versehen, entweder einer direkten, wo dann also steht - Bewerber bis 45 - oder einer indirekten: Wir suchen Leute für ein junges Team. Da weiß man ja auch schon, dass man sich mit 40 schon nicht mehr zu bewerben braucht. (…) Diese Beispiele findet man auch auf den Internetseiten des Arbeitsamtes, wo Stellenausschreibungen mit Altersangaben versehen sind.


Doch dass Ältere weniger leistungsfähig als Jüngere sein sollen, lässt sich, so Hartmut Buck, durch Untersuchungen nicht belegen.

Was man aus wissenschaftlicher Sicht sagen kann ist, dass es keine biologischen Grunddaten oder Studien gibt, die von einem generellen Abfall der Leistungsfähigkeit bis 65 ausgehen, der für die Arbeitsplätze relevant wäre. Was man allerdings sehen muss, dass je nachdem, unter welchen Arbeitsbedingungen ich in der Vergangenheit gearbeitet habe, wenn die mit großer Monotonie, d.h. sehr eintönigen und einseitigen Belastungen einherging, dass ich dann irgendwann in Leistungsdefizite reinkomme, aufgrund von chronisch werdenden gesundheitlichen Belastungen. Dann ist es aber nicht eine biologische Frage, sondern die Frage, wie sind die Arbeitsbedingungen der vergangenen Jahre gestaltet gewesen.

Einen Weg aus der Misere sieht Hanne Schweitzer in einem Gesetz gegen Altersdiskriminierung:

Es muss einfach den Leuten die Möglichkeit gegeben werden, wieder den aufrechten Gang zu üben. Denn wenn ich eine Arbeit suche und lese Stellenanzeigen, dann kriege ich ja mit jeder Stellenanzeige, wo eine Altersangabe drinsteht und die ich überschritten habe – praktisch eine auf den Kopf gedonnert (…). Dadurch verliere ich mein Selbstbewusstsein. Darum muss das gesetzlich geregelt werden.

Tatsächlich hat die rot-grüne Koalition erst kürzlich einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt. Damit sollen Benachteiligungen wegen des Alters, aber auch der Rasse, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung oder der sexuellen Identität generell verhindert werden. Mit dem Gesetz will die Bundesregierung eine Richtlinie der Europäischen Union umsetzen, die schon längst in das deutsche Recht hätte übernommen werden müssen. Wahrscheinlich wird das so genannte Antidiskriminierungs-Gesetz noch in diesem Jahr in Kraft treten.

Um grundsätzlich Ältere wieder besser in Arbeit zu bringen, hatte im Herbst 1999 die Bundesanstalt für Arbeit, wie sie zu dem Zeitpunkt noch hieß, eine Kampagne gestartet mit dem Namen "50 plus - die können es". Über Zeitungsanzeigen, Broschüren und Internet sollten Arbeitgeber überzeugt werden, dass Teams mit gemischten Altersgruppen Vorteile bringen. Der Erfolg war mäßig. Im Jahr 2002 lief die Kampagne aus und wurde nicht verlängert.

Stattdessen versucht die heutige Bundesagentur seitdem mit einer Reihe von Anreizen, Ältere wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern. So können befristete Verträge leichter abgeschlossen werden, die Arbeitsämter zahlen Eingliederungszuschüsse oder fördern die Weiterbildung für Arbeitnehmer ab 50 in den Betrieben. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt wertet dies aus Sicht der Unternehmer positiv:

Wir haben einige Voraussetzungen für die Einstellung älterer Menschen geschaffen - ich denke etwa an die Senkung der Altersgrenze für erleichterte befristete Beschäftigungsverhältnisse oder auch die Befreiung der Arbeitgeber vom Beitrag der Arbeitslosenversicherung bei Einstellung von Arbeitslosen über 55 Jahren. Insgesamt müssen aber, um mehr Ältere zu beschäftigen, unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden.

Doch die werden sich in naher Zukunft nicht so schnell ändern. So sieht das auch Hartmut Buck vom Fraunhofer Institut:

Bei offiziell 4,6 Millionen Arbeitslosen habe ich natürlich eine relativ hohe Konkurrenz. (…) Es ist ökonomischer und effizienter, wenn ich die, die bessere Vermittlungschancen haben, sprich Jüngere oder Mittelalte vermittle, als wenn ich viel Aufwand treiben muss, um einen Älteren noch mal in Arbeit zu bringen. (…) Es ist eigentlich eine ökonomische Betrachtung.

Bisweilen treiben die Förderprogramme der Agentur für Arbeit aber auch Blüten. So können Arbeitgeber zum Beispiel Eingliederungszuschüsse erhalten, wenn sie Arbeitslose einstellen. 12 Monate lang übernimmt dann das Arbeitsamt die Hälfte des Lohnes. Für Arbeitnehmer, die das 50. Lebensjahr vollendet haben, kann dieser Zuschuss bis zu 36 Monate lang gezahlt werden.

Was in dem Fall für Arbeitgeber attraktiv ist, wurde Albert Schmitz zum Verhängnis. Als er nämlich nach monatelanger Jobsuche schließlich in einem Sanitätshaus angestellt wurde, war schon bald klar: Der Arbeitgeber wollte lediglich vom Lohnkostenzuschuss der Arbeitsagentur profitieren. Nach einem halben Jahr Probezeit wurde Albert Schmitz wieder entlassen.

Die seriöse Einstellung, die war eigentlich gar nicht gewollt. Es war gewollt, im Rahmen einer Probezeit arbeiten zu lassen und dann auch die Möglichkeit, die das Arbeitsamt bietet, in Anspruch zu nehmen. Und ich bin auch schon bei einem Sacharbeiter, dem ich dann die Erfahrung geschildert habe, sehr überrascht gewesen, dass der sich geäußert hat: Ja, da sind sie aber ganz schön - Entschuldigung - verarscht worden, wortwörtlich.

Den Sachbearbeitern beim Arbeitsamt ist nur zu klar, dass die gesetzlichen Regelungen von Arbeitgebern oft ausgenutzt werden. Sie sind aber hilflos. Albert Schmitz zitiert seinen Sachbearbeiter von damals:

Ja, wir wissen, dass das missbraucht wird, es gibt diese Möglichkeiten und es wird natürlich von den Arbeitgebern genutzt – wir versuchen auch so viel wie möglich Missbrauch zu verhindern. Aber es geschieht eben. Also das hat mir nicht sehr genutzt in dieser Situation.

In jüngster Zeit wird viel über die Lockerung des Kündigungsschutzes diskutiert als ein Mittel, wieder mehr Menschen in Arbeit zu bringen. Angestoßen wurde die Diskussion von Wirtschaft und Forschung. Würde der Kündigungsschutz gelockert, hätten Arbeitgeber die Möglichkeit, Mitarbeiter leichter einzustellen, sie bei Bedarf aber auch wieder problemlos zu entlassen, so die These.

Tatsächlich ist es heute für einen Unternehmer sehr schwer, einem Mitarbeiter zu kündigen. Will er es dennoch tun, muss er sehr gewichtige betriebliche oder persönliche Gründe anführen. Was folgt, sind in der Regel langwierige Gerichtsprozesse. Aus Angst vor diesen Hürden überlegen sich viele Arbeitgeber hierzulande sehr genau, ob sie neues Personal überhaupt einstellen.


CDU und CSU propagieren schon lange die Lockerung des Kündigungsschutzes. So hat der CDU-Parteitag in Düsseldorf Anfang Dezember unter anderem beschlossen, dass Kündigungsschutz bei Neueinstellungen erst bei Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern greifen soll. Auch die Arbeitgeber sähen den Kündigungsschutz gern gelockert. Sie glauben, damit könne mehr Beschäftigung auch für Ältere geschaffen werden. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt:

Wir benötigen eine generelle Reform des deutschen Kündigungsschutzes. Dieser Kündigungsschutz ist eine echte Beschäftigungshürde, sowohl für Jüngere als insbesondere auch für ältere Menschen. Wir müssen hier Lockerungen erreichen, um Arbeitslose leichter wieder in den Arbeitsprozess integrieren zu können.

Die Bundesregierung will an der bisherigen Regelung festhalten: Seit Januar 2004 gilt der Kündigungsschutz für Betriebe ab zehn Mitarbeitern, vorher galt er schon ab einer Betriebsgröße von nur fünf Angestellten. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement:

Wir fangen nicht alle paar Monate die Diskussion über Kündigungsschutz an. Da mag diskutieren wer will. (…) Wir wollen nach vorne kommen, der Kündigungsschutz gehört nicht zu den Themen, an denen wir Veränderungen vornehmen. Die Bundesregierung wird dafür keinen Vorschlag machen, das heißt jeder kann sich darauf verlassen, es wird keine Veränderung geben.

Ob eine Lockerung des Kündigungsschutzes überhaupt zu mehr Beschäftigung führt, ist unter Politikern und Wissenschaftlern ohnehin umstritten. Hartmut Buck vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation:

Was man sagen muss, dass nirgendwo quantifiziert wird, welchen Effekt solche Maßnahmen denn bringen könnten. Da äußert sich niemand zu. Und die Studien, die es gibt: z.B. von der OECD gab es eine 1999 - die konnten einen Zusammenhang zwischen Senkung des Kündigungsschutzes und der Senkung der Arbeitslosigkeit nicht herstellen.

Entscheidend für die Arbeitslosen über 50 ist viel eher, dass die Arbeitgeber ihre Einstellung gegenüber den älteren Mitarbeitern verändern. Sie müssen sehen, welche Potentiale ihnen eigentlich entgehen, wenn sie nur auf junge Mitarbeiter setzen. Denn meist sind die Älteren hoch qualifiziert und haben viel Berufserfahrung.

Spätestens in ein paar Jahren werden die Unternehmen nicht umhinkommen, sich auch um die Älteren im Betrieb zu kümmern. Denn durch den Geburtenrückgang wächst der Anteil der Älteren in Deutschland stetig - und zugleich nimmt die Konkurrenz durch Jüngere ab. Die Zahlen sind alarmierend: Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2050 mehr als die Hälfte der Bürger 48 Jahre oder älter und ein Drittel der Bevölkerung sogar über sechzig sein. So schätzt auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, dass sich der Arbeitsmarkt für die Älteren, langfristig gesehen, verbessern wird.

Zunächst bin ich überzeugt, dass die heute schon klar vorhersehbare weitere demographische Entwicklung zu tief greifenden Veränderungen unseres Arbeitsmarktes führt. Selbst bei einem positiven Zuwanderungssaldo wird das Arbeitskräftepotential in den kommenden Jahren deutlich schrumpfen. Und deshalb wird es erforderlich sein, bisher nicht genutztes oder zu wenig genutztes Arbeitskräftepotential, damit insbesondere auch die Arbeitskraft Älterer, verstärkt zu nutzen.

Es gibt bereits jetzt schon einige Unternehmer in Deutschland, die gezielt Ältere einstellen und damit sehr gute Erfahrungen machen. Hartmut Buck vom Fraunhofer Institut:

Es gibt das Beispiel von der Firma Fahrion in Kornwestheim. Der Unternehmer wollte junge Ingenieure einstellen, und die waren im Stuttgarter Raum schwer zu bekommen. Dann hat er eine Ausschreibung für ältere erfahrene Ingenieure gemacht und 600 bis 700 Bewerbungen bekommen. Und von denen hat er dann einige eingestellt und nur gute Erfahrungen gemacht, was schnelle Einarbeitung, Kompetenz, Selbständigkeit und Motivation angeht.

Die Firma Rosendahl Energietechnik GmbH in Krefeld ist ein anderes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, ältere Mitarbeiter einzustellen. Erst vor etwa zehn Jahren gegründet, vertreibt die Firma Elektronik für Solartechnik und ist damit weltweit Marktführer. Geschäftsführer Reiner Rosendahl, selbst 48 Jahre alt, schätzt die fachliche Qualität seiner älteren Mitarbeiter. Er ist sich sicher: Ohne ihre Kompetenz und ihren Einsatz würden die Geschäfte nicht so erfolgreich laufen.

Ein Mensch im vorgerückten Alter hat natürlich eine Reihe von Lebenserfahrungen gemacht und lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen von einzelnen Ereignissen, die so tagtäglich im Geschäft passieren. Er ist da viel ausgeglichener und kann da auf seine Lebenserfahrung zurückgreifen. Eine zweite Sache, die sehr positiv ankommt, ist die verbindliche Ausstrahlung dem Kunden gegenüber, die ein junger Mensch sicherlich nicht so hat - fehlt ihm einfach aufgrund der fehlenden Lebensjahre.

Das Vorurteil, Ältere seien unflexibel, nicht belastbar und unrentabel, hält Reiner Rosendahl für falsch:

Ich meine, fast genau das Gegenteil ist der Fall. Weil diese älteren Mitarbeiter ihre Lebensplanung auf ein gewisses Niveau gebracht haben. Zum Beispiel ein älterer Mensch gründet keine Familie, er baut sich nicht sein eigenes Haus wie ein jüngerer Mitarbeiter. (…)Bei den älteren Mitarbeitern ist dies alles schon in geregelten Bahnen, so dass sie zeitlich gesehen dem Betrieb sogar noch mehr zur Verfügung stehen als jüngere Mitarbeiter.

Nicht unbedingt aus sozialem Verantwortungsbewusstsein hat Reiner Rosendahl Ältere eingestellt, sondern weil sie für sein Unternehmen profitabel sind. So auch Manfred Püplichhuisen, der vor drei Jahren mit 57 in seinen Betrieb kam und im Vertrieb arbeitet. Der übernahm die Betreuung eines schwierigen, cholerischen Geschäftsführers eines Elektrogroßhandels in Süddeutschland. Innerhalb kürzester Zeit konnte Manfred Püplichhuisen das Vertrauen des Kunden gewinnen, der vom Alter her sein Sohn hätte sein können. Es kam bald schon zu Vertragsabschlüssen. Zu guter Letzt wurde Manfred Püplichhuisen sogar zur Hochzeit dieses Geschäftsführers eingeladen - als Trauzeuge!

Manfred Püplichuisen hatte sich bei seiner Jobsuche damals vor drei Jahren nicht herunterkriegen lassen und fest an sein Leitmotiv geglaubt.

Ein junger Mensch hat mir mal gesagt: Wenn Du kämpfst, kannst du verlieren, aber wenn du nicht kämpfst hast du schon verloren.

Manfred Püplichhuisen hatte Glück und den Kampf gewonnen. Die meisten Arbeitslosen über 50 aber haben kaum mehr Aussicht, einen Job zu finden. Albert Schmitz macht sich weiterhin große Sorgen um seine Zukunft. Seit Januar greift Hartz IV und seitdem bekommt er das so genannte Arbeitslosengeld II, nämlich 345 Euro im Monat, zuzüglich Mietzahlung.

Ich weiß (auch) nicht, wie man seriös von 345 Euro leben kann. Ich bin dabei, mich darauf einzustellen. Ich habe alle Versicherungen gekündigt. KW: Ich habe noch aus der Ich-AG das Auto, das muss (spätestens im Dezember) verkauft werden, weil ich nicht weiß, wovon ich das noch halten soll.

Berufliche Perspektiven sieht er kaum noch, wenn er einmal auf das Niveau der Sozialhilfe abgerutscht ist:

Ich glaube, dass es aus dieser Position noch viel schwieriger wird. Denn jetzt wird ja schon bei einer Bewerbungssituation ein Kriterium angesetzt: Wie bewirbt der sich, wie sieht der aus. Auch die finanzielle Situation beinhaltet, dass alles ganz anders aussieht und nicht mehr so perfekt dargeboten werden kann, wie es eigentlich sein soll - also nach dem Anspruch sein soll. Dann stelle ich mir schon die Frage, was es denn dann überhaupt noch für Chancen gibt.

Albert Schmitz fühlt sich in seiner Würde verletzt. Er will arbeiten und kann es nicht. Er würde sogar einen minder qualifizierten Job annehmen. Doch selbst da ist er bislang noch nicht fündig geworden. Albert Schmitz ist nicht allein: fast 1,1 Millionen Menschen über 50 sind in Deutschland in der gleichen Situation - viele fühlen sich ausgegrenzt, abserviert und abgeschrieben. Und bis viele Arbeitgeber den Sinneswandel vollzogen haben, Ältere anzustellen oder sie auch nur in ihren Betrieben zu halten, wird es für all diejenigen, die jetzt arbeitslos und über 50 sind, zu spät sein.

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