Freitag, 20. Mai 2022

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Mit Arsen gegen Leukämie

Genetik. - In Berlin ist gestern das internationale Treffen der Humangenom-Organisation, kurz HUGO zu Ende gegangen. Angetreten war das HUGO-Projekt der Humangenom-Entschlüsselung einst mit einem großen Versprechen. Therapien gegen komplexe Erkrankungen wie Krebs oder Bluthochdruck sollten mit dem Wissen über unser Erbgut besser, ja geradezu für jeden Patienten maßgeschneidert entwickelt werden. Heute müssen sich die Genomforscher vorhalten lassen, dass ihre Daten bislang wenig neue, geschweige denn auf einzelne Menschen zugeschnittene Therapien hervorgebracht haben. Dennoch kommt die Pharmaforschung mit Hilfe der Genomik voran, sogar in Ländern wie China.

Von Grit Kienzlen | 08.04.2004

Klaus Lindpaintner, Vizedirektor der Forschung bei der Schweizer Pharmafirma Roche war nach Berlin gekommen, um

Bescheidenheit anzumahnen: Pharmakogenetik, die spezifischere Verschreibungen von Medikamenten im Hinblick auf gewissen ererbte Eigenschaften auf Patienten, wird uns Vorteile bringen, aber sie wird nicht zu einer Revolution in der Heilkunde führen, sie wird die Heilkunde schrittweise weiterbringen. Wir werden in absehbarer Zukunft nicht maßgeschneiderte Medikamente haben, aber wir werden bessere Konfektionsware haben.

Die Pharmaindustrie ist vorsichtiger geworden mit ihren Versprechungen. Sie hat erkannt, dass sie damit unerfüllbare Erwartungen weckt und gleichzeitig ebenso übersteigerte Ängste vor der Schaffung eines gläsernen Patienten fördert. Die Wahrheit liegt dazwischen. Die Genomik und die molekularen Techniken, die damit zusammenhängen, helfen bei der Suche nach neuen Therapien. Das führte in Berlin Zhu Chen vor, Vizepräsident der chinesischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Shanghaier Instituts für Hämatologie.

Eine Form von Leukämie mit dem Kürzel APL wird in China schon seit 20 Jahren mit Retinolsäure, eine Vorstufe von Vitamin A behandelt. Allerdings wurde mindestens ein drittel dieser Patienten rückfällig. Molekulare Untersuchungen zeigten, dass Retinolsäure mit einem Onkoprotein, einem der krankhaften Proteine zusammen spielt. Zhu:

Wir identifizierten dann ein traditionelles Medikament, Arsen. Das ist sehr wirksam gegen diesen Typ von Leukämie. Wir konnten auch hier das Zielmolekül von Arsen im Tumor finden. Es ist dasselbe Onkoprotein, auf das auch die Retinolsäure wirkt, allerdings mit einem anderen Mechanismus. Deshalb haben wir vorgeschlagen, diese beiden Stoffe zu kombinieren. Das haben wir in den letzten drei, vier Jahren in Schanghai ausprobiert und die Ergebnisse sind extrem gut.

Arsentrioxid wird bei rückfällig gewordenen Patienten schon lange eingesetzt. In geringer Dosis per Infusion verabreicht, macht sich die Giftwirkung des Stoffes angeblich nicht bemerkbar. Jedenfalls habe es bislang keine sekundären Tumore gegeben, sagt Zhu Chen. Bei neu diagnostizierten Fällen setzt er es allerdings erst seit vier Jahren ein bei nunmehr insgesamt 70 Patienten:

Wir haben eine klinische Studie durchgeführt, bei der wir die Patienten in drei Gruppen einteilten, die Retinolsäure, Arsen oder eine Kombination aus beidem bekamen. Die etablierte Therapie ermöglichte nur zwei Dritteln der Patienten die nächsten drei, vier Jahre ohne Rückfall zu überleben. Bei unserer Kombinationstherapie überlebten 100 Prozent, also alle.

Natürlich ist Zhu Chens Patientengruppe nicht gerade groß und natürlich könnten sich Giftwirkungen des Arsens später noch bemerkbar machen. Allerdings sind auch alle anderen Chemotherapeutika mehr oder weniger giftig. Der chinesische Forscher baut darauf, das Wissen und die Substanzen aus der traditionellen Medizin seiner Kultur mit Hilfe der Molekularbiologie und Genomik auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. In Amerika soll nun ebenfalls eine Studie mit der Kombitherapie aus Retinolsäure und Arsen in Planung sein. Einstweilen schmiedet Zhu Chen Pläne mit der Pharmafirma Novartis. Deren Medikament Gleevec versagt in bestimmten Fällen der Chronischen Myeloischen Leukämie. Gleevec war von seinen Erfindern so entworfen worden, dass es ein bestimmtes Krebsprotein blockiert. Zhu:

Wir haben gezeigt, dass man wirklich zwei Veränderungen im Erbgut braucht, zwei Hits, damit eine Leukämie entsteht. Gleevec richtet sich gezielt gegen eines der Ziele, das c-kit heißt. Und basierend auf der traditionellen chinesischen Medizin identifizierten wir kürzlich einen Wirkstoff, der sich gegen das andere Ziel, einen so genannten Transkriptionsfaktor richtet. Deshalb haben wir hier ein neues Konzept vorgeschlagen.

Auch hier wollen die Chinesen Patienten mit genau diesen zwei Veränderungen eine kombinierte Therapie geben. Die Studien dazu beginnen gerade. Die Zwei Hit-Theorie der Leukämie-Entstehung stammt allerdings nicht ursprünglich aus China, sondern vom Amerikaner Alfred Knudson. China bemüht sich derzeit mit Ehrgeiz um Aufnahme in die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft.