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StartseiteKultur heute"Mit Augenmaß regulieren"19.05.2008

"Mit Augenmaß regulieren"

Die Bundeszentrale für politische Bildung verteidigt ihren Ratgeber über Computerspiele

Ihren Ratgeber über Computerspiele musste die Bundeszentrale für politische Bildung vorläufig zurückziehen. Das Kriminologische Institut in Niedersachsen hatte kritisiert, dass das Buch wesentliche Erkenntnisse über die schädliche Wirkung von Computerspielen unterschlage. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, weist die Vorwürfe zurück: Es gehe darum, den Lehrerinnen und Lehrern qualifiziertes Material in die Hand zu geben, welche Spiele geeignet seien und welche nicht.

Moderation: Dina Netz

Vater und Tochter testen gemeinsam ein Computerspiel. (AP)
Vater und Tochter testen gemeinsam ein Computerspiel. (AP)

Dina Netz: "Computerspiele(r) verstehen" heißt das Buch, und das "r" ist in Klammern gesetzt. Also kann man wahlweise lesen: Computerspiele verstehen oder Computerspieler verstehen. Beides ist für Leute, die eher auf dem Tennisplatz oder am Schachbrett zu Hause sind, nicht ganz so einfach. Deshalb soll der Ratgeber Eltern und Lehrern eine Orientierung geben in der komplizierten Welt der Videospielkonsolen und Online-Games. So gut das geht. Die Erkenntnisse über diese Welt und die Gefahren von exzessiver Computerspielnutzung sind ja so ungesichert wie umstritten. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das Buch herausgegeben und jetzt zurückgezogen, denn einer der Mitherausgeber hat die Quellen nicht ordentlich angegeben. Im "Kölner Stadtanzeiger" gibt Winfried Kaminski das heute auch zu. Ich habe über "Computerspiele(r) verstehen" mit Thomas Krüger gesprochen, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Herr Krüger, was genau ist da schiefgelaufen? Wo liegt das Plagiat?

Thomas Krüger: Die ungenaue Quellenzitierung lässt eben Plagiatsvorwürfe aufkommen, und die muss der betreffende Autor mit den anderen Quellen abklären. Deshalb haben wir das Buch zunächst zurückgezogen und warten ab, bis der urheberrechtlich Verantwortliche und der Herr Kaminski sich auf eine Sprachregelung verständigt haben. Und dann können wir unter Beilegung eines Blattes, eines Erratas, wenn man so will, dann die Auslieferung wieder aufnehmen.

Netz: Geht es tatsächlich bei dem Stopp des Buches nur um diese Plagiatsvorwürfe oder gibt es auch andere Gründe? Ich frage das so scheinheilig, weil die Beschwerde gegen das Buch ja von Christian Pfeiffer ausging, dem Leiter des Kriminologischen Institutes in Niedersachsen. Und der sagt, in dem Buch werden wesentliche Erkenntnisse über die schädliche Wirkung von Computerspielen unterschlagen. Das Buch sei von erschreckend mangelhafter Qualität. Hat das auch eine Rolle gespielt?

Krüger: Das hat keine Rolle spielt. Die FH Köln unter Herrn Prof. Fritz ist seit Jahrzehnten einer der Player im Bereich der medienpädagogischen Untersuchungen von Computerspielen und gilt eigentlich als eins der ausgewiesenen Institute in Deutschland. Es gibt eine sehr breit gefächerte medienpädagogische Arbeit zum Thema Computerspiele. Und die Minderheitenposition in diesem Diskurs wird eher von Herrn Pfeiffer eingenommen. Deshalb kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das von einem besonders großen Belang ist. Ich finde es auch sehr bemerkenswert, dass Herr Pfeiffer mit dem Argument operiert, hier würden ökonomische Interessen hinter diesem Institut stecken. Jedes wissenschaftliche Institut, auch sein eigenes, hat natürlich massive Akquiseinteressen, um Forschungen zu akquirieren…

Netz: Entschuldigung, der konkrete Vorwurf lautet: Es gibt zwei Videospielkonzerne, die das Institut an der Fachhochschule Köln, an dem Herr Kaminski arbeitet, unterstützen. Und daraus leitet Herr Pfeiffer ab, das Institut sei nicht unabhängig.

Krüger: Ja, das ist eine eigentümliche Formulierung, weil: Wir kennen das alle aus dem Forschungsbereich, dass sich Unternehmen in wissenschaftlicher Forschung engagieren. Wichtig ist nur, dass klar gelegt wird von den Instituten - und das ist im Fall der FH Köln der Fall -, dass die Finanzierung von entsprechenden Unternehmen keinerlei inhaltlichen Einfluss auf die Forschungsergebnisse nimmt, sondern dass die Forschung insgesamt frei bleibt.

Netz: Herr Krüger, mal ganz grundsätzlich gefragt: Der Streit über die Gefährlichkeit von Computerspielen, das ist ja so eine Art Grabenkampf geworden. Wo positionieren Sie sich als Bundeszentrale da zwischen den Befürwortern und den Gegnern von Computerspielen?

Krüger: Wir versuchen, mit Augenmaß in der Sache zu operieren. Jemand, der behauptet, die Computerspiele seien in Bausch und Bogen zu verurteilen, den kann ich eigentlich nur als weltfremd abstempeln. Die Spieleindustrie in Deutschland hat sich in den letzten Jahren so rasant auf den Weg gemacht und den Markt frequentiert mit vielen neuen Spieleangeboten, sodass man eigentlich versuchen muss, den Nutzenden, vor allem den Multiplikatoren, den Lehrerinnen und Lehrern, qualifiziertes Material in die Hand zu geben, welche Spiele denn tatsächlich geeignet sind und welche nicht. So zu tun, als wenn das gesamte Thema der Computerspiele ein grundsätzliches schädliches Medium ist, was man verdammen muss, das halte ich für weltfremd und absurd. Das entspricht auch nicht den entsprechenden Politiken des Bundes und der Länder. Die versuchen eher, mit Augenmaß zu regulieren und in dieser Regulierung möglichst auch positiv medienpädagogisch, also präventiv zu arbeiten, um denjenigen, die bewusst nutzen wollen, auch die Instrumente an die Hand zu geben, zu unterscheiden, was sind gute und was sind weniger gute Spiele.

Netz: Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. À propos gutes Computerspiel: Die Bundeszentrale ist gerade mit dem LARA Education Award ausgezeichnet worden, für die Mitentwicklung des Spiels "Genius - Im Zeichen der Macht, Strategie, Politik". Ein Computerspiel, das erklärt, wie Politik funktioniert.

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