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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMit Datenbrillen oder Datenuhren durch die Welt06.06.2013

Mit Datenbrillen oder Datenuhren durch die Welt

Chancen und Risiken tragbarer Minicomputer

Der Nutzer kann mit der Datenbrille Google Glass ins Internet gehen, telefonieren, Fotos machen und Videos von der Umgebung drehen. Auch in Unternehmen kommen Datenbrillen mittlerweile zum Einsatz, zum Beispiel bei der Produktion von Fahrzeugen.

Von Adalbert Siniawski

Die Datenbrille Google Glass, bei der Informationen in das Sichtfeld der Brillengläsern einblendet wird (picture alliance / dpa / Google)
Die Datenbrille Google Glass, bei der Informationen in das Sichtfeld der Brillengläsern einblendet wird (picture alliance / dpa / Google)

Es klingt nach Science-Fiction: Wir laufen mit einer Datenbrille durch unbekannte Straßen. Sie sieht aus wie eine Sportbrille. In einem etwas dickeren Brillenbügel sind eine Kamera, ein Mikrofon, ein Touchpad und der Akku. Wir bleiben vor einer unbekannten Sehenswürdigkeit stehen. Den Namen geben wir per Spracheingabe ein. Die Datenbrille sucht die dazugehörigen Informationen aus dem Onlinelexikon Wikipedia. Eine Stimme liest uns den Eintrag vor, der Ton kommt über unseren Schädelknochen. Mit einem Augenzwinkern nehmen wir schnell ein paar Fotos oder Videos auf. Die Bilder erscheinen in einem halbdurchlässigen Prisma an den Rand des Blickfeldes. Per Sprachbefehl schicken wir Fotos an unsere Freunde in den sozialen Netzwerken.

Das ist keine Science-Fiction, sondern Realität. Der US-Technologiekonzern Google lässt gerade 8.000 freiwillige Nutzer seine Datenbrille "Google Glass" testen. Anfang 2014 soll sie auf den Markt kommen. Datenbrillen sind eine neue Generation von internetfähigen Endgeräten, den sogenannten Wearables, die man wie Accessoires oder Kleidung direkt am Körper trägt. Googlekonkurrent Apple arbeitet an einer sogenannten Smartwatch, einer Armbanduhr mit Zugriff auf E-Mails, Musik, Internet, aber auch Körperdaten wie Puls und Temperatur.

"Wir sind es mittlerweile gewöhnt, dass sich zwischen jede Begegnung mit der Welt und mit den anderen eine Kamera, ein Bildschirm, ein Mikrofon und ein Lautsprecher schiebt. Dann scheint es offensichtlich in diese Richtung zu gehen, dass wir ständig, wenn man so will, ein digitales Begleitrauschen unseres Alltags wollen: Das sind Kommentare, das sind Informationen, Navigationen, die uns da helfen sollen, den Alltag besser zu bewältigen, beziehungsweise spannender zu machen."

Beobachtet Bert te Wildt, Leiter der Ambulanz der Klinik für Pychosomatik und Psychotherapie an der Ruhruniversität Bochum. Die Wearables ermöglichen eine natürliche Interaktion zwischen Mensch und Technik und verringern die Barriere zwischen Mensch und Maschine. In den Datenbrillen verschmelzen zwei Welten, die reale und die digitale Welt. Forscher nennen das die sogenannte Augmented Reality.

Die menschliche Wahrnehmung der Wirklichkeit wird durch die Computertechnik erweitert. Die Nutzer sind ständig mit dem Informationsfluss des Internets verbunden: Sie haben unmittelbaren Zugriff auf das Wissensreservoir des WWW, sie erweitern ihre Kenntnisse und Fähigkeiten und sind mit der Außenwelt vernetzt. Doch das könnte nachteilige Folgen für unser Zusammenleben haben, meint Medienpsychologe te Wildt.

"Ich glaube, das große Problem ist das Zwischenmenschliche, dass wir ja auf eine Art und Weise damit den anderen zum Objekt machen. Das heißt, wenn wir durch die Welt gehen, dann können wir per Gesichtserkennung zum Beispiel ganz viele Informationen über jemanden bekommen, der uns ganz einfach in der Fußgängerzone begegnet. Der kann seinen Status eingeben, ob er gerade Single ist, ob er gerade auf der Suche nach einem Sexpartner ist zum Beispiel. Oder ob er gerade im Restaurant um die Ecke gut gegessen hat. Da könnte man sagen: Das verbindet uns Menschen alle wunderbar miteinander. Aber für die unmittelbare Begegnung bleibt weniger Zeit, weniger Raum. Und die findet aus meiner Sicht zunehmend weniger statt. Und gerade die ganz wichtigen zwischenmenschlichen Dinge brauchen das Unmittelbare, die existenziellen, wie Liebe machen, Kinder zeugen, Kranke pflegen und so weiter. Das kann das Internet alles nicht und da können die Google Glasses nicht sonderlich viele Beiträge zu leisten. Der Preis ist die Distanzierung von den konkret realen Lebensumständen."

Distanzierung auf der einen, Verlust der Privatsphäre auf der anderen Seite: Zwar soll es eine Gesichtserkennung bei "Google Glass" vorerst nicht geben. Dennoch wird der Datenschutz immer weiter aufgeweicht. Der Träger der Datenbrille kann unbemerkt Fotos und Videos von seinem Gegenüber aufnehmen und diese sofort ins Netz stellen. So werden auch die Nichtnutzer Teil des Internets – ob sie wollen oder nicht. Konzerne wie Google könnten sich in die Kameras einschalten, unsere Position sehen und mit unseren Augen schauen. Außerdem eröffnet sich ein neuer Werbemarkt, wenn an bestimmten Orten passende Reklame in der Brille erscheint. Im Extremfall könnten die vernetzten Kameras als Überwachungssystem missbraucht werden.

"Das ist ja auch ein faschistischer Alptraum, wenn man sich überlegen würde, dass das irgendwann in die Hand von Diktatoren kommt."

Welche Folgen der Gebrauch der Datenbrillen für die Gesellschaft haben kann, lässt sich derzeit nur erahnen. Nähere Erkenntnisse über Einsatzmöglichkeiten und Auswirkungen auf den Menschen gibt es in der Arbeitswelt. Datenbrillen werden seit Jahren in der Industrieproduktion getestet und vereinzelt auch eingesetzt. Dort heißen sie Head Mounted Displays – kurz HMD. Sie sind mit aufwendiger Technik ausgestattet und sehen eher aus wie ein Fernglas an einem Fahrradhelm. Doch HMDs bieten bei bestimmten Tätigkeiten große Vorteile, so der Tenor einer Expertentagung in der Dortmunder Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Dr. Hannes Baumann von der Consultingfirma xCon Partners sieht unter anderem Potenzial bei Service und Wartung von Fahrzeugen.

"Vorher musste der Servicetechniker unter dieses Fahrzeug krabbeln, hat irgendetwas festgestellt, ist wieder rausgekrabbelt zu in seinem Handbuch, hat nachgelesen, wieder runtergekrabbelt, das behoben, rausgekrabbelt und Notizen gemacht, was er behoben hat. Mit einem Head Mounted Display, mit einem Wearable Computer, habe ich alles dabei. Ich kann arbeiten, ich habe meine Hände frei zum Arbeiten und ich kann, wenn das gut gelöst ist, da sehr schön solche Situationen lösen."

Volkswagen, Boeing und die NASA haben den Einsatz von Datenbrillen in ihren Werkshallen schon getestet. Die Arbeiter können schwierige Handgriffe leichter und schneller bewältigen, so die Hoffnung. Dr. Matthias Wille von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat mit einem Team die Wirkung von Datenbrillen untersucht. Rund 40 Testpersonen mussten unter anderem über mehrere Stunden hinweg eine komplizierte LEGO-Figur zusammenbauen. In einem Versuch lag ihnen eine Bauanleitung auf einem Tablet-PC vor, in einem anderen Versuch sahen sie die Anweisungen auf ihrer Datenbrille.

"Bei einer Montageaufgabe ist es so, dass mit dem HMD langsamer gearbeitet wurde als mit dem Tablet-PC. Wir konnten auch bei einer Wiederholungsmessung noch nicht einen Gewöhnungsfaktor nachweisen. Das heißt, auch bei dem zweiten Mal HMD wurde wieder langsam gearbeitet. Das kann aber durchaus sein, dass sich das, wenn man das mehrere Wochen einsetzt, verändert, und dass auf einem ähnlichen Leistungsniveau gearbeitet wird. Mentale Beanspruchung ist noch mal ein weiterer Faktor. Und da zeigt sich auch, dass die mentale Anspannung beim HMD höher ist, als beim Tablet-PC. Dass das Erleben der Arbeit mit dem HMD als anstrengender wahrgenommen wird – zumindest wenn sie den Umgang damit nicht gewohnt sind."

Der Einsatz von Datenbrillen am Arbeitsplatz führt also nicht immer zu einer besseren Leistung. Die Effizienz und Akzeptanz der Technik müssen noch näher erforscht werden.

Und selbst, wenn wir demnächst mit Google Glass durch die Welt gehen: Der Science-Fiction-Traum – oder Albtraum – von der optimierten Mensch-Maschine, er wird so schnell nicht Realität.

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