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StartseiteSprechstundeMit dem Computer gegen Infektionskrankheiten13.12.2005

Mit dem Computer gegen Infektionskrankheiten

Gerade in Krankenhäusern finden sich besonders oft Bakterien, die unempfindlich sind gegen gängige Antibiotika. Strenge Hygienemaßnahmen sind ein Weg, das Problem in den Griff zu bekommen. Eine Klinik in Rom nutzt zusätzlich auch ein eigens entwickeltes Computerprogramm. Es soll helfen, das richtige, wirksame Antibiotikum für Patienten zu finden.

Von Thomas Migge

Krankenbett in einem Hospital (Stock.XCHNG / Carin Araujo)
Krankenbett in einem Hospital (Stock.XCHNG / Carin Araujo)

Evelina Tacconelli gibt die Daten des Patienten in ihren Computer ein. Sein Alter und seine Krankengeschichte. Seine bisherigen Reaktionen auf Antibiotika, die ihm in der Vergangenheit bei anderen Infektionskrankheiten verabreicht wurden. Auch die Informationen vorheriger Untersuchen - von Urin- und Blut- sowie Speichelproben - werden in den Computer gegeben. Jede Information, so die Ärztin, sei wichtig:

"Mit dieser neuen Methode haben wir weitaus größere Möglichkeiten, im Vergleich zu den traditionellen Diagnosemethoden, eine Infektionskrankheit zu bestimmen und zu behandeln. Der Computer ist auch in diesem Punkt eine große Hilfe. Er soll nicht uns Ärzte und unsere Erfahrung ersetzen. Er unterstützt uns und das hilft auch dem Patienten. Voraussetzung ist natürlich die Bereitschaft des Arztes, sich mit dem Computer auseinanderzusetzen."

Evelina Tacconelli ist Wissenschaftlerin an der römischen Klinik für Infektionskrankheiten, die zur Università Cattolica gehört. Wie viele ihrer Landsleute beklagt sie seit Jahren den Umstand, dass Italiens Hausärzte bei allen kleinen und mittleren Wehwechen immer sofort ein Antibiotikum verschreiben. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist der Konsum von Antibiotika in Italien so hoch wie in keinem anderen Land der Europäischen Union. Schuld daran haben Ärzte aber auch Apotheker.

Viele dieser Medikamente werden ohne Bescheinigung vom Arzt verkauft. Einer Umfrage des Wochenmagazins "L'Espresso" zufolge sind 55 Prozent aller Italiener davon überzeugt, dass Antibiotika "irgendwie" helfen. Verschiedene Aufklärungskampagnen des Gesundheitsministeriums fruchteten bisher nichts. Der Konsum dieser Medikamente geht nicht zurück. Die Folge dieses Antibiotikabooms: Allergien und Infektionskrankheiten, die mit den falschen Medikamenten behandelt werden.

Mit Hilfe einer neuen und an der Università Cattolica in Rom entwickelten Technologie ist es jetzt möglich Antibiotika gezielter als bisher einzusetzen: Evelina Tacconelli:

"Diese neue Methode ist im Grunde genommen ganz simpel: sobald der Arzt den Verdacht hat, dass sein Patient unter einer Infektionskrankheit leidet, liefert er der von uns entwickelten Software mit Namen ŒTreat¹ die persönlichen Daten des Patienten. Mit Hilfe dieses Inputs rät der Computer dem behandelnden Arzt welches Antibiotikum das geeigneteste für eine Behandlung ist."

Die Software "Treat" besteht aus einem Grundstock von Daten, der sämtliche bekannte Infektionskrankheiten betrifft. Er enthält auch Informationen zu allen international verfügbaren Antibiotika sowie Hinweise auf Studien, die weltweit zur Behandlung von Infektionskrankheiten erstellt wurden. Dieser Grundstock an Informationen wird ständig aktualisiert. So verfügt die Università Cattolica über Mitarbeiter, die via Internet aktuelle Daten und Forschungsergebnisse sammeln und damit die Software "Treat" anreichern.

Besonderes Augenmerk gilt den Bakterienstämmen und ihrer Evolution. In direktem Kontakt mit den Forschungseinrichtungen der Weltgesundheitsbehörde erhalten die Konstrukteure von "Treat" ständig neue Informationen zu den unterschiedlichsten Bakterienstämmen. Die Software informiert den behandelnden Arzt also auch über die Evolution von Bakterienstämmen, die Veränderungen ausgesetzt sind und auf diese Weise gefährlich werden können. Wie zum Beispiel im Fall der sogenannten Vogelgrippe, von der in diesen Wochen oft die Rede ist.

Die Zuhilfenahme von "Treat" gegen Infektionskrankheiten erhöht die Erfolgschancen bei der Behandlung der Patienten, weiß Evelina Tacconelli:

"Mit Hilfe von Vergleichsgruppen wollten wir herausfinden, inwiefern "Treat" die Treffsicherheit eines Antibiotikums erhöht. Eine in verschiedenen Krankenhäusern an 1.200 unter Infektionskrankheiten leidenden Patienten durchgeführte Testreihe ergab, dass mit Hilfe unserer Software 70 Prozent der Fälle schnell und ohne Probleme und Nebenwirkungen behandelt werden konnten."

Weitere 1.200 Patienten sind nach der herkömmlichen Diagnosemethode behandelt worden: der jeweilige Arzt entschied sich aufgrund seiner Erfahrungswerte für ein Antibiotikum. Hier lag die Trefferquote bei nur 45 Prozent. Die Behandlungsdauer fiel weitaus länger aus und bei vielen Patienten waren Nebenwirkungen auf das Medikament festzustellen.
Die von der EU mitfinanzierte Software "Treat" soll bald schon in den großen staatlichen Krankenhäuser Italiens zum Einsatz kommen. Ein Einsatz im europäischen Ausland ist bisher noch nicht vorgesehen.

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