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StartseiteSport am WochenendeMit dem Geld des Emirs03.04.2011

Mit dem Geld des Emirs

Bin Hammam fordert FIFA-Chef Blatter bei den Präsidentschaftswahlen heraus

Bis zum 01. April mussten die Kandidaturen für die Präsidentschaft im Fußball-Weltverband (FIFA) angemeldet werden. Zwei Monate später dann kommt es beim FIFA-Kongress in Zürich zum großen showdown.

Von Jens Weinreich

Mohammed Bin Hamman will 2011 für das Amt des Fifa-Präsidenten kandidieren (picture alliance / dpa)
Mohammed Bin Hamman will 2011 für das Amt des Fifa-Präsidenten kandidieren (picture alliance / dpa)

Nachdem sich kein weiterer Interessent gefunden hat, bleibt es bei einem spektakulären Zweikampf: Der 75 Jahre alte Amtsinhaber Joseph Blatter aus der Schweiz gegen seinen langjährigen Verbündeten Mohamed Bin Hammam aus Katar, der kurz vor dem FIFA-Kongress 62 wird. Bin Hammam verbreitet seit Wochen die Botschaft, es sei Zeit für einen Wechsel in der FIFA, die bisher nur von europäischen Präsidenten und 24 Jahre vom Brasilianer Joao Havelange geführt wurde.

Wer Mohamed Bin Hammam in diesen Wochen begegnet, erlebt einen selbstsicheren, erstaunlich entspannten Kandidaten, der seine Botschaft absolut professionell unters Volk bringt, der auf seine Kritiker zugeht und sich, anders als der Amtsinhaber Joseph Blatter, nicht versteckt und Probleme verschleppt. Bin Hammam hat seine Offerte generalstabsmäßig vorbereitet. Nach der Vergabe der WM 2022 Anfang Dezember an Katar, als sich Blatter in Sicherheit wiegte und nicht mehr mit einer Attacke rechnete, hat Bin Hammam kühl analysiert und sich für den ganz großen Preis entschieden: WM 2022 und FIFA-Präsidentschaft. Er weiß, dass er nur jetzt eine Chance hat, in vier Jahren stehen die Sterne anders.

Ausgestattet mit dem Geld des Emirs von Katar, seines Jugendfreundes, hat Bin Hammam Blatter schon zwei Mal die Wahl gesichert: 1998 gegen den Schweden Lennart Johansson und 2002 gegen Issa Hayatou aus Kamerun. Wochenlang war Bin Hammam mit seinem Schweizer Gefährten damals im Flieger des Emirs durch die Welt gejettet und hatte vor allem in Afrika und Asien Stimmen gesammelt. Aus Katar heißt es nun, Emir Hamad Bin-Khalifa al-Thani stehe voll und ganz hinter Bin Hammam. Das ist eine entscheidende Botschaft, die Blatter in einen Alarmzustand und fast schon in Agonie versetzt.

In Interviews argumentiert Bin Hammam äußerst geschickt und verfestigt den Eindruck, Blatter sei ausgebrannt, sei für das schlechte Image der FIFA allein verantwortlich und habe keine Ideen mehr. Das kommt alles der Wahrheit nahe, keine Frage, wenngleich die Skandale in der FIFA nicht nur von Blatter zu verantworten sind – es ist ein tiefgreifendes System von moralischer und ökonomischer Korruption, für das letztlich alle Exekutivmitglieder Verantwortung tragen.

Wenn Bin Hammam nun stets erzählt, er sei ökonomisch unabhängig, nehme nicht einmal jene Apanage und die Tagessätze entgegen, die ihm als Exekutivler zustehen – jährlich rund eine Viertel Million Dollar -, dann ist das nur die halbe Wahrheit, die suggerieren soll, er habe das System nicht mit geprägt. Dabei steht der Name Bin Hammam doch gerade für Blatters beiden schmutzigen Wahlkämpfe und für ebenso dreckige Wahlschlachten im asiatischen Verband AFC. Und Bin Hammam steht als Synonym für die skandalumwobene Bewerbung Katars für die Fußball-WM 2022, die, wenn sich nur ein Teil der in der Szene kursierenden Gerüchte bewahrheiten sollte, der größte Korruptionsfall der Sportgeschichte gewesen sein kann.

Man kann gar nicht oft genug erwähnen, wie raffiniert Asiens Fußballchef Bin Hammam seine Kandidatur vorbereitet hat. Ein Schachzug muss immer wieder in Erinnerung gerufen werden: Schon im Dezember 2009 drängte Bin Hammam, flankiert von Afrikas Fußballchef Issa Hayatou, den er in der Hand hat, auf einer legendären Exko-Sitzung auf Robben Island, den Außenminister der FIFA zu entlassen: den Franzosen Jerome Champagne, brillantester Kopf der FIFA, ausgebuffter Diplomat – und Blatters wichtigster Mitarbeiter. Im Januar 2010 musste Champagne gehen. Und gerade in diesen Wochen, in denen Blatter durch die Welt irrlichtert, von einem Fettnäpfchen ins andere tritt, hilflos und konzeptlos agiert, beweist sich der für ihn äußerst bittere Verlust von Champagne.

In der FIFA-Administration ist Blatter nur von Abnickern und Speichelleckern umgeben, aber nicht von kritischen Geistern mit politischem Gespür. Zudem trägt er schwer an den Altlasten. Freunde gibt es nicht in diesem Business. Selbstverständlich wenden sich jene dubiosen Figuren, deren ausschweifende Vergehen er über Jahrzehnte gedeckt hat, in diesen Tagen von ihm ab und schmieden neue Allianzen. In Brasilien heißt es, der schwer korrupte Ricardo Teixeira, WM-Organisationschef 2014 und Chef des brasilianischen Verbandes, unterstütze Bin Hammam. Das passt doppelt und dreifach ins Bild: Teixeira folgt immer dem Geld, er gilt auch als großer persönlicher Nutznießer der WM-Entscheidung für Katar, und er mag von Blatter schlicht und einfach nicht für die schleppenden WM-Vorbereitungen kritisiert werden, wie gerade wieder geschehen.

Mitentscheidend wird nun sein, ob Bin Hammam und der Emir von Katar den nordamerikanischen Fußball-Supremo Jack Warner aus Trinidad und Tobago hinter sich bekommen. Der FIFA-Vizepräsident Warner gebietet seit jeher über 35 Stimmen der CONCACAF-Konföderation, die fast immer im Paket vergeben werden. Bei Warner ist alles eine Frage des Geldes – und Geld gibt es in Katar reichlich. Sollte Warner mit seinem Stimmenpaket zu Bin Hammam überlaufen, hätte Blatter verloren. Manche meinen, der Deal sei längst geschlossen.

Eine Wasserstandsmeldung zu den Stimmenverhältnissen in der FIFA: Es geht um die Voten von 208 Nationalverbänden. Sollten alle am Kongress teilnehmen und abstimmungsberechtigt sein, bräuchte der Präsident 105 Stimmen für die absolute Mehrheit. In Asien sollte Bin Hammam die Mehrheit bekommen, mindestens 30 Stimmen. In Afrika sollte Blatter noch vorn liegen, der als Vater der afrikanischen WM 2010 punkten kann – indes sind Loyalitäten gerade dort sehr an Zuweisungen gebunden, erdrutschartige Entwicklungen sind deshalb keinesfalls ausgeschlossen. In Europa sollte Bin Hammam mindestens ein Dutzend Stimmen machen können. In Nord- und Südamerika laufen die Verhandlungen mit den Stimmendealern.

Es geht derzeit auch um die Deutungshoheit über die Entwicklungshilfeprojekte der FIFA. Blatter betrachtet etwa das GOAL-Projekt, in dem bereits etliche hundert Millionen Dollar verteilt wurden, oder das Programm Finanzielle Unterstützung, in dem jeder Nationalverband jährlich 250.000 Dollar erhält, allein als seine Kinder. Bin Hammam weist vergleichsweise lässig darauf hin, dass er von Beginn an die GOAL-Kommission leitet und dass er im Bereich des Asiatischen Fußballverbandes (AFC), den er seit 2002 leitet, ebenfalls sehr erfolgreiche Entwicklungshilfeprogramme installiert hat.

Mag sein, dass Blatter noch etwa mit 120 Stimmen in Führung liegt, doch die Tendenz und die Ereignisse hinter den Kulissen sprechen für Bin Hammam. Und es geht bei solchen Wahlen immer auch um das Momentum. Bin Hammam kommt als vergleichsweise frischer Kandidat daher, der einen starrsinnigen, verknöcherten Greis ablösen will – diesem Bild, dass Spin-Doktoren und Medien prägen, können eigentlich nur Korruptionsenthüllungen rund um die WM-Bewerbung von Katar, klarere Konturen geben.

Eins ist allerdings auch klar: Blatter wurde schon oft tot gesagt und hat sich doch stets reanimiert. 1998 gewann er 111:80 gegen Johansson, 2002 mit 139:56 gegen Hayatou. Beides waren erdrutschartige Siege. Nun aber geht es gegen jenen Mann, der ihm diese Siege finanzierte.

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