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StartseiteSonntagsspaziergangMit dem Paddelboot zur Ritterburg04.08.2013

Mit dem Paddelboot zur Ritterburg

Kanuwandern auf der Lahn

Eine Kanuwander-Tour auf der Lahn ist etwas für die ganze Familie: Mit dem Paddelboot geht es den Fluss entlang, unterwegs warten zur Besichtigung eine Ritterburg mit einer echten Prinzessin und die einzige Kristallhöhle Deutschlands. Abends findet man Ruhe in einem Tipi-Zelt.

Von Heike Braun

Gedränge an der Schleuse, die von den Kanuten selbst geöffnet und geschlossen werden (Heike Braun)
Gedränge an der Schleuse, die von den Kanuten selbst geöffnet und geschlossen werden (Heike Braun)

Ein nicht alltägliches Geräusch an der Lahn:
Eine Pumpe, mit der sich ein Wildwasser taugliches Schlauchboot aufblasen lässt, gibt es hier nicht so oft. Dafür aber umso mehr Kanus.

Diese Paddelboote können für einen oder mehrere Tage gemietet werden. Heute wollen die meisten Hobby-Ruderer von Weilburg nach Runkel fahren. Das sind knapp 30 Kilometer. Morgens um 10.00 Uhr geht es los. Die gesamte Fahrt wird rund 6 Stunden dauern. Aber zuerst gibt es eine Einweisung.

"Guten Morgen zusammen. Ich würde gerne eine kleine Einweisung machen. Euch als Erstes ein bisschen was zur Ausrüstung erklären, ihr müsst ein paar Sachen zum Fluss wissen und natürlich was zur Paddeltechnik. Wie verhalte ich mich auf einer Bundeswasserstraße, wie verhalte ich mich in einem Naturschutzgebiet und wie eine Schleuse bedient wird."

Ingo Proder vom Kanuverleih Lahntours weiß: Eigentlich wollen alle am liebsten sofort losfahren. Aufmerksam zuhören fällt da schwer. Doch zwischen Weilburg und Runkel müssen fünf Wehre umfahren werden. Und das geht nur, wenn man die dazugehörigen Schleusen bedienen kann.

"So: Ihr solltet als Erstes beachten, wenn ihr an eine Schleuse kommt, dass vorne alles dicht ist. Schoots zudrehen, Tore öffnen, dann können alle Boote rein fahren. Sind alle drin, Tore wieder verschließen, und dann müssen die unteren Schoots geöffnet werden, dass das Wasser auch wieder ablaufen kann. Schoots werden immer auf der Schleusenbrücke bedient. Es gibt auf jeder Seite zwei Drehräder, da müsst ihr dran kurbeln. Oben drüber bewegt sich dann ein roter Pfeil nach auf und zu. Noch Fragen?"

Niemand fragt nach. Also haben alle verstanden, wie es geht. Oder?

"Sag, mal hast Du verstanden, wie man das mit der Schleuse macht?"
"Keine Ahnung. Ich hoffe, dass es irgendjemand von den anderen das kann?"

Nur leider sehen die anderen so aus, als würden sie das Gleiche denken. Doch bei fünf Schleusen auf der Strecke gibt es ja noch genügend Gelegenheiten es zu lernen.

Doch auch das Platznehmen im Kanu will gekonnt sein. Und endet immer wieder einmal mit einem unfreiwilligen Bad.

"Es gibt auch so einen Klassiker beim ins Boot steigen. Nämlich mit einem Fuß im Boot, mit dem anderen an Land. Das gibt dann die berühmte Grätsche. Dann drücke ich das Boot vom Ufer weg und falle nach hinten ins Wasser. Jetzt haben wir ja recht viele Familienboote. Da würde ich vorschlagen, dass hinten und vorne ein Erwachsener sitzt."

Wieder haben alle zugehört. Wieder hat keiner Fragen. Doch dann geht’s ans Einsteigen und das Chaos bricht aus.

Mutter: "Ruhig sitzen bleiben!"
Mädchen: "Kann ich nach vorne? Ich will nach vorne!"
Mutter: "Nein! Setz Dich hin."
Vater: "Die Laura steigt hinten ein."
Mutter: "Ruhig sitzen bleiben. Wer paddelt wo?"
Vater: "Auf geht’s."
Junge: "Irgendwie paddelt ihr komisch. Wir sollten doch versetzt paddeln."

Doch einmal auf dem Wasser, wird es plötzlich ruhig. Es dauert keine fünf Minuten und aus hektischen Familien wird ein eingespieltes Team.

Patrick Weber aus Wiesbaden teilt sich mit seiner Tochter ein Boot. Sie sind mit drei befreundeten Familien kurz vor Weilburg losgepaddelt.

Vater: "Die eine oder andere Familie hat sich auch mal ein bisschen gestritten. Bis rechts und links paddeln mal ein bisschen synchronisiert wurde."
Tochter: "Ja, es wurde halt hinten gelenkt und dann hat immer einer mal ausgesetzt, dann musste der andere mal mehr machen."

Ein großes Highlight der Lahntour kommt in Sicht.

"Dahinten guck mal, da ist der Schifffahrtstunnel!"

Die Ruderer fahren auf den einzigen Schifffahrtstunnel Deutschlands zu. Er liegt direkt bei Weilburg und ist knapp 200 Meter lang.

Hinter dem Tunnel kommt die erste Schleuse. Spätestens jetzt zeigt sich, wer bei der Einführung aufgepasst hat und wer nicht.

Mann: "An diesen Kurbeln muss man drehen, oder wie?"
Frau: "Auf? Zu? Dahinten macht jemand das Tor zu, oder auf? Da kurbelt jemand. Da muss jeweils eine Person da und da drehen wahrscheinlich? Das bedienen jeweils immer zwei Personen?"
Mann: ""Meine Güte, wie war das noch mal?"

Interessanterweise sind es hauptsächlich die Kinder, die sich mit der Schleuse auskennen.

"Die rudert normalerweise. Die machen Wanderfahrten. Die kennt das."

Durch Schleusen werden Wasserfälle umfahren. Um eine solche Schleuse bedienen zu können, muss das Kanu allerdings verlassen werden. Über Metallleitern klettert man auf eine Brücke. Knapp 10 Meter über dem Wasserspiegel. Von dort aus kann der Fluss über Kurbeln so reguliert werden, dass die Boote ein- und ausfahren können. Danach muss man allerdings auch wieder ins Boot zurück. Nichts für Menschen mit Gleichgewichtsstörungen oder Höhenangst. Vielleicht schicken ja darum so viele ihre Kinder dort hoch.

Mann: "Ist da ein Einstieg? Niko, kann man dahinten einsteigen?"
Frau: "Steigst Du hier ein, Laura?"

Das Unternehmen Lahntour ist ein richtiges kleines Abenteuer und macht allen viel Spaß. Wenn sich am Ende die Schleusentore auftun, ist die Freude jedes Mal riesengroß.
Nach turbulenter Schleusendurchfahrt folgt die Ruhe auf der wunderschönen Lahn.
Bei Weilburg Kubach lohnt sich ein Abstecher in die einzige Kristallhöhle Deutschlands. Wer will, kann hier vom Boot aufs Rad umsteigen.

Der Fahrradweg führt unmittelbar am Fluss entlang.
Auch die Gruppe von Patrick Weber hat hier die Paddel gegen Pedale eingetauscht.

"Die Lahn ist ganz schon breit geworden. Eine schöne Lahnstrecke von Weilburg nach Limburg. Sehr schön zu fahren. Ein weites Tal."

Bei der Kristallhöhle angekommen, nehmen die Webers an einer Führung teil.

"Ich bitte Gruppe A zur Führung in den Helmraum. Gruppe A bitte."
- Wer ist denn Gruppe A?"
"Sie alle."

Der pensionierte Lehrer Karl-Heinz Schröder und seine Frau Margit haben diese Höhle vor rund 40 Jahren entdeckt. Als Sie damals ihr Haus renovieren ließen, erzählte Ihnen ein Maler:

"Nicht weit von Ihnen ist eine ganz prächtige Tropfsteinhöhle, deren Lage aber nicht genau bekannt ist. Die Lage der Höhle war nirgendwo heraus zu bekommen. Die Existenz der Höhle wurde dagegen bestätigt. Und dann haben Suchbohrungen dazu beigetragen, dass wir eine Höhle gefunden haben. Nicht die Tropfsteinhöhle, sondern eine ganz andere: die Kubacher Kristallhöhle. Und die war so interessant, dass man sich entschlossen hatte, sie für die Öffentlichkeit zu erschließen. Das ist schon was ganz Besonderes. Das ist die einzige Kalzit-Kristallhöhle Deutschlands."

Mehr als anderthalb Millionen Besucher haben sich die Kubacher Kristallhöhle inzwischen angeschaut. Dabei müssen 456 Stufen runter und auch wieder rauf gelaufen werden.

Jessica Ruis führt die Gruppen durch die Kristallhöhle. Für sie ein Fitness-Training der besonderen Art. Manch anderer gerät ganz schön außer Atem.

"Ich sterbe. Ich sterbe." (Lachen)

"So. Hier befinden wir uns in der Südhalle. 70 Meter unter der Erde. Das heißt, hier sind wir an der tiefsten Stelle der Höhle angelangt. Und dort oben an der höchsten Stelle ist sie 30 Meter hoch und damit die höchste Halle in ganz Deutschland.
Gut. Dann können wir ein Stück weiter hier rüber gehen. Wir gehen jetzt in die eigentliche Kristallhöhle. Die Treppe ist teilweise sehr steil. Ich bitte Sie, dass Sie sich gut festhalten. Sonst haben wir den gleichen Effekt wie beim Domino-Day und ich kann leider nicht alle festhalten."

Patrick Weber: "Der größte Dominostein bitte nach vorne."

Zurück auf der Lahn, ist die nächste Schleuse nicht weit. Aber zum Glück wissen ja jetzt alle, wie es geht. Bei der ersten Schleuse hatte auch Familie Weber die Technik noch nicht so ganz im Griff.

"Das war ne witzige Sache. Da war die Situation, dass wir teilweise unten aufgemacht haben, um das Wasser abzulassen und oben hatten wir immer noch nicht zugemacht. Bis wir dann gemerkt haben: hey, wir müssen oben zu machen. Wir hatten einen Mann oben. Der ist die ganze Zeit hin und her gelaufen. Wir haben unten nur gebrüllt: Mach zu! Mach auf!"

Die Lahn ist eigentlich ein ruhiger Fluss. Laut wird es nur in den Schleusen.
An manchen Stellen ragen die Äste der Laubbäume weit auf das Wasser. Ein Amazonas-Feeling kommt auf.

Starke Strömung gibt es auf der knapp 30 Kilometer langen Strecke von Weilburg nach Runkel nicht. Aber viele Möglichkeiten zum Anhalten und Picknicken.

Kind: "Gibst Du mir was zu essen?"

Im Schnitt sind alle 15 Kilometer Abholstellen der Kanuverleiher. Wer will, kann aber auch den ganzen Tag auf dem Wasser zubringen oder auf Campingplätzen übernachten. An der Lahn entstanden vor knapp zehn Jahren die ersten Tipi-Zeltdörfer Deutschlands. Eins davon steht in dem hessischen Städtchen Runkel. Julien Kruse verleiht hier Kanus und Fahrräder und betreibt ein solches Tipi-Dorf.

"Also das muss man sich vorstellen wie ein Indianerzelt von früher. Das wird mit einem großen Holzgestänge aufgestellt. In der Mitte stehen Feldbetten, wo man übernachten kann. Manch einer stellt sich das Bett auch vors Zelt, damit er die Sterne beobachten kann. Dann ist noch eine Sitzgelegenheit im Zelt. Dazu gibt es auch noch Feuerholz. Da kann man hier drin ein Lagerfeuer machen, oder draußen vorm Zelt."

Inzwischen sind auch die Webers mit ihrem Kanu in Runkel angekommen.

"Hat´s Euch gefallen?"

- Ja sehr gut.

Die Familie aus Wiesbaden verbringt heute ihre zweite Nacht im Tipi-Zelt.

"Wir haben im Tipi übernachtet. Die ganze Familie. Mama und Papa und vier Kinder. Es war total lustig. Also es war echt schön. Auf den Feldbetten und dann haben wir abends am Lagerfeuer gesessen. Dann hat sich ein Igel ins Zelt geschlichen und hat da rum rumort. Das war natürlich für die Kinder ganz toll. Und das war eine super Stimmung."

Der Zeltplatz liegt direkt an der Lahn. Mit Blick auf die Burg Runkel. Sie wurde schon im frühen Mittelalter erbaut und ist im Privatbesitz von Prinz Metfried und Prinzessin Felicitas zu Wied. Einem der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands.

"Wann fängt die Führung denn an?"

Was viele nicht wissen: Prinzessin Felicitas zu Wied übernimmt die Führungen häufig selbst. Sie wohnt mit ihrem Mann in der Burg Runkel und springt ein, wann immer sie gebraucht wird.

"Man merkt in so einem alten Haus - immerhin 850 Jahre alt - dass man ein Glied in der Kette ist und nichts Besonderes. Und wenn man dann zurückschaut, wie viele Menschen schon durch die Burg gegangen sind, dann sehen wir uns als Bewahrer und Weitergeber. Man hat den Vorteil hier leben zu können, muss aber dafür arbeiten und gibt es hoffentlich in weitere Hände, dass es überleben kann."

Die Burg Runkel ist eine von vielen Burgen an der Lahn. Aber in ihrer Ursprünglichkeit doch etwas ganz Besonderes. Sie ist nicht mit Exponaten vollgestopft. Es gibt urige Wendeltreppen und originale Steinfußböden. Wer möchte, kann auf eigene Faust unterwegs sein. Nur wer will, bucht eine Führung. Mit etwas Glück sogar bei einer echten Prinzessin.

"Wir gehen jetzt hier weiter, in die nächsten zwei Waffenräume, die wir haben. Man sieht es am Fußboden: Es wird immer älter. Und der letzte Raum, indem eine Ritterrüstung steht, da kann man sehen, wie klein die Leute früher waren. Die Schuhgröße ist Schuhgröße 36. Haben wir mal ausgemessen."

Vorbei an verwinkelten Erkerzimmern und einem Burgverlies mit echten Folterinstrumenten geht es hinauf bis zu den Wehrtürmen.

"Schön ist, dass man hier den Blick über die Lahn hat. Da in Richtung Taunus und das andere ist die Westerwaldseite."

Der Blick fällt auf das mächtige Wehr von Runkel und die über 700 Jahre alte Bogen-Brücke. Dieses historische Bauwerk ist immer noch befahrbar. Während moderne Autobahnbrücken alle 50 Jahre rund erneuert werden müssen. In der Abenddämmerung sind hier die letzten Kanufahrer unterwegs.

"Unten, da sieht man sie. Bunte Armadas oder Armaden, um die Kurve fahren und die können sich selbstständig schleusen hier. Und dann gibt es da den Campingplatz, wo man übernachten kann. In besonderen Tipis. Das freut uns und bringt uns auch mehr Menschen."

Im Indianerlager - unterhalb der Ritterburg - ist Julien Kruse gerade dabei, eines seiner Boote zu suchen. Beim Nachzählen war es nicht da. Von den Hobby-Paddlern selbst fehlt zum Glück keiner. Der Kanuverleiher kann sich gut vorstellen, was da passiert ist.

"Die Personen steigen aus, haben das Boot nicht mehr im Blick und das Boot schwimmt einfach mal weg. Dann müssen wir natürlich schauen, dass wir das Boot wiederfinden. Ich bin letztes Jahr mal gute vier Stunden alleine flussabwärts gepaddelt, weil ich ein Boot gesucht habe. So kann das auch enden. Und dann hängt es irgendwo unterm Busch."

Von all dem bekommt die Gruppe im Tipi-Zeltdorf nichts mit. Am Lagerfeuer singen sie noch bis spät in die Nacht. Dann geht es zum Schlafen auf die Feldbetten.
Wenn sie am nächsten Morgen aufwachen, sind alle Boote wieder da, wo sie sein sollen. Und das Abenteuer "Kanu-Wandern auf der Lahn" geht in die nächste Runde.

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