"Gestern, am 20.8.1968, um 23 Uhr, haben die Truppen des Warschauer Paktes die Staatsgrenze der tschechoslowakischen, sozialistischen Republik überschritten."
Das sind historische Stunden. Hier wird der Stab gebrochen über den Sozialismus Stalinscher Prägung, auch wenn die Tschechen und Slowaken in einem Meer von Blut und Tränen versinken sollten. Erst wenn der Funke in der Sowjetunion selbst aufflammt, denke ich, wird er nicht mehr ausgetreten werden können.
Der das notiert, ist Hartmut Zwahr, ein damals 32 Jahre alter Historiker an der Universität Leipzig. Tage- und nächtelang sitzt er vor dem Radio, lauscht den tschechischen Sendern, die, immer wieder unterbrochen von russischen Störsendern, vom Verlauf der Besetzung der Tschechoslowakei durch fünf "Bruderstaaten" berichten.
"Der tschechoslowakische Rundfunk konnte die Erklärung des Präsidiums der Nationalversammlung in den Morgenstunden kurz vor 7 Uhr wegen der Ausschaltung immer weiterer Sender nicht senden. Ich weiß nicht, ob sie uns, liebe Hörer, jetzt hören können. Warten sie die Anordnungen unserer Regierung, des Präsidiums unseres Parlaments ab!"
Hartmut Zwahr schaltet sich von Regionalsender zu Regionalsender, Prag, Brno, Usti - wo immer die Störsender einen Empfang ermöglichen. Fieberhaft schreibt er das auf, was Tage oder gar schon Minuten später überholt sein könnte.
9.20 Uhr: Die Tanks vor dem Rundfunkgebäude ziehen sich zurück und werden durch leichte Panzer ersetzt. Annette fragt, was ich für die Familie zu tun gedenke. Ich sitze im Schlafanzug auf einer Decke neben dem Radio. 10.50 Uhr: Es meldet sich wieder Prag. Prag ruft Usti nad Labem. Usti meldet sich. Sie sind besetzt. Die tschechoslowakische Armee rührt keine Hand für die Okkupanten.
11 Uhr: Ich muss ins Institut. Hoffentlich keine Gewerkschaftsversammlung zur TASS-Erklärung organisieren.
16.30 Uhr: Unsere Presse, die aus der Prawda schöpft, bringt eine unglaubliche Verdrehung der Tatsachen.
"Es war die Absicht, zu dokumentieren, festzuhalten, Vergessen zu verhindern, und damit zu einem späteren Zeitpunkt, den niemand kannte, eine gewisse Durchleuchtung dieser Ereignisse zu ermöglichen oder meinen Standpunkt zu sichern. Dieses Verstummen vor der Macht, aus Erfahrung. Und das ist heute schon schwer nachzuvollziehen."
Der Autor, heute emeritierter Professor der Geschichte, misstraut der Erinnerung, weil sie zu viel Gegenwart enthält. Er läßt sein Tagebuch sprechen, von Frühjahr 1968 bis zum Frühjahr 1970, unkommentiert und ungekürzt, mit allen Fehleinschätzungen und Längen, jedoch ohne Banalitäten. So erlebt der Leser die Ereignisse nicht mit den Augen des Zurückschauenden, sondern des staunenden, hoffenden, enttäuschten, verzweifelten Augen- und Ohrenzeugen der Ereignisse des Sommers ´68; noch einmal fiebert er mit, ob ein Stück Freiheit, ein Stück Menschlichkeit, ein Stück Demokratie in einem Ostblockland verwirklicht werden sollte. Nach der ersten Erschütterung beim Einmarsch keimt noch einmal Hoffnung in dem jungen Tagebuchschreiber, die Hoffnung, dass es keine Kollaboration mit den russischen Invasoren geben könnte, dass die nach Moskau verschleppte Staatsführung durch permanente Beschwörung ihrer Legitimität doch noch an die Schalthebel zurückkehren könnte.
Ich könnte in die Luft springen vor Freude, sie lassen sich nicht schmeißen, sie sind da, sie handeln. Das sind Tatsachen, die vor der Geschichte zählen werden. Der Parteitag erklärt sich als permanent. Authentische Ausschnitte aus den Verhandlungen. Unglaublich. Sie haben die Sender wieder zusammen. Es meldet sich Bratislava. Ich werte dies, dass der erste Schock überwunden ist. Ich war sehr niedergedrückt gestern. Eine Hoffnung schien zu enden - auf Jahre. Was will Ulbricht den Genossen nun sagen? Die Rückwirkungen kommen noch. Es ist schon der Anfang vom Ende, ich bin davon fest überzeugt. Sie haben sich moralisch zu Tode geritten. Alles andere ist eine Frage der Zeit.
Der Leser weiß es natürlich besser, die Hoffnung auf Freiheit musste noch bis 1989 ausharren. Keineswegs jedoch spricht das gegen Zwahrs Tagebücher. Denn sie sind viel mehr als ein Protokoll der Niederschlagung des Prager Frühlings. Sie protokollieren die Auswirkungen der tschechischen Reformen und deren Revision auf die DDR und auf deren Bürger.
26. August: Leipziger Volkszeitung. Beim Lesen bricht mir der Schweiß aus. Ungeheuerlich werden die Menschen belogen. Ich kann das beurteilen, weil ich die Ereignisse seit Februar mit aller Anspannung verfolgt und in mich aufgenommen habe. Wer bei uns, umgeben von Sektierern, redet, wird zu Boden gestampft. Sie kennen keine Argumente, diese Panzerkommunisten. Annette will heute an unserem ersten Hochzeitstag tanzen gehen. Ich kann nicht tanzen, wo sich das alles ereignet.
Zwahr beschreibt frustriert und angewidert Parteikarrieren, die geistige Verflachung der Universitäten, die unerträgliche intellektuelle Langeweile. Der Leser erlebt ein Parteiausschluss-Verfahren als moderne Form der Hexenverbrennung. Noch aus dem Nichtgesagten spürt man die Scham des Tagebuchschreibers. Er beschreibt die Zumutungen, die Peinlichkeiten und Absurditäten des DDR-Sozialismus; er berichtet von quälenden tage- und nächtelangen Parteiversammlungen, Parteigruppen, Parteiwahlen, Kreisparteiaktiven, Gewerkschaftsversammlungen, notiert Phrase um Phrase; er legt Zeugnis ab von einem Leben, in das sich die Ideologie tagtäglich einmischt, das Private verdrängt, das Spontane, das Lebendige. Er schildert, wie alle mitmachen, wie von "oben" geforderte Bekenntnisse zu hohlen Worthülsen werden.
Das Bibliographische Institut hat die Auflage erhalten, sieben Päckchen für aus der ČSSR zurückkehrende sowjetische Soldaten im Wert von etwa je 4 Mark zu packen. "Liebessendungen für die Front". Das haben unsere Leute gelernt, und sie packen.
Was uns jetzt trifft, ist bitter wie Wermut, es ist entehrend, eine Schmach. Jetzt werden die Genossen auf die Massen losgelassen, damit keine falsche Diskussion "hochkommt". Ich muss jetzt denen, die ebenso denken und empfinden wie ich, klarmachen, dass diese Verbrechen, dieses Abenteuer kein Verbrechen, kein Abenteuer war, sondern den Sozialismus gerettet hat, ein leuchtendes Beispiel proletarischen Internationalismus gewesen ist. Jeden Satz könnte ich widerlegen, aber man muss sich den Mund zukleben, es wäre eine sinnlose Tat. So verkrüppelt der Mensch im entwickelten System. Das ist bitter! Ich beginne zu zweifeln, wie ich die Geschichte überhaupt noch deuten soll.
Um 8 Uhr muss ich in der Fakultätsparteileitung sein. Ich bin hemdsärmelig, habe das Jackett über den Arm gelegt, weil ich noch immer kein Parteiabzeichen trage und auch nicht tragen werde.
Man kann diese Haltung als innere Emigration bezeichnen, man kann dem Autor aber auch vorwerfen, mit der geballten Faust in der Tasche die Lebenslügen des sozialistischen Regimes mit verbreitet zu haben. Viel wichtiger erscheint aber heute, die politischen und menschlichen Verbiegungen zu beleuchten, die Deformationen hinterlassen haben.
"Eine Folge der Erfahrung von `68: Ich habe in meinem beruflichen Umfeld keine neuen Freundschaften mehr geschlossen, in diesen 20 Jahren, nicht eine! "
Hartmut Zwahrs Tagebuch lässt noch einmal ein ganzes Jahr auferstehen, vielschichtig und formenreich: Da sind atemlose Mitschriften vorm Radio, Übersetzungen aus tschechischen Zeitungen, auf der Straße aufgeschnappte Witze, Protokolle von Parteiversammlungen, ängstliche Briefe des Vaters, die groteske Geschichte vom Kohlenmangel Weihnachten 1968.
Auffällig, gerade in der intimen Form des Tagebuchs: Das fehlende ICH. Fast immer schreibt Zwahr vom WIR. Er bemerkt es selbstkritisch am Ende des Buches.
"Dieses WIR, es ist Zeitgeist. Aber, das WIR war auch von der Verantwortung getragen für bestimmte Dinge, die eben in dem gesamtgesellschaftlichen Denken der DDR enthalten war."
Am Ende der Aufzeichnungen - hier wird er privater, resignierter, mitunter zynischer - betrachtet Zwahr, selbst erst 33 Jahre alt, "die Jugend", mit einer Mischung aus Unverständnis und Faszination, ihre Lockerheit, ihre "beängstigend kurzen Röcke":
Ihre ganze Lebensart ist ein massiver Protest gegen das totale Verplantwerden, die totale Erfassung, gegen Lenkung und Verwurstung.
Er konnte damals nicht absehen, dass auch diese Jugend noch 20 Jahre würde warten müssen. Doch möglicherweise war es diese Jugend, die den Schritt vom WIR zum ICH machte und sich damit selbst befreite.
Henry Bernhard über Hartmut Zwahr: Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970. Veröffentlicht im Dietz Verlag Bonn, 434 Seiten für 36 Euro.
Das sind historische Stunden. Hier wird der Stab gebrochen über den Sozialismus Stalinscher Prägung, auch wenn die Tschechen und Slowaken in einem Meer von Blut und Tränen versinken sollten. Erst wenn der Funke in der Sowjetunion selbst aufflammt, denke ich, wird er nicht mehr ausgetreten werden können.
Der das notiert, ist Hartmut Zwahr, ein damals 32 Jahre alter Historiker an der Universität Leipzig. Tage- und nächtelang sitzt er vor dem Radio, lauscht den tschechischen Sendern, die, immer wieder unterbrochen von russischen Störsendern, vom Verlauf der Besetzung der Tschechoslowakei durch fünf "Bruderstaaten" berichten.
"Der tschechoslowakische Rundfunk konnte die Erklärung des Präsidiums der Nationalversammlung in den Morgenstunden kurz vor 7 Uhr wegen der Ausschaltung immer weiterer Sender nicht senden. Ich weiß nicht, ob sie uns, liebe Hörer, jetzt hören können. Warten sie die Anordnungen unserer Regierung, des Präsidiums unseres Parlaments ab!"
Hartmut Zwahr schaltet sich von Regionalsender zu Regionalsender, Prag, Brno, Usti - wo immer die Störsender einen Empfang ermöglichen. Fieberhaft schreibt er das auf, was Tage oder gar schon Minuten später überholt sein könnte.
9.20 Uhr: Die Tanks vor dem Rundfunkgebäude ziehen sich zurück und werden durch leichte Panzer ersetzt. Annette fragt, was ich für die Familie zu tun gedenke. Ich sitze im Schlafanzug auf einer Decke neben dem Radio. 10.50 Uhr: Es meldet sich wieder Prag. Prag ruft Usti nad Labem. Usti meldet sich. Sie sind besetzt. Die tschechoslowakische Armee rührt keine Hand für die Okkupanten.
11 Uhr: Ich muss ins Institut. Hoffentlich keine Gewerkschaftsversammlung zur TASS-Erklärung organisieren.
16.30 Uhr: Unsere Presse, die aus der Prawda schöpft, bringt eine unglaubliche Verdrehung der Tatsachen.
"Es war die Absicht, zu dokumentieren, festzuhalten, Vergessen zu verhindern, und damit zu einem späteren Zeitpunkt, den niemand kannte, eine gewisse Durchleuchtung dieser Ereignisse zu ermöglichen oder meinen Standpunkt zu sichern. Dieses Verstummen vor der Macht, aus Erfahrung. Und das ist heute schon schwer nachzuvollziehen."
Der Autor, heute emeritierter Professor der Geschichte, misstraut der Erinnerung, weil sie zu viel Gegenwart enthält. Er läßt sein Tagebuch sprechen, von Frühjahr 1968 bis zum Frühjahr 1970, unkommentiert und ungekürzt, mit allen Fehleinschätzungen und Längen, jedoch ohne Banalitäten. So erlebt der Leser die Ereignisse nicht mit den Augen des Zurückschauenden, sondern des staunenden, hoffenden, enttäuschten, verzweifelten Augen- und Ohrenzeugen der Ereignisse des Sommers ´68; noch einmal fiebert er mit, ob ein Stück Freiheit, ein Stück Menschlichkeit, ein Stück Demokratie in einem Ostblockland verwirklicht werden sollte. Nach der ersten Erschütterung beim Einmarsch keimt noch einmal Hoffnung in dem jungen Tagebuchschreiber, die Hoffnung, dass es keine Kollaboration mit den russischen Invasoren geben könnte, dass die nach Moskau verschleppte Staatsführung durch permanente Beschwörung ihrer Legitimität doch noch an die Schalthebel zurückkehren könnte.
Ich könnte in die Luft springen vor Freude, sie lassen sich nicht schmeißen, sie sind da, sie handeln. Das sind Tatsachen, die vor der Geschichte zählen werden. Der Parteitag erklärt sich als permanent. Authentische Ausschnitte aus den Verhandlungen. Unglaublich. Sie haben die Sender wieder zusammen. Es meldet sich Bratislava. Ich werte dies, dass der erste Schock überwunden ist. Ich war sehr niedergedrückt gestern. Eine Hoffnung schien zu enden - auf Jahre. Was will Ulbricht den Genossen nun sagen? Die Rückwirkungen kommen noch. Es ist schon der Anfang vom Ende, ich bin davon fest überzeugt. Sie haben sich moralisch zu Tode geritten. Alles andere ist eine Frage der Zeit.
Der Leser weiß es natürlich besser, die Hoffnung auf Freiheit musste noch bis 1989 ausharren. Keineswegs jedoch spricht das gegen Zwahrs Tagebücher. Denn sie sind viel mehr als ein Protokoll der Niederschlagung des Prager Frühlings. Sie protokollieren die Auswirkungen der tschechischen Reformen und deren Revision auf die DDR und auf deren Bürger.
26. August: Leipziger Volkszeitung. Beim Lesen bricht mir der Schweiß aus. Ungeheuerlich werden die Menschen belogen. Ich kann das beurteilen, weil ich die Ereignisse seit Februar mit aller Anspannung verfolgt und in mich aufgenommen habe. Wer bei uns, umgeben von Sektierern, redet, wird zu Boden gestampft. Sie kennen keine Argumente, diese Panzerkommunisten. Annette will heute an unserem ersten Hochzeitstag tanzen gehen. Ich kann nicht tanzen, wo sich das alles ereignet.
Zwahr beschreibt frustriert und angewidert Parteikarrieren, die geistige Verflachung der Universitäten, die unerträgliche intellektuelle Langeweile. Der Leser erlebt ein Parteiausschluss-Verfahren als moderne Form der Hexenverbrennung. Noch aus dem Nichtgesagten spürt man die Scham des Tagebuchschreibers. Er beschreibt die Zumutungen, die Peinlichkeiten und Absurditäten des DDR-Sozialismus; er berichtet von quälenden tage- und nächtelangen Parteiversammlungen, Parteigruppen, Parteiwahlen, Kreisparteiaktiven, Gewerkschaftsversammlungen, notiert Phrase um Phrase; er legt Zeugnis ab von einem Leben, in das sich die Ideologie tagtäglich einmischt, das Private verdrängt, das Spontane, das Lebendige. Er schildert, wie alle mitmachen, wie von "oben" geforderte Bekenntnisse zu hohlen Worthülsen werden.
Das Bibliographische Institut hat die Auflage erhalten, sieben Päckchen für aus der ČSSR zurückkehrende sowjetische Soldaten im Wert von etwa je 4 Mark zu packen. "Liebessendungen für die Front". Das haben unsere Leute gelernt, und sie packen.
Was uns jetzt trifft, ist bitter wie Wermut, es ist entehrend, eine Schmach. Jetzt werden die Genossen auf die Massen losgelassen, damit keine falsche Diskussion "hochkommt". Ich muss jetzt denen, die ebenso denken und empfinden wie ich, klarmachen, dass diese Verbrechen, dieses Abenteuer kein Verbrechen, kein Abenteuer war, sondern den Sozialismus gerettet hat, ein leuchtendes Beispiel proletarischen Internationalismus gewesen ist. Jeden Satz könnte ich widerlegen, aber man muss sich den Mund zukleben, es wäre eine sinnlose Tat. So verkrüppelt der Mensch im entwickelten System. Das ist bitter! Ich beginne zu zweifeln, wie ich die Geschichte überhaupt noch deuten soll.
Um 8 Uhr muss ich in der Fakultätsparteileitung sein. Ich bin hemdsärmelig, habe das Jackett über den Arm gelegt, weil ich noch immer kein Parteiabzeichen trage und auch nicht tragen werde.
Man kann diese Haltung als innere Emigration bezeichnen, man kann dem Autor aber auch vorwerfen, mit der geballten Faust in der Tasche die Lebenslügen des sozialistischen Regimes mit verbreitet zu haben. Viel wichtiger erscheint aber heute, die politischen und menschlichen Verbiegungen zu beleuchten, die Deformationen hinterlassen haben.
"Eine Folge der Erfahrung von `68: Ich habe in meinem beruflichen Umfeld keine neuen Freundschaften mehr geschlossen, in diesen 20 Jahren, nicht eine! "
Hartmut Zwahrs Tagebuch lässt noch einmal ein ganzes Jahr auferstehen, vielschichtig und formenreich: Da sind atemlose Mitschriften vorm Radio, Übersetzungen aus tschechischen Zeitungen, auf der Straße aufgeschnappte Witze, Protokolle von Parteiversammlungen, ängstliche Briefe des Vaters, die groteske Geschichte vom Kohlenmangel Weihnachten 1968.
Auffällig, gerade in der intimen Form des Tagebuchs: Das fehlende ICH. Fast immer schreibt Zwahr vom WIR. Er bemerkt es selbstkritisch am Ende des Buches.
"Dieses WIR, es ist Zeitgeist. Aber, das WIR war auch von der Verantwortung getragen für bestimmte Dinge, die eben in dem gesamtgesellschaftlichen Denken der DDR enthalten war."
Am Ende der Aufzeichnungen - hier wird er privater, resignierter, mitunter zynischer - betrachtet Zwahr, selbst erst 33 Jahre alt, "die Jugend", mit einer Mischung aus Unverständnis und Faszination, ihre Lockerheit, ihre "beängstigend kurzen Röcke":
Ihre ganze Lebensart ist ein massiver Protest gegen das totale Verplantwerden, die totale Erfassung, gegen Lenkung und Verwurstung.
Er konnte damals nicht absehen, dass auch diese Jugend noch 20 Jahre würde warten müssen. Doch möglicherweise war es diese Jugend, die den Schritt vom WIR zum ICH machte und sich damit selbst befreite.
Henry Bernhard über Hartmut Zwahr: Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970. Veröffentlicht im Dietz Verlag Bonn, 434 Seiten für 36 Euro.