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StartseiteBüchermarkt"Mit einer Orange kann ich viel machen"03.12.2010

"Mit einer Orange kann ich viel machen"

Der Freiburger Verlag Orange Press im Porträt

In Freiburg haben sie die Antennen auf den Zeitgeist gerichtet. Bücher über "Guerrilla Gardening" oder den Protestkoch Wam Kat finden sich im Programm des jungen Sachbuchverlags Orange Press. Rückgrat des Verlags ist aber die "absolute"-Reihe zu Denkern und Schlüsseldiskursen des 20. Jahrhunderts.

Von Nils Kahlefendt

Orange suggeriert Jugendlichkeit, darauf setzt der Verlag Orange Press ebenso wie ZDF oder Hugo Boss. (Franz Michael Rohm)
Orange suggeriert Jugendlichkeit, darauf setzt der Verlag Orange Press ebenso wie ZDF oder Hugo Boss. (Franz Michael Rohm)
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Kochen gegen Castor

Unglaubliche 15 Jahre ist es her, dass die Band Tocotronic den tragikomischen Weltschmerz der Provinzjugend in einem Song namens "Freiburg" verewigt hat. Seitdem ist viel Wasser die Dreisam hinuntergelaufen und in Berlin, Hamburg und München wurden jede Menge hippe Verlage gegründet. Genau davon wollte Martin Baltes, der in Freiburg studiert hatte und dann irgendwie hängen geblieben war, strikt die Finger lassen. Er arbeitete für große und etwas kleinere Häuser als freier Übersetzer und Lektor, das sollte reichen. Doch als Baltes zu Beginn der Nullerjahre für diverse deutsche Verlage als Scout in den USA auf Trüffelsuche ging, war es mit den guten Vorsätzen vorbei.

"Man findet natürlich Dinge vor auf diesem amerikanischen Markt, die keiner haben möchte, die einem interessant erscheinen. Und so bildet sich dann doch zwangsläufig so eine Art Verlagsmatrix nebenher aus, wo man sich sagte: Das gibt's doch überhaupt nicht! Warum möchte eigentlich niemand diese Bücher machen, die ja viel interessanter mir erschienen? Dann ist doch erst ein "virtueller Verlag" entstanden - und irgendwann doch der Schritt gekommen, es zu riskieren. Und ansonsten habe ich dann einfach einen Businessplan geschrieben für den Verlag. So um 2000, 2001 waren die Banken durchaus noch in der Lage und bereit, auch so was Risikoreiches wie bedrucktes Papier zu finanzieren. "

Einen Namen, der für frische Ideen stehen und sich dazu noch leicht merken lassen sollte, hatte Baltes alsbald zur Hand:

"Orange Press schien mir da in vielerlei Hinsicht geeignet. Weil das recht assoziativ ist: Da steckt Yellow Press drin - ist aber dann doch nicht Yellow Press. Und mit einer Orange kann ich viel machen, das ist zugleich eine Form und das ist eine Farbe. Das ist was, womit man was tun kann, womit wir auf den ersten Messen natürlich auch stärker gearbeitet haben. "

Der Verlagsstand, an dem zwischen Büchern kistenweise Südfrüchte kugelten, erweckte Aufmerksamkeit. In Zeiten, da man vom Zweiten Deutschen Fernsehen bis zum Modelabel Hugo Boss aufs Jugendlichkeit suggerierende Orange setzte, lag Baltes voll im Trend. Doch eine andere Weichenstellung war weitaus wichtiger: Während die meisten der in jenen Jahren gestarteten jungen, unabhängigen Verlage ihr Glück mit Belletristik versuchten, setzte Orange Press von Beginn an auf ebenso anspruchsvolle wie zugängliche Sachbücher.

"Bevor der Name vom Verlag feststand, gab's bereits das ganze Konzept der 'absolute'-Reihe, das wir im Grunde mit vier Personen entwickelt haben. Nämlich der Rainer Höltschl und Klaus Theweleit, die die ersten beiden Herausgeber der Reihe waren, zusammen mit unserer Grafikerin, der Annette Schneider aus Mainz, haben wir eben ein Sachbuch-Konzept erarbeitet, das wir bewusst gegen diese traditionellen 'Einführungen' stellen wollten. Und zwar in der Hinsicht, dass wir gesagt haben: Die Einführung ist eigentlich eine Umgehungsstraße. Das hilft mir, später über irgendwelche Autoren zu reden, ohne jemals einen Satz von denen gelesen zu haben. Der andere große Nachteil - oder die andere große schlechte Dynamik der Einführung ist: Der, der eine Einführung schreibt, muss eigentlich immer so tun, als sei der Gegenstand, über den er schreibt, für den Leser zu schwierig. Und tut eigentlich das Gegenteil von dem, was er verspricht: Er öffnet nicht den Diskurs, sondern er verschließt den. Und wir wollten dem was entgegensetzen."

Die "absolute"-Reihe, in der bis heute 17 Bände erschienen sind, bildet noch immer das Rückrat des Verlags. Ihr Anspruch ist es, anhand ausgewählter Denkerinnen und Denker - das Spektrum reicht von Charles Darwin über Paul Feyerabend und Noam Chomsky bis zu Foucault, Baudrillard oder Simone de Beauvoir - Schlüsseldiskurse des 20. Jahrhunderts darzustellen - und damit den Einstieg in die Diskussionskultur des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. Im besten Fall entstehen so intellektuelle Biografien, in denen sich Lebensgeschichte und theoretisches Werk zu einem organischen Ganzen verbinden. Doch auch für Reader zu Parapsychologie oder - derzeit hochaktuell - Feminismus - ist die Reihe offen.

Sammelbände, die das Format restlos sprengen würden, erscheinen unter dem augenzwinkernd abgewandelten Reihentitel 'absolute(ly)': Jüngstes, höchst unterhaltsames Beispiel ist "Big Lebowski", ein Text-Feuerwerk amerikanischer Kulturwissenschaftler, deren Symposium zum Werk der Coen-Brüder in einer Bowlinghalle in Kentucky über die Bühne ging. 'The Medium is the Message' - das weiß Baltes, seit er mit seinen Freiburger Studienkollegen Marshall McLuhan übersetzte. Auch Theorie kann 'cool' sein, wenn man sie entsprechend verpackt.

"In der Reflexion über den Verlag, da war diese "Elektrifizierung" des Buchs natürlich durchaus schon Thema. Das heißt, zu überlegen: Was macht man: Wie müssen eigentlich Bücher gestaltet werden? Welche Inhalte transportieren und wie aussehen? Welche Funktion erfüllen? In einem Umfeld, das tendenziell den Buchdruck beseitigt? Und von daher war das für uns ganz wichtig, dass die Bücher ein auffälliges Format haben, ein auffälliges Erscheinungsbild haben. Dass man auf alles achtet: Auf Bindung, auf Papier, auf Schriften und auf die gesamte Gestaltung."

Anfangs wurden die Titel der "absolute"-Reihe sogar in Schweizer Broschur produziert, wobei die Heftfäden in der Farbe des Umschlags gehalten waren. Nachdem unbedarfte Buchhändler, des offenen Rückens wegen, "Mängelexemplare" in Serie remittierten, gab man die bibliophile Raffinesse, schweren Herzens, auf. Treu geblieben ist sich Orange Press im Willen, schöne, aus dem Rahmen fallende Sach-Titel zu Themen zu publizieren, die in der Luft liegen: Von Bankenkrise und Genfood bis zu "Guerilla Gardening" und dem längst fälligen Auto-Buch für unsere post-automobile Gesellschaft, in der die Bahn-Card 100 die frisch geputzte S-Klasse im Vorgarten als Statussymbol abgelöst hat.

All das Bücher, die natürlich auch in Konzernverlagen erscheinen könnten. Undine Löhfelm, die vor fünf Jahren ihren Job als Art Directorin einer großen niederländischen Wochenzeitung quittierte und heute in Freiburg die Zügel in der Hand hält, erklärt, warum Orange Press nicht selten die Nase vorn hat:

"Es hat mit der Schnelligkeit sicher was zu tun, aber es ist auch irgendwie der Vorteil des Gespürs und der Zufälligkeit in der Kombination. So haben wir zum Beispiel das 'Guerilla Gardening' entdeckt - da habe ich in einer winzigen holländischen Publikation einen Hinweis drauf gesehen. Und dann ist es nun mal so, dass das irgendwie nicht weiter gereicht wird zu einer anderen Abteilung, die dann eventuell drauf reagiert oder so. Sondern ich hab' direkt angerufen."

In Freiburg haben sie die Antennen auf den Zeitgeist gerichtet. Manchmal hilft auch der Zufall kräftig mit - wie im Fall der "24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung", ein Buch des holländischen Küchen-Guerrilleros Wam Kat.

Martin Baltes:

"Das ist so entstanden, dass mein Sohn auf'm G 8-Gipfel rumdemonstriert hat. Und zurückkam und sagte: Boa, ich war in so'nem Camp, und das Essen war ganz toll. Und das war immerhin in einem Camp, in dem vielleicht 10.000 Leute oder so was verköstigt wurden. Und dann zwei Tage später kommt er mit der TAZ und sagt: Schau mal, der Typ war das übrigens, der hat da gekocht. Und, ja, dann haben wir direkt mit ihm Kontakt aufgenommen und ihn gefragt: Was hältst du davon? Hast du nicht Lust, ein politisches Buch mit Geschichten und Rezepten zu machen, die so deine verschiedenen politischen Aktivitäten von der Besetzer-Szene in Holland über die Friedensmärsche und die Aktivitäten in Jugoslawien abdecken können? Und das Ganze sehr konkret irgendwie erzählen, mit den Materialien, und wie macht man das überhaupt? Wenn man 500 Kilo Reis kochen muss und so."

Bei Verlagen wie Orange Press, die nur über ein äußerst schmales Werbe-Budget verfügen, sollte jedes Buch eine eigene "Plattform" mitbringen. Das kann, wie im Fall von Wam Kat, der Autor selbst sein, der mit seiner "Fahrenden Gerüchteküche" auf Tour geht; oft ist auch ein rundes Jubiläum hilfreich. Bei "Making Woodstock" ging die Sache schief; die meisten Journalisten benutzen die mit lakonischem Charme erzählte Geschichte des legendären Festivals im letzten Jahr lediglich als billige Info-Quelle. Kommerziell am erfolgreichsten waren für Orange Press bislang jene Bücher, die zu Kinofilmen des Österreichers Erwin Wagenhofer erschienen sind. Von "We feed the World" und "Let's make Money" wurden jeweils 20.000 Exemplare verkauft, Lizenzen gingen nach Frankreich und Korea.

Undine Löhfelm:

"Irgendwann ist es so, dass die Leute, die die Filme machen, auf uns zukommen und sagen: Es ist ein Prinzip, was uns überzeugt. Dass Dokumentarfilme überhaupt im Kino laufen, die einen anderen Anspruch haben als zu sagen, es sind Tierfilme für die ganze Familie, ist ein relativ neues Phänomen. Aber wird stärker. Und da gibt es natürlich auch einen Bedarf, Bücher zu machen zu komplexen Themen, die der Film zwar anreißen kann und emotional ein bisschen aufwerfen kann - aber eben nicht erklären kann."

Kein Zufall, dass die Übersetzung des Sachbuch-Bestsellers "Dreamland", in dem der junge isländische Autor und Filmemacher Andri Magnason den Turbo-Kapitalismus der Banken und den Ausverkauf der Natur an international agierende Konzerne beschreibt, im kommenden Frühjahr bei Orange Press erscheinen wird. Der kollegiale Tipp kam von einem großen deutschen Verlag. Derlei Anerkennung tut gut, trotzdem bleiben sie in Freiburg auf dem Teppich. Noch haben Buchtitel wie "Let's make Money" keinen Einfluss auf das verlegerische Unterbewusstsein.

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