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StartseiteEuropa heuteMit Immigranten leben06.09.2010

Mit Immigranten leben

Die Abschiebepraxis Frankreichs stößt in Spanien auf Unverständnis

Wie mit der Roma-Minderheit in Frankreich umgegangen wird, das wird auch in Spanien genau verfolgt - und erntet häufiges Kopfschütteln. Millionen Einwanderer aus Südamerika und Afrika sind in den letzten Jahren auf die iberische Halbinsel gekommen - und trotz der Konkurrenz um Arbeitsplätze bemüht man sich um ein friedliches Miteinander.

Von Daniel Sulzmann

Afrikanische Immigranten stehen in einem Auffanglager in der spanischen Exklave Melilla in Marokko für Essen an. (AP Archiv)
Afrikanische Immigranten stehen in einem Auffanglager in der spanischen Exklave Melilla in Marokko für Essen an. (AP Archiv)

Nein, sagt der alte Mann auf Madrids Prachtstraße Gran Via, das doch alles nur ein politische Sache, was da in Frankreich passiert.

Und die Gitanos, die Zigeuner, wie man sie in Spanien nennt, die lebten eben hier genau wie alle anderen:

"Viven, no!" sagt er mit einem verschmitzten Grinsen.

Die ganze Debatte über den Umgang der Franzosen mit den Roma und die Ausweisung nach Rumänien verfolgen viele Spanier mit Kopfschütteln. Zwar gibt es auch hier immer wieder Probleme mit den spanischen Zigeunern, die sich selbst gitanos nennen und überwiegend zum Volk der Kalé gehören, aber Eugenio zum Beispiel kann das überhaupt nicht gut heißen, was da in Frankreich passiert.

"Das ist doch reine Ausländerfeindlichkeit und wir hoffen, dass es bald aufhört."

Denn es gebe ja überall solche und solche Menschen:

"Mein Gott, es gibt doch überall auf der Welt gute und böse Leute, es gibt Leute die sind egoistischer und andere tun eben mehr für andere, so läuft das doch überall auf der Welt."

Mindestens 600.000 spanische Zigeuner leben überwiegend im Süden des Landes, vor allem in Andalusien. Dort leben sie wie im Rest von Spanien in "poblaciones gitanas" , in Zigeunervierteln, die meist mehr einen Barackencharakter haben, die Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind hoch.

In Tresmilviviendas einer Zigeunersiedlung im Süden von Sevilla, versucht ein Flamencozentrum, den jungen Leuten wieder ihre eigene Kultur bewusst zu machen, Sozialarbeiter Paco:

"Wir versuchen auch immer ein Bild der Geschichte der Gitanos zu vermitteln. Wir glauben, dass wir so über die eigenen Identität ein Zusammenleben der Gesellschaft wiederaufleben lassen können und die Gitanos ein Bewusstsein der eigenen Kultur haben."

Denn die Gitanos leben ziemlich abgeschottet von den anderen Spaniern. Und trotzdem sie mit ihrer Kultur des Flamenco das Bild Spaniens entscheidend geprägt haben, sind sie vielfach nicht integriert. Auch in Spanien waren diese Menschen lange Diskriminierungen ausgesetzt, die Guardia Civil, die spanische Polizei machte lange Zeit und natürlich besonders unter Franco Jagd auf die Gitanos.

Doch der Umgang mit anderen Völkern hat in Spanien insgesamt einen anderen Charakter. Niemand hier hat gefordert, die Kalé zurückzuführen. Wohin auch, sie leben seit Jahrhunderten hier, ohne sie gäbe es keinen Flamenco. Und der Umgang mit den spanischen Zigeunern zeigt in großem Maße, wie die Mehrheit der Spanier auf Menschen anderer Nationen, Rassen oder Religionen schaut.

Millionen Einwanderer aus Südamerika und Afrika sind in den letzten Jahren auf die iberische Halbinsel gekommen. Basileo aus Bolivien ist einer von Ihnen, er hat Arbeit als Kellner und zum Verhältnis von Spanien und Immigranten fällt ihm ein:

"Die Spanier haben doch große Vorteile von der Arbeit der Immigranten, wenn es uns nicht gäbe dann wäre doch auch kein Geld mehr um die Rente der Spanier zu bezahlen, wenn sie und keine Papiere geben, dann schneiden sie sich doch ins eigene Fleisch, weil den Rentnern dann die Pensionen kürzen müssten."

Und sein Freund Mateo, der neben ihm auf der Bank auf einem kleinen Platz in der Altstadt von Madrid sitzt, ergänzt:

"Nein, das ist schon gut, dass sie uns unterstützen, aber andererseits ist auch schlecht hier, weil es so viele Leute im Moment gibt, die ohne Papiere hier leben müssen."

Denn wer Papiere hat, der kann nach wenigen Jahren einen Einbürgerungsantrag stellen, besonders, wenn er aus den Ex-Kolonien Spaniens in Südamerika kommt. Und obwohl natürlich der Kampf um die Arbeitsplätze im krisengeschüttelten Spanien längst voll entbrannt ist, wollen nicht alle ihre optimistische Sicht aufgeben.

Luis Miguel, selbst Spanier, der gerade vorbeikommt, sagt:

"Es ist natürlich viel schwieriger für die Immigranten, gut bezahlte Arbeitsplätze zu finden, aber ganz unmöglich ist es auch nicht."

Aber was die Debatte und den Umgang mit den Roma in Frankreich angeht, da vertritt er eindeutig die Mehrheitsmeinung in Spanien:

"Ja, wenn sie zurückwollen, dann kann man sie ja unterstützen, aber sie so abzutransportieren, na ja, es sind ja immer noch EU-Bürger."

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